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Reisereporter Ganz nah dran
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12:43 06.05.2013
Von Michael Pohl
Ein Symbol für eine Stadt: Verständigung und Versöhnung sind in Derry/Londonderry aus Eisen gegossen. Kritiker weisen aber gern darauf hin, dass sich die Hände der jungen Männer eben gerade nicht berühren. Quelle: Tourism Ireland/Hill
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Derry/Londonderry

Londonderrys jüngstes städtebauliches Projekt mag nur ein überschaubares Bauwerk sein - doch es ist eines mit hoher Symbolkraft: Nach Jahrzehnten der Unruhen ist die nordirische Stadt seit dem Friedensabkommen von 1998 dabei, Brücken zu bauen zwischen den einst verfeindeten Bevölkerungsgruppen. Und ein womöglich abschließender Schritt ist nun ausgerechnet eine neue Fußgängerbrücke. Peace Bridge, Friedensbrücke, heißt das 235 Meter lange geschwungene Bauwerk des Architekten Wilkinson Eyre, das seit dem vergangenen Jahr den Fluss Foyle überspannt.

Noch vor zehn Jahren wäre solch ein Konstrukt an dieser Stelle wohl undenkbar gewesen. Denn es verbindet das überwiegend von proirischen Bürgern bewohnte Zentrum der Stadt mit dem als probritisch geltenden Ostderry. Wachtürme prägten hier noch in den späten neunziger Jahren das Bild, demonstrativ gehisste Flaggen der Republik Irland auf der einen, des Vereinigten Königreichs auf der anderen Seite. Doch damit ist längst Schluss.

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Londonderry wächst zusammen - das wird schon am offiziellen Auftritt der Stadt auf Briefköpfen und Plakaten deutlich: Statt des im 17. Jahrhunderts aus Dankbarkeit für die finanzielle Unterstützung aus der britischen Hauptstadt London gewählten Namens „Londonderry“ hat der Stadtrat die traditionelle Bezeichnung „Derry“ wieder hoffähig gemacht. Die Stadt nennt sich nun „Derry/Londonderry“. Was freilich ein bisschen ungewöhnlich wirkt und ihr längst den Beinamen „Stroke City“ - Schrägstrichstadt - eingebracht hat. Doch allein das Ergebnis zählt: Alle Bevölkerungsgruppen können nun mit dieser Bezeichnung leben, ganz gleich, welchem politischen Lager sie sich tief im Inneren doch noch zugehörig fühlen.

Gemeinsam stemmen sie in diesem Jahr ein Großprojekt: Derry ist die erste Stadt, die den neu geschaffenen Titel der „UK City of Culture“, der britischen Kulturstadt, tragen darf. Der Auftakt ist in diesem Monat gewesen, bis zum Jahresende folgen insgesamt mehr als 200 Veranstaltungen aus Musik, Kunst und Theater. Aoife Thomas vom Besucherzentrum der Stadt erhofft sich eine nachhaltige Wirkung. Denn für Londonderry stellt der Titel nicht nur eine Riesenchance dar, sondern er führte auch zu einem gewaltigen Motivationsschub. Die über Jahrzehnte nicht unbedingt als Touristenmagnet geltende 85000-Einwohner-Stadt hatte sich in der Endauswahl gegen die deutlich größeren englischen Orte Norwich, Birmingham und Sheffield durchgesetzt. Das schaffte Selbstvertrauen und könnte somit auch ein wenig von der Last der Vergangenheit befreien.

Bislang war es eher der politische Tourismus, der Derry für den einen oder anderen Irland-Besucher zum Reiseziel machte - vor allem wegen eines dunklen Tages in der angloirischen Geschichte: Am 30. Januar 1972 erschossen britische Soldaten 13 Teilnehmer einer Demonstration für Bürgerrechte. Der Tag ging als „Blutsonntag“ in die Geschichte ein und ließ den seit bereits 1969 schwelenden Nordirlandkonflikt schließlich eskalieren. Die irische Band U2 hat den Tag in ihrem Lied „Sunday, Bloody Sunday“ verarbeitet.

Bis heute erinnern Wandbilder im Stadtteil Bogside an den langen Kampf der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) gegen die britische Vormacht in Nordirland. Die Aufschrift „You are now entering free Derry“ (Sie betreten nun das freie Derry) prangt noch an der verbliebenen weißen Wand eines ansonsten abgerissenen Hauses. Zu Hochzeiten des Konflikts war dieser „Free Derry Corner“ als Provokation gegenüber den Briten gedacht. Heute ist er ein beliebtes Fotomotiv für Touristen geworden und kann im nahe gelegenen „Museum of free Derry“ sogar als Miniaturbuchstütze erworben werden.

Eine Stiftung betreibt das Museum, das sich dem Beginn des Konflikts von Derry widmet. Untergebracht ist es in alten Wohnhäusern im Glenfada Park, einer Gegend, in der sich die Ausschreitungen von 1972 hauptsächlich zutrugen. „Unsere Absicht ist es, die Geschichte unserer Gemeinschaft aus unserer Sicht zu erzählen“, sagt Museumsdirektor Adrian Kerr. „Die Ereignisse, die wir hier abdecken sind weltberühmt - aber sie wurden bislang meist nur aus einer offiziellen Sichtweise erzählt.“

Die Darstellung ist bedrückend: Ton- und Filmaufnahmen führen direkt in die aufgeheizte Stimmung zur Hauptphase der „Troubles“. Es fällt jedoch schnell auf, dass das Museum den Konflikt in der Tat nur aus einem Blickwinkel betrachtet - von den insgesamt rund 1800 Todesopfern der IRA-Anschläge ist beispielsweise keine Rede.

Wer heute Derry besucht, braucht indes keine Sorge mehr zu haben, zwischen die Fronten zu geraten. Die Untergrundgruppen beider Lager haben ihre Waffen längst niedergelegt. Die Stadt hat sich zu einem ganz normalen irischen Zentrum entwickelt, in dem die Polizei meist höchstens noch zu einem Ladendiebstahl oder betrunkenen Jugendlichen ausrücken muss. Es wirkt fast, als erwache die ganze Stadt nach Jahrzehnten zu neuem Leben.

Vor allem Derrys Altstadt hoch über dem Foyle gilt als landesweit einzigartig. Ihre 1,5 Kilometer lange Stadtmauer ist die letzte vollständig und unbeschädigt erhaltene ihrer Art auf den Britischen Inseln. Vor genau 400 Jahren, im Jahr 1613, wurde mit ihrem Bau begonnen. Richtung Nordosten ist ein Viertel entstanden, das sich zu einer Art zweitem Zentrum entwickeln könnte: Das frühere Militärgelände Ebrington, das seit dem Abzug der britischen Armee vor einigen Jahren leer stand, ist zu einem Mix aus Cafés, Kulturstätten und Büros ausgebaut worden.

Auch ein Museum und ein Hotel sollen hier demnächst entstehen. Die „City of Culture“ hat den einstigen Paradeplatz, der inzwischen Ebrington Square heißt, eng in ihr Programm eingebunden. Auch die BBC wird ihn nutzen - sie präsentiert hier Ende Mai ein mehrtägiges Rockfestival, unter anderem mit Two Door Cinema Club und Olly Murs. „Das wird eine riesige Party, die die City-of-Culture-Feierlichkeiten auf ein ganz neues Level heben“, sagt Martin Bradley, Vorsitzender der Kulturstadt-Organisation, erfreut.

Eine Dependance der University of Ulster führt dazu, dass auch das Nachtleben der Stadt inzwischen ziemlich ausgeprägt ist. Wenn etwa spät am Abend in den Pubs der Altstadt die Lichter ausgehen, zieht es viele noch weiter in Diskotheken, die gemeinhin deutlich länger geöffnet sind. Die Studenten geben dem geschichtsträchtigen Ort einen überaus modernen Anstrich. Was für die Stadtverantwortlichen einen Glücksfall darstellt: Die Erfahrung in anderen Orten Nordirlands zeigt, dass vor allem die nach der Hauptphase der Unruhen geborenen Einwohner die besten Aussichten haben, Brücken zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern zu bauen. Nicht nur über Flüsse - vor allem in den Köpfen.

Wo einst die „Titanic“ gebaut wurde

In Nordirland gibt es auch außerhalb von Londonderry/Derry zahlreiche Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Hier drei besonders empfehlenswerte Ziele.

  • Giant’s Causeway: Sie sind so etwas wie das heimliche Wahrzeichen Nordirlands: Die ins Meer ragenden achteckigen Basaltsäulen des Giant’s Causeway an der Antrim-Küste sind beliebtes Fotomotiv. Entstanden ist die Formation vor mehr als 60 Millionen Jahren, als die bei einem Vulkanausbruch ausgetretene Lava in Kontakt mit dem Meer kam. Vor Kurzem wurde ein Besucherzentrum eröffnet, das die Entstehungsgeschichte verrät. www.nationaltrust.org.uk/?giants-causeway
  • Titanic Belfast: Erst im Frühjahr 2012 eröffnet, gilt das Museum Titanic Belfast schon jetzt als eines der besten seiner Art. Angesiedelt ist es auf dem früheren Gelände der Werft Harland and Wolff, dort, wo die „Titanic“ vor mehr als 100 Jahren gebaut worden war. Das 98-Millionen-Pfund-Projekt (rund 122 Millionen Euro) stellt die Geschichte des wohl bekanntesten Kreuzfahrtschiffes der Welt in einzelnen Themenwelten dar – von der Konstruktion im benachbarten früheren Hauptquartier der Werft bis zum Untergang im Atlantik. www.titanicbelfast.com
  • Lough Erne: Die beiden aneinander grenzenden Seen zwischen der Republik Irland und Nordirland sind ein beliebtes Erholungsgebiet. Größte Stadt in ihrer direkten Umgebung ist das mit knapp 14.000 Einwohnern überschaubare Enniskillen, wo vor allem die Burganlage aus dem 16. Jahrhundert sehenswert ist. In Nordirland kennt man die Region aber auch aus einem anderen Grund: Tickety Moo, eine beliebte einheimische Eiscrememarke aus Milch von echten Jersey-Kühen, wird vor den Toren der Stadt auf einer kleinen Farm hergestellt, die im Sommer besucht werden kann. www.fermanaghlakelands.com

Hin & Weg

  • Anreise: Nordirland ist von Deutschland aus nicht direkt erreichbar - entweder man fliegt mit Aer Lingus ab Hamburg, Frankfurt oder Berlin nach Dublin und fährt von dort mit Bus, Zug oder Mietwagen in den Norden oder man wählt eine Umsteigeverbindung ab zahlreichen deutschen Airports via Großbritannien mit British Airways oder FlyBe. Den nächstgelegenen Direktflug nach Belfast gibt es ab Amsterdam. Ab Belfast verkehren Busse nach Derry/Londonderry. Mit der Nachtfähre ab Nordfrankreich (Cherbourg) direkt nach Irland oder via Großbritannien.
  • Beste Reisezeit: Irland ist die Grüne Insel - das wäre nicht so, wenn es nicht immer mal regnen würde. Eine wetterfeste Jacke sollte also ins Gepäck gehören. Die Sommer sind vergleichbar mit denen in Deutschland, nur extreme Hitze braucht man nicht zu erwarten. Dafür sind die Winter vergleichsweise mild. Schnee und Eis sind in Irland sehr selten.
  • Sicherheit: Die Zeiten der “Troubles” sind grundsätzlich vorbei. Man kann sich heutzutage in ganz Nordirland gefahrlos bewegen, sollte jedoch - wie in aller Welt - vor allem bei Dunkelheit soziale Brennpunkte meiden. Es empfiehlt sich zudem, nicht offensichtlich für eine Seite Partei zu ergreifen, etwa durch ein britisches Emblem in irisch geprägten Stadtteilen oder umgekehrt.
Gunnar Gerold 04.07.2018
Florian Knabe 23.04.2013
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