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09:30 21.02.2019
Alles andere als Papaersatz und Tobeonkel: 62 Prozent der Eltern wünschen sich mehr männliche Erzieher in Kitas. Quelle: iStock
Hamburg

Seit der Grundschule wollte Lukas Müller Polizist werden. Erst auf der Zielgeraden des Bewerbungstests platzte sein Traum. Eine Alternative musste her. Der Hannoveraner entschied sich für einen Bundesfreiwilligendienst in einer Förderschule. Eine prägende Erfahrung. „Die Arbeit mit den Kindern machte mir viel Freude. Danach stand mein Berufswunsch fest. Ich wollte Erzieher werden und Kinder bei ihrer Entwicklung unterstützen“, erinnert sich der 22-Jährige.

Heute arbeitet er als sozialpädagogischer Assistent in einer Kita und macht eine Teilzeitausbildung zum Erzieher. Drei Tage Praxis, zwei Tage Schule. Die Ausbildung dauert ein Jahr länger, dafür bekommt er schon Gehalt. Müller arbeitet in einer Krippengruppe mit den ganz Kleinen, zwischen ein und drei Jahren. Eine echte Ausnahme.

Bis 2025 fehlen in deutschen Kitas etwa 191 000 Pädagogen

Auch wenn die Männerquote in deutschen Kindergärten langsam steigt, arbeiten nur die wenigsten im Krippenbereich. Für Müller war es eine bewusste Entscheidung. „Gerade in den ersten Jahren machen die Kinder die spannendsten Fortschritte. Sie lernen laufen, sprechen und entwickeln einen starken Willen. Sie dabei zu begleiten, macht mir unheimlich Spaß“, sagt er. Auch die Bindung zu den Kleinkindern und der Austausch mit ihren Eltern sei in der Krippe noch viel enger als im Elementarbereich.

Politik und Pädagogik sind sich einig: Es braucht mehr überzeugte Erzieher wie Lukas Müller – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Den erklärte Familienministerin Franziska Giffey zur Chef(in)-Sache. Sie will die Arbeitsbedingungen verbessern, Gehälter anheben und Ausbildungsgebühren abschaffen. Aus gutem Grund: Bis 2025 fehlen in deutschen Kitas rund 191 000 Pädagogen, optimistisch geschätzt.

Nur sechs Prozent männliche Erzieher

Auch die Männer sind Teil der politischen Lösung. Im Moment arbeiten rund 36 000 männliche Erzieher in deutschen Kitas, das entspricht etwa sechs Prozent. Ließe sich ihr Anteil auf zehn erhöhen, brächte das 30 000 neue Pädagogen. Von ihnen würden auch die Kinder profitieren. So legt eine Studie aus Norwegen nahe, dass Kinder, die Kindergärten mit gemischten Teams besuchen, sich kognitiv besser entwickeln. Durch Vielfalt erleben Mädchen und Jungen das Zusammenleben der Geschlechter und Kulturen und finden leichter individuelle Vorbilder, so ein Ergebnis der Forscher. „Ein vielfältiges Team bietet den Kindern mehr Identifikationspunkte und Entwicklungschancen. Das gilt nicht nur für das Geschlecht, sondern auch für unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Interessen“, sagt auch Stephan Höyng, Pädagogikprofessor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin.

Geschlechterklischees vermeiden

Vorausgesetzt, es gibt keine „positive Diskriminierung“. „Männer dürfen nicht in die Klischeeecke abgeschoben werden. Raufen, kicken oder in die Holzwerkstatt gehen können Frauen genauso gut wie Männer vorlesen oder kuscheln“, sagt er. Umso wichtiger sei es, dass Einrichtungen auf eine geschlechterbewusste Pädagogik achten und Aufgaben ausgewogen verteilen. So würden die Kinder erfahren, dass sie jetzt oder später vieles zugleich sein können, unabhängig vom Geschlecht.

Auch Müller wehrt sich dagegen, als Tobeonkel und Papaersatz gesehen zu werden. „Ich bin der einzige Mann in der Krippe. Natürlich sehen mich die Kinder anders, vielleicht sehe ich auch Dinge anders als meine Kolleginnen. Das liegt aber nicht am Geschlecht, sondern eher an Interessen und Vorlieben“, sagt er. Sonderregelungen für Männer und Frauen gibt es in seiner Kita nicht. Um die Aufgabenverteilung kümmern sich die Teams. So baut Müller lieber mit Bauklötzen oder macht mit den Kindern Musik, als zu basteln und zu malen. Die wählbaren Vorlieben enden aber beim Wickeln, Kuscheln und Vorlesen. Dabei machen auch die Kinder kaum Unterschiede – ebenso wie deren Eltern glücklicherweise: „Wir haben in der Schule viel über den Generalverdacht gegenüber Männern in Kindergärten gesprochen. Zum Glück erlebe ich im Alltag nur Zuspruch“, sagt er. Ganz vom Tisch sind die Vorurteile aber nicht. So wünschen sich laut einer Umfrage des Delta-Instituts für Sozialforschung zwar 62 Prozent der befragten Eltern mehr Männer in Kitas. Gleichzeitig gaben 32 Prozent zu, schon mal an die Gefahr eines Missbrauchs durch männliche Erzieher gedacht zu haben.

Männliche Erzieher unter Generalverdacht

Davon können sich auch viele Kolleginnen nicht freimachen. Immer wieder berichten Erzieher von kritischen Blicken oder absurden Regelungen wie „Männer begleiten keine Mädchen auf Toilette“. Stephan Höyng kann angesichts solcher Erfahrungsberichte nur den Kopf schütteln. „Sonderregelungen für männliche Erzieher verstoßen gegen das Antidiskriminierungsgesetz. Stattdessen brauchen wir gute Schutzkonzepte, die Kinder effektiv vor Missbrauch schützen, egal ob durch männliche oder weibliche Pädagogen“, erklärt er.

Zum Glück zeigen Umfragen auch, dass sich die meisten männlichen Erzieher von solchen Vorbehalten nicht abschrecken lassen und sogar erstaunlich zufrieden sind. Hauptgrund dafür ist eindeutig die erfüllende Arbeit mit den Kindern. Deutlich kritischer sehen sie die hohe Arbeitsbelastung, die schlechte Bezahlung und mangelnde Aufstiegschancen. Auch Müller macht sich Gedanken um die Zukunft. „Oft arbeiten wir für zwei, weil Kolleginnen krank oder bei einer Fortbildung sind. Auch die fehlende Vergütung macht die Ausbildung nicht gerade attraktiv. Ich hoffe, dass sich durch die Anstrengungen aus Berlin etwas ändert“, sagt er. Vor diesem Ziel steht eine entscheidende Hürde: Die Vielfalt der Aufgaben, die anspruchsvolle Arbeit, die große Verantwortung gegenüber den Kindern wird immer noch unterschätzt – gesellschaftlich und auf dem Lohnzettel. Ein Problem, das Frauen und Männer gleichermaßen betrifft.

Das Gute-Kita-Gesetz

„Für mehr Qualität und weniger Gebühren – damit es jedes Kind packt“ – unter diesem Motto steht das „Gute-Kita-Gesetz“, das zum 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist. Mit dem Gesetz investiert der Bund 5,5 Milliarden Euro bis 2022. Welche konkreten Maßnahmen von dem Geld umgesetzt werden, ist Sache der Länder. Das kann von der Verbesserung des Betreuungsschlüssels über kindgerechte Räume bis hin zur sprachlichen Bildung reichen. Ein zentraler Punkt des Gesetzes ist „mehr Gerechtigkeit“. Jede Familie soll sich gute Kinderbetreuung leisten können. Zudem sollen bessere Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher geschaffen werden.

Von Birk Grüling/RND

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