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Reisereporter Albi - eine Symphonie in Ziegelrot
Reisereporter Albi - eine Symphonie in Ziegelrot
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11:57 14.12.2010
Die Kathedrale in Albi.
Die Kathedrale in Albi. Quelle: dpa
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In einem satten Rotbraun leuchten die Ziegel der Kathedrale von Albi in der Abendstimmung. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Westfassade in warmes Licht, es scheint, als strahle sie von innen heraus. Sainte-Cécile ist ein Meisterwerk der Gotik – aber wer an hoch aufstrebende, fein ziselierte Mauern und Pfeiler denkt, irrt gewaltig.

Die Kirche liegt wie ein riesiger Ziegelblock, der vom Himmel gefallen ist, auf der Anhöhe über dem Fluss Tarn. Mit ihrem trutzigen Turm und Fenstern wie Schießscharten wirkt sie wie eine Festung. Die Altstadt rund um das ungewöhnliche Bauwerk wurde in diesem Sommer von der Unesco zum Welterbe erklärt.

Der Farbton des braun gebrannten Gesichts von Philippe Bonnecarrère ähnelt den Ziegeln seiner Stadt, in der er seit 15 Jahren Bürgermeister ist. Die Kathedrale kann ihn noch immer begeistern, als sähe er sie zum ersten Mal. „Es ist ein ganz eigener Stil, das Kirchenschiff ist massiv und trotzdem unheimlich hoch“, sagt er und zeigt auf die mächtigen Mauern, die mit wuchtigen Halbsäulen verstärkt und bis zu sieben Meter breit sind. „Wegen der starken Mauern kommt die Kirche ohne Strebepfeiler aus, die für gotische Kathedralen sonst typisch sind“, erklärt er.

Dass das Gebäude eher wie eine Schutzburg als wie ein Gotteshaus wirkt, hat seinen Grund in der bewegten Geschichte der Region. Sie war Schauplatz eines brutalen Kreuzzugs gegen die fundamentalistische Strömung der Katharer. Die asketisch lebenden Katharer waren ein Stachel im Fleisch der Kirche des Mittelalters, deren Klerus im Luxus schwelgte. Sie betrachteten alles Irdische als Werk des Teufels und zogen viele Gläubige an, die von einer Kirche enttäuscht waren, die Wasser predigte und Wein trank.

Krieg gegen die Häretiker

Die Katharer werden auch Albigenser genannt, doch das ist eher ein historischer Zufall. In Albi waren sie nicht bedeutender vertreten als an anderen Orten. Insgesamt zählten schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung zu ihren Anhängern. Papst Innozenz III. rief 1208 zum Krieg gegen die Häretiker auf, die ihm immer gefährlicher erschienen. Die letzte Schlacht fand 1244 auf der Katharerburg Montségur statt. Dort starben 200 Anhänger der Fundamentalistensekte in den Flammen.

Der Bau der Kathedrale von Albi, der 1282 begann, symbolisierte den Sieg der Amtskirche über die Katharer – und zugleich das Bedürfnis, sich gegen Feinde zu schützen. „Die Botschaft der Kirche war eine doppelte: Wir haben gewonnen. Und wir haben verstanden, was ihr wolltet“, sagt Bonnecarrère. Das massive Gebäude war in erster Linie eine Machtdemonstration. Zugleich zeigte sich die Kirche in einer neuen Nüchternheit, als habe sie die Kritik der Katharer am Ende doch noch angenommen, zumindest für eine Weile.

Erst später legten die Bischöfe wieder mehr Wert auf Dekoration. Das angefügte Südportal im Stil der flämischen Gotik wirkt wie ein Spitzentuch in der Brusttasche eines Tarnanzugs. Es bietet zugleich einen Vorgeschmack auf das Innere der Kirche, das in starkem Kontrast zum nüchternen Äußeren steht. Ein Lettner trennt den langen Raum, der weder Quer- noch Seitenschiffe hat, in zwei Teile. Mit seinen fein gearbeiteten Statuen und löchrig-leichten Verzierungen erinnert die Schranke an ein überdimensionales Schatzkästchen. Von hier aus sprach der Priester zu den Gläubigen, denen der Blick auf den Altar durch den Lettner versperrt war.

„Die Bischöfe konnten sich die aufwendigen Arbeiten leisten, weil sie durch Steuern auf den Pastel-Handel reich geworden waren“, erklärt der Bürgermeister. Die Pastelpflanze heißt auf Deutsch Färberwaid und war in ganz Europa zum Blaufärben begehrt. Um sie zu verarbeiten, wurden die Blätter getrocknet und zu Kugeln gepresst. „Die nannte man ‚cocagne‘„, erklärt Bonnecarrère, daher stamme der Ausdruck „pays de cocagne“, Schlaraffenland.

Gleich neben der Kathedrale liegt der ebenfalls massiv gebaute Bischofspalast, der „Palais de la Berbie“. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet hier die Bordellszenen des berühmtesten Sohns der Stadt, des Malers Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901), ausgestellt sind. Was für ein Glück für Albi, dass dem Museum für moderne Kunst in Paris das Werk zu gewagt war. Heute befinden sich etwa 1000 Werke von Toulouse-Lautrec in Albi, etwa ein Drittel des Gesamtwerks. Kunstliebhaber aus aller Welt kommen deswegen in die Stadt, selbst der japanische Kaiser war schon da.

Henri hatte eigentlich ein wunderbares Leben vor sich. Er stammte aus einer Adelsfamilie, die Ländereien und Pferdeställe besaß – auch wenn sein Geburtshaus in der Altstadt relativ unscheinbar wirkt. Allerdings litt Henri an einer Erbkrankheit, da seine Eltern Cousin und Cousine ersten Grades waren. Als Jugendlicher brach er sich beide Oberschenkelknochen und wurde deshalb nicht größer als 1,52 Meter. Mit Reiten und Jagen, den klassischen Vergnügungen seiner Gesellschaftsschicht, war es damit vorbei. Umso anrührender wirken die Pferdebilder, die der 16-Jährige auf die Deckel von Zigarrenkisten malte – sie zeigen eine Welt, an welcher der Kleinwüchsige nicht mehr teilnehmen konnte.

Am Ufer des Tarn

Toulouse-Lautrec wollte das Leben zeigen, wie es ist. In den Bordellen von Montmartre, damals noch ein Dorf am Stadtrand von Paris, fühlte er sich zu Hause. Er teilte mit den Frauen das Gefühl, am Rand der Gesellschaft zu leben - auch wenn seine Familie ihn nie fallen ließ und er nie finanzielle Not litt wie andere Künstler.

Nach einem Museumsbesuch bietet sich ein Spaziergang im Grünen an, etwa am Ufer des Tarn. Man stößt auf einen etwa drei Kilometer langen, naturbelassenen Pfad, die „grüne Flucht“, das Reich der Flaneure und Jogger. Auch Bürgermeister Bonnecarrère ist ein passionierter Läufer, er trainiert allerdings lieber auf einer stillgelegten Bahnstrecke.

Bonnecarrère war es auch, der den Ehrgeiz hatte, Albi auf die Liste der Unesco setzen zu lassen. Die erste Diskussion stieß er bereits nach seinem Amtsantritt Mitte der neunziger Jahre an. „Die Idee musste lange reifen“, sagt der Politiker im Rückblick. „Wir mussten uns selbst erst klar werden, was an Albi so einzigartig ist und vor allem, wie wir verhindern, dass es eine museale Touristenstadt wird.“

Dafür hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Viele alte Fachwerkhäuser wurden instand gesetzt, rund um die Kathedrale gibt es nun einen einladenden Platz, um den sich Cafés und Geschäfte gruppieren.

Als Albi in diesem Sommer die begehrte Auszeichnung bekam, war der Jubel in der Stadt groß. Mitten in der Nacht läuteten 20 Minuten lang die Glocken der Kathedrale. „Wir waren immer schon stolz in Albi, aber jetzt sind wir es noch mehr“, sagt ein Geschäftsmann. „Wir freuen uns auf alle, die Albi besuchen werden.“

Ulrike Koltermann

Anreise
Der nächstgelegene Flughafen ist Toulouse, der von mehreren Billigfluggesellschaften angeflogen wird. Von dort gibt es einen Bus direkt nach Albi.

Weitere Informationen
Atout France, Zeppelinallee 37,
60325 Frankfurt. Tel. (09 00) 1 57 00 25 für 49 Cent pro Minute.
www.albi-tourisme.fr

23.11.2010
Stefan Stosch 23.11.2010