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Wissen Warum diese Anwältin gern mal „Was soll der ganze Mist?“ in den Gerichtssaal rufen würde
Nachrichten Wissen Warum diese Anwältin gern mal „Was soll der ganze Mist?“ in den Gerichtssaal rufen würde
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17:54 08.10.2019
Nina Katrin Straßner ist Rechtsanwältin, Mediatorin und Fachanwältin für Arbeitsrecht. Außerdem bloggt sie als Juramama. Sie lebt mit ihrer Familie in Kiel. Quelle: Nina Katrin Straßner
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Nina, du bist Anwältin und Bloggerin, das ist eine lustige Mischung, die dich aber ziemlich gut beschreibt. Was bringt dir das Schreiben neben der Juristerei?

Anwältin sein gilt ja jetzt nicht gerade als ein fröhlicher Beruf mit viel guter Laune, kreativer Selbstverwirklichung und Arbeiten an der frischen Luft. Im Studium habe ich teilweise auch gedacht, ich sterbe demnächst vor Langeweile. Aber die Praxis kann tatsächlich ganz anders aussehen. Mit dem Arbeitsrecht habe ich mir zudem ein hochemotionales Fachgebiet ausgesucht, in dem ganz schön die Fetzen fliegen können und das Leben tobt. Ich muss das ganze Interessante leider nur immer gestelzt in feinstem Juristendeutsch verpacken. „Der Auffassung des Beklagten konnte diesbezüglich nicht zugestimmt werden“ ist deutlich langweiliger als „Was soll denn der ganze Mist jetzt?“, obwohl manchmal genau das damit gemeint ist. Da kommt mir das freie Schreiben über meine Arbeit und über die Probleme meiner Generation total entgegen. Das wirkt quasi wie ein guter Schnaps nach einem Gyrosteller beim Griechen und ich kann meine Leser ein wenig mitnehmen hinter die Kulissen.

Nun hast du ja auch ein ziemlich amüsantes Buch - „Keine Kinder sind auch keine Lösung“ – über Recht und Familien geschrieben (ja wirklich, Jura und Humor schließen sich nicht aus!), wie waren denn dazu die Rückmeldungen von deinen Kollegen aus der Rechtsbranche?

Wären sich Juristen immer einig, dürften Frauen heute noch keinen Job annehmen ohne ihre Gatten oder Väter vorher um Erlaubnis zu bitten.

Bisher waren die Reaktionen durchweg positiv. Die Kollegen und Kolleginnen kennen diese Probleme und auch die Gespräche hinter vorgehaltener Hand. Mein Berufsstand ist eigentlich viel lässiger als man gemeinhin vermuten würde. Außerdem sind wir Kritik und andere Meinungen ja umfangreichst gewohnt, wir leben davon und damit. Wären sich Juristen immer einig, dürften Frauen heute noch keinen Job annehmen ohne ihre Gatten vorher um Erlaubnis zu bitten. So entsteht Bewegung und Reibung und das bringt uns nach vorne. Diejenigen, die mein Buch mochten, fanden direkte offene, freundliche und amüsierte Worte. Diejenigen, die es nicht mochten, legten es vermutlich einfach weg. Neben ein neues Betriebskostenabrechnungs-Mandat oder so.

Zur Person: Nina Katrin Straßner ist Rechtsanwältin, Mediatorin und Fachanwältin für Arbeitsrecht. Außerdem bloggt sie als Juramama. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Kiel. Quelle: Bastei Lübbe

Du sprichst im Buch auch die Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen an ...

Der politische und juristische Umgang mit den Kosten für künstliche Befruchtungen spiegelt aus meiner Sicht den Blick auf junge Menschen, Familien und Kinder in Deutschland wider wie kaum ein anderes Thema. Der Bereich läuft außerdem sehr unter unser aller Radar, weil es so hochemotional, schmerzhaft und schambehaftet ist, obwohl Tausende junger Paare davon betroffen sind. Es ist hochaktuell und gleichzeitig ganz leise. Das ist ein Problem! Wir Deutschen bekommen die wenigsten Kinder weltweit und schließen sinnwidrig genau die Behandlung kranker Menschen aus dem Leistungskatalog der Kassen aus, bei deren Erfolg ein neues Kind herauskommen würde. Das ist in einer Gesellschaft, die immer älter wird und auf dem Generationenprinzip aufbaut, unlogisch: Die Kinder von heute zahlen die Kassenbeiträge von morgen.

Unverheirateten wird die Behandlung eines kranken Organs gar nicht oder nur vereinzelt erstattet, als wären nur verheiratete Menschen gute und wertvolle Eltern.

Natürlich sind auch Hüftoperationen für 90-Jährige gerechtfertigt, aber als heute 35-Jährige habe ich erstmal ein massives Interesse an Kindern. Schon allein aus finanziellen Gründen, wenn wir alle selbst mal alt sind. Unverheirateten Paaren wird die Behandlung eines kranken Organs, also zum Beispiel drastische Folgen eines Hodenhochstands oder funktionslose Eileiter, gar nicht oder nur vereinzelt in Teilen erstattet, als wären nur verheiratete Menschen gute und wertvolle Eltern. Keine andere Behandlung kranker Organe in unserem System knüpft an den Familienstand an. Diese Unterscheidung ist nicht mehr zeitgemäß, rechtlich sind beide Eltern längst den Kindern zur Sorge und Unterhält verpflichtet.

Mehr zum Thema: Familienplanung – Gefangen im Kinderwunsch

Den verheirateten Paaren erstatten die allermeisten Kassen normalerweise drei Mal maximal die Hälfte von durchschnittlich 4500 Euro. Für die meisten jungen Paare sind aber auch 2000 Euro (zu) viel Geld, gerade in dem Alter. Für uns als Gemeinschaft sind das aber Peanuts. Hier muss eine bundeseinheitliche Lösung her, das Heckmeck ist total aus der Zeit gefallen. Die Gerichte argumentierten übrigens, ein kranker Hoden oder ein kaputter Eierstock seien eine „Krankheit eigener Art“, weil die Behandlung das Organ selbst nicht heilen kann. Das macht zwar eine Prothese auch nicht, trotzdem übernehmen wir diese Kosten als Gesellschaft. Bei einem „Kinderwunsch“ hört unsere Solidarität komischerweise auf und die Krankheit wird zu einem schnöden „Wunsch“ deklassiert. Das finde ich im Hinblick auf eine inklusive Gesellschaft und den Generationenvertrag geradezu verantwortungslos. Und ja: es regt mich auf.

Was müsste sich für Familien denn Deiner Meinung nach noch ändern, damit es in Deutschland besser fluppt?

Neben dem bereits genannten Aspekten müssen wir allgemein den Beginn des Lebens wieder mehr in den Fokus rücken und meine Generation muss politisch lauter werden. Wir müssen uns in den Lösungswegen keineswegs immer einig sein, es geht gar nicht, aber zumindest ein aufrichtiges Problembewusstsein und echtes Interesse an Lösungen ist wichtiger denn je und bringt viel.

Wenn man Angst vor Altersarmut hat, ist „Kinder bekommen“ derzeit jedenfalls die finanziell blödeste Idee.

Zum Beispiel sollten auch die Kosten, die durch Kinder und deren Aufzug entstehen, viel mehr berücksichtigt werden, damit auch trotz Kindern eine private Altersvorsorge möglich ist. Das Geld, das Familien im Monat für ihre Kinder ausgeben müssen, könnten Menschen ohne Kinder zum Beispiel in ihre private Altersvorsorge investieren und erhalten zudem im jetzigen System auch noch mehr Rente von diesen (fremden) Kindern aus 35 Jahren Vollzeitarbeit. Die Vollzeitmutter von drei Kindern dagegen bekommt am wenigsten von allen. In dieser Drastik kann das nicht stehen bleiben, denn wenn man Angst vor Altersarmut hat, ist „Kinder bekommen“ ja derzeit, zumindest finanziell, echt die blödeste Idee.

Das ist ein aus meiner Sicht ein eklatanter Systemfehler seit 60 Jahren, den jetzt schon viele ältere Frauen mit Kindern ausbaden müssen, wenn man sich deren Rentenzettel im Vergleich zum kinderlosen Freund aus der Nachbarschaft anschaut. Der hatte zumindest eine reellere Chance private Vorsorge zu treffen, weil monatlich eher Geld dafür übrig war, der in Familien für Kinderaufzucht drauf geht. Die fraglos höhere Steuerbelastung kinderloser Menschen steht übrigens in keinem Verhältnis zu dem, was Kinder kosten. Und wer heute Steuergeld für Schulen und Kitas abdrücken muss, gleicht nur aus, was er oder sie selbst als Kind genutzt hat und damals ebenfalls von den Älteren finanziert bekam. Das ist also kein Ausgleich für das, was die (fremden) Kinder für das Sozialsystem, die Renten und die Krankenversicherungen tun. Wir haben alle Eltern, aber nicht alle Kinder. Da braucht es mehr Fairness.

Aus arbeitsrechtlicher Sicht: Meine Generation schlägt sich mit befristeten Verträgen ohne Sachgrund rum, die es vor 20 Jahren gesetzlich so noch nicht gab. Versuch mal mit einem befristeten Arbeitsvertrag eine Wohnung zu mieten, um eine Familie gründen zu können. Mit guten Gründen lässt sich alles befristen , aber die grundlose Befristung ist für junge Menschen und für einen flexiblen Arbeitsmarkt nicht mehr zeitgemäß. Hach, mir fallen 1000 Sachen ein.

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Wie ließe sich das realisieren?

Da führen einige Wege nach Rom. Oder nach Berlin. Im Privatleben, gesetzlich oder gesellschaftlich. Ich finde ja das Steuermodell der Franzosen ganz charmant, dort zahlen Familien mit zwei Kindern nur noch 50 Prozent Einkommenssteuer, bei drei Kindern fast keine mehr. „Quotient familial“ nennen die das. Das bedeutet dann in dem Moment mehr Geld im Familienportemonnaie, in dem man es für die Kinderbetreuung, Kleidung und Bildung der Kinder braucht, egal ob beide berufstätig sind oder nur einer. Lohnt sich doch, da mal progressiv drauf rumzudenken, finde ich. Klar kostet das alles den Staat Geld, aber bei anderen „Modellen der Zukunft“ gibt es die Diskussion doch auch nicht so platt? Da ist es allen klar, dass Investitionen in die Zukunft Geld kosten. Das kennt jedes Unternehmen.

Stichwort Gender Pay Gap: Hätten Sie auch einen Vorschlag, wie sich die Ungleichbezahlung von Männern und Frauen ausbügeln ließe? Und jetzt sagen Sie bitte nicht, die Frauen sind selbst schuld ...

Na klar sind sie das. Erstmal haben sie eine Gebärmutter, die sie wahnsinnig verdächtig macht, irgendwann Kinder zu bekommen und dann auch noch in den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz zu gehen. Frechheit. Außerdem verhandeln sie natürlich schlechter als Männer, nehmen sich einfach nicht das, was man ihnen ständig anbietet, wollen eigentlich gar keine Führungsverantwortung und sind zudem schlechter in körperlichen Arbeiten auf dem Bau, die dazu natürlich auch strukturell besser bezahlt werden müssen als geistige (oder körperliche) Arbeit mit Kindern oder alten Menschen. Das hört man ständig und ich kann diese Nebelkerzen nicht mehr hören.

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Wenn es um Lohngerechtigkeit geht, haben wir in Deutschland trotz gut gemeinter und toller Gesetze und Unternehmen generell noch einen langen Weg vor uns. Ich verstehe zum Beispiel dieses ermüdende Bestreiten oder Verharmlosen dieser Lohnlücke nicht. Ganze, meist anonyme oder als Fake-Accounts mit Comicprofilbild getarnte Horden fangen fast reflexartig an zu schimpfen und flippen in den Kommentarspalten im Netz aus: Die Lücke existiere ja gar nicht, sei zudem freilich selbstgemacht oder zumindest halb so wild und alles ganz anders. Dabei betrifft es sie doch gar nicht oder schadet ihnen gar?

Im Gegenteil: Wenn Frauen mehr Geld verdienen und Rentenlücken ausgleichen, sind sie unabhängiger von Unterhaltszahlungen und vom Sozialstaat. Wer das torpediert, schießt sich doch selbst ins Bein. Kein Mann verdient auch nur einen Cent weniger, wenn Teilzeitkarrieren möglich sind, Lohntransparenz besteht und auch Väter mehr in der Familie mitarbeiten, zugunsten der Finanzen der Mütter. An diese Haltung müssen wir also dringend ran. Das Entgelttransparenzgesetz war zwar übrigens ein erster, wenn auch eher ein kosmetischer Schritt in die richtige Richtung.

Nun prangerst du im Buch ja auch die Situation der Hebammen an. Wie kann es sein, dass Frauen hierzulande zum Kinderkriegen angehalten werden, ihnen dabei aber gleichzeitig die wichtigsten Bezugspersonen finanziell kaputtgestrichen werden?

Das fragt man sich, oder? Solange die Hebammenversorgung und ein Kreißsaal rein wirtschaftlich betrachtet werden dürfen, also ein finanzielles Plus machen müssen, um bleiben zu dürfen und mit diesem Argument flächendeckend den Frauen die Möglichkeit genommen wird, im Umkreis von 30 Kilometern ein Kind auf die Welt zu bringen, wird es immer schlimmer werden.

Zum Thema: Weniger Kaiserschnitte sind möglich – wenn die Politik Hebammen stärkt

Hier müssen eine gesetzliche Verpflichtung und natürlich eine Unterstützung durch die Kassen her. Die jungen Menschen finanzieren faktisch die Sozialkassen, die dafür aufkommen und diese jungen Menschen brauchen auch die Hebammen, Kreißsäle und Geburtshäuser. Bezüglich des Rechts auf Hebammenversorgung haben wir zwar schon lange eine gesetzliche Grundlage im SGB (Sozialgesetzbuch), das kann man sich als junge Mutter aber in die Haare schmieren, so lange die Hebammen für einen Wochenbettbesuch mit knapp 30 Euro brutto entlohnt werden und zeitgleich tausende Euro für ihre Versicherung hinlegen müssen. Das fast Fünffache von meiner anwaltlichen Haftpflicht kostet die Versicherung für eine Beleghebamme derzeit. Der Verdienst von Hebammen ist gemessen an ihrer Verantwortung und Ausbildung ein schlechter Scherz. Das merken eben auch die Kliniken, die bekommen nämlich für Herzpatienten ganz andere Budgets als für die Frauenkliniken.

Naja. So zieht sich das alles wie ein roter Faden durch die Familienpolitik – und Politik ist immer auch Recht. Deswegen hab’ ich das alles mal aufgeschrieben und freue mich, wenn ich dadurch etwas bewegen kann.

Von Lisa Harmann/RND

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