Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Reisereporter Das Herz der Grünen Insel
Reisereporter Das Herz der Grünen Insel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 02.09.2013
Von Gabriele Schulte
Faszinierende Einöde: Von Letterfrak aus führt Paul Phelan Wanderer auf steinigen Wegen den 442 Meter hohen Diamond Hill hinauf.
Faszinierende Einöde: Von Letterfrak aus führt Paul Phelan Wanderer auf steinigen Wegen den 442 Meter hohen Diamond Hill hinauf. Quelle: Schulte
Anzeige
Connemara

In Connemara ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Martin Walsh erzählt so lebhaft von der Hungersnot, als läge sie nicht mehr als 150 Jahre, sondern nur wenige Tage zurück. „Hier auf dieser kleinen Kartoffelfarm konnten sich Dan O´Hara und seine Frau mit ihren sieben Kindern problemlos selbst versorgen“, sagt er. „Bis sie 1945 die Pacht nicht mehr zahlen konnten und vertrieben wurden  – wie 65.000 andere Iren.“ Plötzlich sind die Zuhörer, eine Reisegruppe aus der Bretagne, mucksmäuschenstill, als Walsh seine Stimme erhebt und ihnen ein Lied singt: die Ballade von Dan O´Hara, „Farmer mit gebrochenem Herzen“. „Sie beruht auf Tatsachen“, sagt Walsh, und niemand zweifelt daran.

Die Idee, die leer stehende Farm bei Clifden als Museumshof herzurichten, stellvertretend für die zahllosen seit jener Hungersnot verlassenen Reetdachhütten im Moor, stammt von Walsh selbst. Besucher können sich seitdem auf Dan O´Haras Farm im Torfstechen und im Backen von Sodabrot üben. Enthusiasten wie dem ehemaligen Busfahrer ist es zu verdanken, dass ihnen von der Folklore mehr bleibt als ein paar Fotos und eine nette Erinnerung. Walshs Empörung über die Ungerechtigkeit der einstigen Großgrundbesitzer wirkt noch lange nach.

Der wahre Mythos Irlands

Wer den Mythos Irland sucht und das raue Klima nicht scheut, sollte die Westküste der Insel besuchen. Regen und Wind, mooriger und felsiger Boden und schlechte Wege sprachen jahrhundertelang dagegen, dass sich hier freiwillig Menschen ansiedelten. Die Menschen, die im Westen lebten, sprachen weiterhin Gälisch und höchstens als Zweitsprache Englisch. Touristen, die wilde Natur und das Ursprüngliche lieben, sind allerdings immer gern gekommen, wie Heinrich Böll schon in den fünfziger Jahren. Seit dem Wirtschaftsboom und erst recht seit der darauffolgenden Krise zieht es nun auch Iren aus dem hektischer und teurer gewordenen Großraum Dublin gen Westen.

Paul Phelan ist so ein „Hineingewehter“, wie er selbst von sich sagt. Von Letterfrack aus, einem Dorf am Fuße des Connemara-Nationalparks, führt der 52-Jährige Wanderer auf steinigen Wegen den 442 Meter hohen Diamond Hill hinauf. Selbst wenn die Sonne scheint und der weite Blick auf Meer, Moor, Hügel und Seen schon genug wäre, hält auch der ehemalige Dubliner die Vergangenheit des Landstrichs lebendig. Von der Hungersnot, die diese Gegend besonders betraf, erzählt auch er. Die Legenden der Region sind Phelan präsent. „Die Insel Inishbofin“, sagt er und zeigt übers Meer, „die ist nach einer weißen Kuh benannt, die sich plötzlich in einen Stein verwandelte.“ Aus einem See auf der anderen Seite des Diamond Hill soll ein Schimmel gesprungen sein, von dem ebenfalls nur ein Fels übrig blieb. Und drüben in Clifden gibt es die „weiße Lady“. Die Geschichten, die bei Sonnenschein einige Fantasie erfordern, erscheinen am nächsten Tag gar nicht mehr unwahrscheinlich. Es ist ein verhangener Tag auf dem Burren, einem kargen, felsigen Hochplateau südöstlich der Galway-Bucht. Immer wieder beginnt es zu regnen. Weiße Kühe, weiße Damen – gut vorstellbar mit Blick auf die Felsen am dunstigen Horizont. Auch in dieser einzigartigen, scheinbar gottverlassenen Gegend ist es gut, einen ortskundigen Führer zur Seite zu haben. Ein paar markierte Wege gibt es zwar in der faszinierenden Einöde, aber sie sind schlecht zu erkennen.

Weitläufige Karstlandschaft

Wanderführer Tony Kirby ist Burren-Experte und hat ein Buch über die weitläufige Karstlandschaft geschrieben. Stundenlang kann er von alten Pilgerwegen erzählen, von frühchristlichen Mönchen, die in Höhlen lebten, aber auch von der überraschenden Mischung aus alpinen und mediterranen Blumen, die zwischen den Felsen wachsen. Der 55-Jährige ist vor einigen Jahren ebenfalls in Irlands Westen umgezogen, „der Musik wegen“, wie er sagt. Die Westküste nämlich ist das Kernland der traditionellen irischen Musik, der Jigs und Reels, Polkas und Hornpipes. Überall finden sich Pubs, in denen sich ein oder mehrmals pro Woche Instrumentalisten, häufig auch Sänger und manchmal noch Stepptänzer zu abendlichen Sessions zusammenfinden. Nahe den Klippen von Moher, in Doolin, dem „Mekka“ der irischen Traditionsmusik, sogar jeden Tag. Die Einheimischen sprechen im Übrigen von „Traditional“ oder „Trad Music“ – als Folk gelten überlieferte Gesangsstücke.

Die Musik verbindet

Nicht nur Touristen, auch Einheimische strömen spätabends in die Kneipen, lauschen verzückt dem spontanen Zusammenspiel von Geige und Flöte, Mandoline, Banjo und Ziegenfelltrommel. Jeder, der das Grundrepertoire beherrscht, kann einfach mitspielen, 40 oder 50 Instrumentalisten kommen manchmal zusammen. Mancher Reisende mit Gitarre im Gepäck, der daheim seit Langem irischen Folk spielt, erfüllt sich so einen Traum. „Um die Sache in Gang zu bringen, bezahlen die Pubs immer zwei Musiker, die anfangen und den Ton angeben“, erzählt Heather Greer, die mit ihrer Freundin Mary Lovett selbst von Pubs engagiert wird. Greer und Lovett haben sich noch ein weiteres Standbein geschaffen, das ist allerdings mehr eine Mission: „Dusty Banjos“, die von ihnen gegründete Schule und Band für traditionelle irische Musik, richtet sich an Erwachsene, die ihre musikalischen Fertigkeiten auffrischen und sich langsam an Sessions herantrauen wollen. „Kinder mit Instrumenten werden immer gelobt, auch wenn sie Fehler machen“, erläutert Lovett. „Bei uns dürfen auch Erwachsene Fehler machen.“ Auch die beiden Musikerinnen sind vor ein paar Jahren nach Connemara gezogen. „Wir lieben die Westküste“, stimmen sie überein. Die Gemeinschaft, die ursprüngliche Musik, die uralten Geschichten. Die Ballade von Dan O´Hara, der während der großen Hungersnot nach New York auswandern musste und mit Heimweh im Herzen als armer Streichholzverkäufer starb, ist nur eine von unendlich vielen.

Hin und weg

Anreise

Zum Beispiel mit Air Lingus direkt nach Dublin, weiter mit Bus oder Mietwagen.

Unterkunft

Die Pensionen unterscheiden sich stark in Größe und Ausstattung – das Angebot reicht bis zur Suite mit Himmelbett-Schlafzimmer, Küche und großem Bad (wie im „Quay House“ in Clifden). Wer keine besonderen Ansprüche hat, findet in der Regel auch ohne Vorbestellung einen Platz für die Nacht. Für Kurzaufenthalte stark nachgefragt sind die zahlreichen Schlosshotels; etwa die Fünf-Sterne-Herberge „Dromoland Castle“ in Newmarket-on-Fergus. Zum klassischen Bed and Breakfast gehört ein reichhaltiges warmes Frühstück.

Geführte Wanderungen

Dan O´Hara’s Farm in Lettershea, Clifden (www.connemaraheritage.com) WalkConnemara mit Paul Phelan, Letterfrack (www.walkconnemara.com) Burren-Tour mit Tony Kirby (www.heartofburrenwalks.com) Cliffs of Moher ab Doolin mit Pat Sweeney (www.doolincliffwalk.com)

Traditionelle Musik

Pubs mit herausragenden Sessions: The Crane (Galway), Lowry´s (Clifden), McGann´s und O´Connor´s (beide Doolin) Session-Musikschule mit Liederbuch auch für Anfänger: Dusty Banjos in Galway (www.dustybanjos.com)

Weitere informationen

Adresse: Irland Information Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt/M.

Telefon: (069) 66 80 09 50

E-Mail: info.de@tourismireland.com

Homepage: www.ireland.com

Wiebke Ramm 19.08.2013
12.08.2013
Stefan Stosch 05.08.2013