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Reisereporter Asien für Anfänger
Reisereporter Asien für Anfänger
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12:15 25.03.2009
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Der kleine Laden gegenüber dem buddhistischen Tempel ist vollgestopft bis unter die Decke. Von dort hängen Autos, Motorräder und Einfamilienhäuser herab. Aus Papier gefertigt. Papieranzüge, Papierhemden und bündelweise Papiergeld sind mannshoch gestapelt. „Alles, was man zum Leben braucht“ gäbe es in seinem Laden, sagt Eigentümer Yoke Lan Teng. Er verkauft Opfergaben. Die Angehörigen Verstorbener verbrennen sie beim jährlichen Ching-Ming-Fest und hoffen, dass sie im Jenseits bei den Ahnen ankommen.

Was den Toten geopfert wird, zeigt, wonach auch die Lebenden in Singapur streben. Mit konsequenter Ausrichtung auf kulturelle Toleranz und materiellen Wohlstand hat es der 4,6-Millionen-Einwohner-Stadtstaat am südlichsten Zipfel Malaysias zu einem der reichsten Länder Asiens gebracht.

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Kein Bettler auf der Straße

Touristen erleben in Singapur so etwas wie Asien light – eine boomende Großstadt mit chinesischer, indischer, malayischer, thailändischer und arabischer Kultur, aber ohne Probleme mit Hygiene, Armut, Smog oder Kriminaliät. Nicht einmal Bettler sieht man hier – dank eines dichten sozialen Netzes. Aber auch dank drakonischer Strafen, mit denen der Staat jede Störung des Erscheinungsbildes Singapurs ahndet. Wer Zigarettenkippen oder Verpackungen auf die Straße wirft, riskiert mehrere Tausend Dollar Strafe. Und damit keine Kaugummireste die polierten Marmorböden verkleben, sind Kaugummis schlicht verboten. Plätze, Parks und das U-Bahnsystem glänzen in einer fast unwirklichen Sauberkeit.

Bislang nutzen Europäer den Stadtstaat fast ausschließlich als Zwischenstation auf einer Reise nach Australien – Touristen verweilen im Schnitt nur rund zwei Tage hier. Dabei hat die Stadt zwischen tropischem Urwald und südchinesischem Meer genug für eine Woche zu bieten: In den Vierteln „Little India“, „Arab Street“ und „Chinatown“ können Touristen in die Kulturen eintauchen, die Singapur prägen. Dazwischen stehen, weiß getüncht, die Prachtbauten der britischen Kolonialzeit und die gläsernen Wolkenkratzer der internationalen Banken.

In ihrem Schatten liegt die Apotheke von Eric Wong, die älteste in Chinatown. Schon vor 100 Jahren verkauften seine Vorfahren dort Wurzeln, Schlangen und Kriechtiere in Alkohol, heute sind moderne Arzneimittel und Jackie-Chan-Haarfärbemittel dazugekommen. „Jackie ist ein guter Kunde von mir“, sagt Wong. Männer aus Deuschland würden bei ihm vor allem Potenzmittel kaufen, Frauen Medizin gegen den Alterungsprozess. Er schwört, er kann beiden helfen.

Unzählige Garküchen bieten auf offener Straße ihre Köstlichkeiten an, häufig auf großen Bananenblättern statt auf Tellern. Vergisst man im Gewimmel kurz, in welchem Stadtteil man sich gerade befindet, muss man nur die Augen schließen und den Duft der Gewürze riechen. Reichhaltige, süßlich-scharfe Currys: Little India. Raffiniert gegrillter Fisch: Chinatown. Aufwendig mariniertes Fleisch in Erdnusssauce: Peranakan – eine bunte Mischkultur aus malayisch und chinesisch. Völlig egal, wo man isst – es ist praktisch überall unfassbar lecker. „Essen ist uns sehr wichtig“, erklärt Danny, ein Einheimischer, der lange in Deutschland lebte. „Wir reden praktisch den ganzen Tag darüber.“ Selbst die kleinsten Garküchen sind hygienisch unbedenklich, denn die Kontrollen der Gesundheitsbehörde sind noch schärfer als die Speisen.

Für Erich Sollbock ist Singapur „das Paradies auf Erden“. Aus seinem „letzten Würstchenstand vorm Äquator“ auf dem Nachtmarkt an der Trengganu Street reicht der 47-Jährige eine Bratwurst nach der anderen heraus. Bei knapp 30 Grad Außentemperatur. Als er noch in Deutschland arbeitete, war es selten so heiß. „Die Menschen hier haben verstanden, dass man sich gegenseitig respektieren muss, wenn man auf so engem Raum zusammenlebt“, keucht Sollbock und spießt eine Käsekrainer auf. „Schau dir an, was die mit ihrer Philosophie aus Rechtssicherheit und Toleranz hier geschaffen haben!“

Mit einem spektakulären Blick wird belohnt, wer sich für mindestens 660 Singapur-Dollar (330 Euro) ein Zimmer in den oberen Stockwerken des Ritz-Carlton-Hotels leistet. Die Aussicht auf die Skyline und das Meer ist atemberaubend, und staunend schaut man auf die gigantischen Baustellen. Für 4,5 Milliarden (!) Dollar entsteht in der Bucht ein botanischer Garten, für 3,2 Milliarden Dollar wird daneben ein Casinokomplex gebaut. Am anderen Ende der Stadt entstehen noch ein zweiter (ebenfalls für 3,2 Milliarden Euro) und Filmstudios in der Größe einer Kleinstadt.

In den vergangenen Jahren hat man an den Clarke Quays am Singapore River aus fünf Blocks ehemaliger Warenhäuser ein Vergnügungsviertel gebaut – und es wegen der unberechenbaren Platzregen mit einer riesigen Konstruktion überdacht.

Bauprojekte von der Größe der Münchener Allianz-Arena erledigen sie in Singapur nebenbei. „Trau keinem Reiseführer“, rät Danny. „Bis der gedruckt ist, sieht die Stadt schon wieder anders aus.“ Wenige Gebäude werden in Singapur erweitert. Was ausgedient hat, wird abgerissen und macht Platz für Neues.

Zauber gegen den Regen

Wem so viel Urbanität zu viel wird, dem seien Ausflüge in die großen Nationalparks im Urwald empfohlen oder die künstlichen Traumstrände auf der vorgelagerten Halbinsel Sentosa oder die echten Traumstrände auf der Insel Bintan, die per Fähre in einer knappen Stunde erreichbar ist. Angst vor schlechtem Wetter muss dort übrigens niemand haben. Das dortige Banyan-Tree-Resort-Hotel bezahlt einen Regenstopper, der mit Zaubersprüchen, Gewürzen und Ölen bei Bedarf schlechtes Wetter vertreibt. Peter Scholz, deutscher Manager in dem Fünf-Sterne-Resort, schwört, dass der Zauber funktioniert. Regnet es dennoch, zahlt der Magier das Geld zurück. Keine Geschäftsidee ist hier zu abwegig.

Auf der Rückfahrt von Bintan nach Singapur steuert die Fähre durch mehr als hundert Tanker und Frachter, die in der Straße von Malakka darauf warten, im weltgrößten Hafen abgefertigt zu werden. Immer näher rückt die Skyline der Metropole mit ihren Wolkenkratzern, Baukränen und Attraktionen. Von Ferne wirkt das alles merkwürdig hohl, wie die Papierwelt im Laden von Yoke Lan Teng. Aber bestimmt sind das nur Gedanken eines Besuchers aus der alten Welt, während sie in Singapur unablässig an der neuen Welt bauen.

Von Rüdiger Meise

Anreise
Singapore Airlines fliegt täglich von Frankfurt aus den Stadtstaat an. Der Flug kostet derzeit rund 750 Euro. Wer Singapore als Zwischenstation auf dem Weg nach Australien oder Südostasien einplant, hat meist keine zusätzlichen Kosten.
Weitere informationen

Singapore Tourism Board, Hochstraße 35–37, 60313 Frankfurt/Mai,

Tel. (0 69) 9 20 77 00.
www.visitsingapore.com.sg

20.01.2009