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Reisereporter Auf den Spuren des blonden Hans
Reisereporter Auf den Spuren des blonden Hans
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14:18 25.03.2009
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Nanu – hat Christo den Berg eingewickelt? Oder was sind das für XXL-Bettlaken, die da links neben dem Brunnenkogel-Schlepplift im Schnee liegen? „Nee“, grinst Willi Krüger, „der Verpackungskünstler war nicht hier, aber mit seinem Folienlieferanten haben wir verhandelt.“ Krüger – Spitzname „Gletscher-Willi“ – ist Marketingchef der Pitztaler Seilbahn und versucht das ganz und gar nicht mehr ewige Eis zu retten. Seine „Bettdecken“, entwickelt in Zusammenarbeit mit der Uni Innsbruck, sind federleicht, wiegen nur 320 Gramm pro Quadratmeter und werden als fünf Meter breite und 70 Meter lange Planen über solche Gletscherstücke gelegt, auf denen die Sonne sonst meterweise Eis abtaut.

Stoppen kann Krüger diese Schmelze nicht, entschleunigen aber muss er sie. Denn der Gletscher ist die Lebensversicherung des Pitztals. Eine Art Drei-Sterne-Eisfach mit dauerhaft tiefgekühlten und daher sulzfreien Skipisten darauf. Die ziehen immer mehr Carver und Snowboarder an, denn in tiefer liegenden Skigebieten rückt die Grenze für Schneesicherheit stetig höher – in den nächsten Jahrzehnten nach Expertenschätzung auf 1500 Meter bis 1800 Meter.

„Die Höhe entscheidet“, heißt daher der selbstbewusste, durchaus in die Zukunft gerichtete Pitztal-Slogan. Für die Schneesicherheit aber müssen Skiläufer hier oben so manchen Anspruch an Pisten in die Gletscherspalten werfen. Buckel-Mittelgebirge oder steile Eisplatten als Herausforderungen für High-End-Carver etwa gibt es nicht, dafür fast überall breite, bestens präparierte Highways mit blauen oder roten Schildern und zumeist mäßigem Gefälle.

Vom Seemann zum Schneemann

Dafür schwingt man hier auf den Spuren des blonden Hans von der Waterkant – er mutierte auf dem Pitztaler Gletscher vom Seemann zum Schneemann. Als Hauptdarsteller im Bergdrama „Föhn – Sturm in der Ostwand“ mimte Hans Albers hier den Bergdoktor Johannes Jensen, der seine Frau bei einem Lawinenunglück verlor und nun ein junges Paar vor demselben Schicksal rettet.

Alois Dobler war beim sechswöchigen Dreh im Frühjahr 1950 dabei. „Zuerst haben wir die schweren Kameras und alles andere Filmgerät auf dem Buckel hochgeschleppt auf 2400 Meter zur Taschach-Hütte“, erinnert sich der heute 83-jährige Hotelier. Beim Dreh war der damals 25-Jährige zuständig für allerlei Bergdrama-Zutaten: Lawinen wegsprengen, von denen Hans Albers und Lieselotte Pulver im Film beinahe verschüttet wurden, und Schauspieler doubeln, was Dobler heute noch ein wenig ärgert: „Die konnten ja überhaupt nicht Ski laufen, also sind wir gefahren und dachten, wir kämen im Film vor, aber da waren hinterher nur die Stars zu sehen – so oan Schmäh!“

Der „Sturm in der Ostwand“ kann auch heutige Skiläufer leicht erwischen, denn oben auf dem Gletscher schlägt das Wetter oft schlagartig um. Leider schließen schon bei strammem Wind die beiden Gondelbahnen und infolgedessen die langen Abfahrten auf dem Gletscher, sodass dann nur noch Schlepplifte und ein Sessellift verkehren. Ein Wechsel ins nächstgelegene und oft mit besserem Wetter gesegnete Gebiet Rifflsee ist jedoch nicht auf Ski, sondern nur per Bergbahn sowie Bus möglich und dauert mindestens eine halbe Stunde.

Bei „Kaiserwetter“ jedoch ist die Auffahrt mit der Pitz-Panoramabahn ein Muss: Österreichs höchstgelegene Seilbahn surrt mit vier hintereinander gekuppelten Gondeln hoch zum Hinteren Brunnenkogel, einem der imposantesten Aussichtspunkte in den Alpen: Auf 3440 Metern, dem höchsten begehbaren Punkt des Gletschers, wartet ein 360-Grad-Panorama-Blick über alle Tiroler Gipfel, im Norden sogar bis zur Zugspitze, im Südosten bis in die Dolomiten.

Gute Stimmung bei den Drehs

Quasi ein Stockwerk tiefer und sozusagen um die Ecke beginnt eine mehrstündige Skitour, die allerdings auf eigene Faust zu gefährlich und daher nur mit einheimischem Bergführer möglich ist. Die Route führt über den Taschachferner, wo Alois Dobler Mitte der Fünfziger erneut bei einem Filmdreh dabei war. Diesmal mit dem damals 25 Jahre jungen Dietmar Schönherr in seiner ersten Hauptrolle – als aufrechter Polizeioffizier in „Die Nacht am Mont Blanc“. Eine Alpen-Saga, in der Dobler nicht nur Kameras schleppen und Lawinen sprengen, sondern auch Rauschgift schmuggeln durfte. Als Kleindarsteller pirschte er sich auf dem Gletscher an Zöllnern vorbei und ist hinterher sogar im Film zu sehen.

Noch heute erinnert sich der 83-Jährige an die gute Stimmung bei den Drehs: „Albers, Lieselotte Pulver, Schönherr, da hatte keiner Starallüren, mit denen konnte man reden.“ Stress gab’s nur einmal, als Leni Riefenstahl am „Föhn“-Set auftauchte: „Hier stinkt’s penetrant nach Nazi“, rief Albers, als er sie erblickte und verkündete, er werde erst weiterdrehen, wenn diese Person verschwunden ist, was sie zügig tat. Und dann fällt Alois Dobler noch etwas ein, das heute beim Film undenkbar wäre: „Vom Star bis zur Kabelhilfe – mit 80 Leuten haben wir im Taschachhaus in Schlafsälen übernachtet und dasselbe gegessen.“

Ein wenig ist es heute noch so im Pitztaler Gletscher-Skigebiet: Statt nobler Hummer-Hütten wie etwa im Zillertal oder Trüffel-Chalets wie in St. Moritz warten hier zwei grundsolide Bergrestaurants mit leckerer deftiger Kost wie Schnitzel, Gulaschsuppe oder Kaiserschmarrn. Auch bei Auf- und Abfahrt zum und vom Gletscher gibt es keine Extrawürste, sondern für alle nur die menschliche Rohrpost – den „Pitz-Express“: eine U-Bahn, die 180 Skifahrer gleichzeitig durch einen steilen Felstunnel in acht Minuten von 1740 Meter auf 2840 Meter Höhe und von dort zurück ins Tal beamt.

von Stephan Brünjes

Anreise
Aus Deutschland zum Beispiel über die Inntal-Autobahn, Abfahrt Imst, Richtung Richtung St. Leonhard. Oder mit der Bahn per Autozug nach Innsbruck, von dort ist es nur noch eine gute Stunde Fahrtzeit ins Pitztal.

Skigebiet
Skipass für die Gebiete Gletscher/Rifflsee: Erwachsene zahlen für sechs Tage in der Hauptsaison 176,50 Euro, Kinder 106 Euro. In der Nebensaison zahlen Erwachsene 162 Euro, Kinder 97,50. Kinder unter zehn Jahren fahren gratis.
Geführte Skitouren wie die über den Taschachferner bietet die Skischule Pitztaler Gletscher auf Anfrage an,
Tel. (00 43/54 13) 8 50 00.
www.skischule-pitztalergletscher.com

Weitere Informationen
Tourismusverband Pitztal,
Tel. (00 43/54 14) 8 69 99.
www.pitztal.com

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