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Reisereporter Bei Mogli und Baghira
Reisereporter Bei Mogli und Baghira
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00:21 28.02.2009
Die Arbeitselefantin Meenakshi schaukelt täglich zwei bis vier Kinder am Kabini River entlang.
Die Arbeitselefantin Meenakshi schaukelt täglich zwei bis vier Kinder am Kabini River entlang. Quelle: Sobik
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Meenakshi hat einen neuen Job und musste dafür nach Karnataka umziehen. Mit 54 ist das ein großer Schritt. Vorher war sie am Strand von Goa zuhause, hat dort geduscht, sich dabei bereitwillig fotografieren und manchmal sogar anfassen lassen. Sie ist ins Meer gestiegen, am Strand auf und ab gelaufen, hat fürs Fotografieren ein paar Rupien bekommen, die immer jemand anders für sie eingesteckt hat. Jetzt lebt die Dickhäuter-Dame als Hotel-Elefant am Kabini River weit im Binnenland des Subkontinents, duscht dort vormittags mit den Kindern der Gäste, lässt sie anschließend im Sattel Richtung Nagarhole Nationalpark reiten – und dreht kurz vorm Dschungel wieder um.

Manchmal nur hört sie die wilden Waldelefanten rufen, leise und aus weiter Ferne, wenn der Wind das Tröten herüberträgt. Zahlreich sind sie: Hunderte, viele mehr als Tiger und Panther zusammen. Sie trampeln durchs Dickicht von Indiens wildreichstem Nationalpark, pflücken Blätter, sind von den Safari-Geländewagen aus gut zu beobachten. Genau wie die Affen, die die Autos manchmal ein Stück des Weges begleiten.

Vorhang aus Riesenbambus

Irgendwo in diesen Wäldern wohnte Mogli mit Baghira, tanzte im Dschungel, sang auf den Lichtungen, sprach mit den Tieren der Wildnis. Vielleicht ist er hinter dem Vorhang aus Riesenbambus, aus Lianen und Laub noch immer zu Hause – und hat längst Enkel. Nur Balu der Bär ist ausgewandert. Denn Bären gibt es hier nicht mehr. Aber Tiger sind noch da, auch mehr als 110 Jahre nach Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, mehr als vierzig Jahre nach Walt Disneys Zeichentrick-Kinoversion der Abenteuer des Jungen aus dem Urwald. Es sind noch so viele Tiger, wie kaum irgendwo anders in Indien: Etwa 80 leben im Nagarhole-Nationalpark, mehr noch im unzugänglicheren angrenzenden Bandipur-Nationalpark. Zwölfhundert sind es in freier Wildbahn im ganzen Land.

Von den Bäumen hängen allenthalben grüne Girlanden, bilden dichte Vorhänge, verhindern jeden Blick mehr als zehn Meter hinein in den Wald. Unmittelbar bis ans Ufer reicht die grüne Wand und verliert sich in Mangroven. An manchen Stellen sind Schilf und Bambus heruntergetrampelt, und dennoch hat noch nie ein Mensch den Boden dort betreten. Es sind die Elefanten des Waldes, die zum Trinken und Baden hierherkommen, Meenakshis fremde Verwandte. Und es sind die wenigen Panther aus Baghiras Nachkommenschaft und Shir Khans „Dschungelbuch“-Gesellen, die Tiger.

Der Wald ist menschenleer, denn selbst die Dschungel-Ureinwohner vom Stamm der Kuruba mussten schon vor Jahren in neue Dörfer außerhalb der Nationalparkgrenzen umsiedeln. Ihre Götter sind in den Wäldern geblieben, und in den Augen der alten Kuruba-Leute kann man noch heute die Erinnerungen an das Leben im Dschungel lesen.

Auch die Safari-Lodges für Urlauber, die gerade erst anfangen, Indien mit seinen alles in allem 54 Nationalparks als Alternative zu den Tierparadiesen Ostafrikas wahrzunehmen, dürfen nur außerhalb der Schutzgebiete errichtet werden. Nagarhole ist mit seinen 645 Quadratkilometern fast so groß wie Hamburg, Bandipur mit seinen 880 Quadratkilometern sogar größer.

Unruhe in den Baumkronen

Dumpfe Rufe gellen plötzlich durch den Tag, klingen wie seltsam elektronisch verstärkt – und kommen aus den Kehlen zweier Affenmännchen, die einander herausfordern: Sekunden später klatschen Zweige, herrscht Unruhe in den Baumkronen. Die beiden kämpfen. Und als wollten sie den einen oder den anderen anfeuern, kommen aus dem gesamten Umkreis immer mehr Affen durch die Kronen herbeigesprungen, jubeln oder stöhnen als kommentierten sie jede Attacke genau. So plötzlich der Streit begann – so schnell ist wieder Frieden geschlossen. Die Stille ist zurück, ein paar Kraniche steigen auf, und tief unten gleitet ein Krokodil aus der Deckung ins Wasser. Es wartet auf Hirsche und Wildschweine, die zum Trinken kommen.

„Tiger, Tiger!“ zischt plötzlich Wildnisführerin Dina Nisheer auf dem Beifahrersitz des offenen Geländewagens, springt auf, deutet in Richtung Bambuswäldchen. Mit dem Zeigefinger auf den geschlossenen Lippen deutet sie an: „Lieber mucksmäuschenstill jetzt!“ Es raschelt. Dürre Äste irgendwo im Gebüsch knacken. In der Ferne rennen Hirsche davon. Ein Affe kreischt und verschwindet, die anderen werden unruhig, halten dann wieder inne. Und Momente später ist alles wie vorher. Shir Khans Nachkomme hat es sich offenbar anders überlegt und ist wieder im Wald verschwunden. „Es gehört Glück dazu“, sagt Dina, „wirklich einen zu sehen. Alle zwei, drei Wochen klappt es. Es sind nur achtzig Tiere, und sie sind sehr vorsichtig.“

Meenakshi sind Tiger egal. Sie hat noch nie einen gesehen. Sie will wahrscheinlich gar keinen sehen. In Goa gab es keine, und hier am neuen Arbeitsplatz hört sie bloß ab und zu ihre Artgenossen im nahen Wald. Doch sie folgt den Rufen nicht: weil sie keine Karotten mehr zugesteckt bekäme, dafür ihren Mahout Mohan verlassen und weil sie auf die Nähe der Menschenkinder verzichten müsste.

Vielleicht ist manchmal Mogli dabei, sitzt mit im Sattel – verkleidet mit Jeans und T-Shirt, mit Stirnband und Armbanduhr, angepasst an die Zeiten. Aber mit denselben Träumen und Sehnsüchten. Und mit dem Talent, mindestens in Gedanken mit den Tieren sprechen zu können.

von Helge Sobik

Anreise
Flug mit Qatar Airways von Frankfurt/M., München oder Berlin via Doha nach Kozikhode/Calicut im südindischen Bundesstaat Kerala ab 780 Euro.

Einreise
Zur Einreise nach Indien ist ein Visum erforderlich (50 Euro Gebühr; Beantragung bei der Indischen Botschaft in Berlin oder den Vertretungen in Hamburg, Frankfurt und München).

Weitere Informationen
Indisches Fremdenverkehrsamt,
Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt/M., Tel. (0 69) 2 42 94 90.
www.india-tourism.com

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Wiebke Ramm 28.01.2009