Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Reisereporter Hochseilgärten und Klettersteige: Wandern war gestern
Reisereporter Hochseilgärten und Klettersteige: Wandern war gestern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:30 15.01.2014
Anseilen in Osttirol: Bergführer und Mitarbeiter des Tourismusverbands haben während der vergangenen fünf Jahre zahlreiche Klettersteige gebaut.
Anseilen in Osttirol: Bergführer und Mitarbeiter des Tourismusverbands haben während der vergangenen fünf Jahre zahlreiche Klettersteige gebaut. Quelle: Bergstatt
Anzeige

Mit Klettern habe ich mich sogar am Ballermann schon blamiert. Eigentlich war es ein netter Urlaub unter Freunden. In der Sportklub-Anlage stand eine Kletterwand, die konnten wir während des täglichen Animationsprogramms nutzen. Hab’ ich gemacht. Ein totaler Reinfall. Einen Meter habe ich mich hochgehievt, so weit kam ich vom Boden aus. Wie es höher hätte gehen können, haben die anderen vorgemacht.

Klettertest nun also in Osttirol. Dienstlich. Da musste ich gar nicht erst an eine Wand, damit mir das Herz schon im Klettergeschirr hing. Aber dann kam Lisi Steurer. Die 29-jährige, staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin hat vor vier Jahren mit einem Partner die Alpinschule Bergstatt in Lienz gegründet.

Jetzt hat sich das Duo zwei weitere Partner gesucht, die Wassersport in den Bergen anbieten – Canyoning, Rafting, Kayaking. „So decken wir alles ab, was bei uns an jungem Sport möglich ist“, erklärt Lisi, die geduzt werden möchte.

Lisi ist in der Bergstatt fürs Klettern zuständig und bringt es vor allem Firmengruppen und Touristen bei. Im Sommer im Hochseilgarten und am Berg, im Winter beim Eisklettern. 2001 ist sie Zweite geworden beim Ice-Climbing-Worldcup im schweizerischen Saas Fee. Das verschweigt sie lieber, „ist eh lang vorbei“ – und für sie so nebensächlich wie die Damen der österreichischen Ski-Nationalmannschaft, mit denen sie klettern war.

Von den Kindern erzählt Lisi lieber. Mit ihnen arbeitet sie einmal im Monat am Tristacher See im Hochseilgarten. Den hat sie mit ihren sechs Mitarbeitern angelegt. In die Bäume haben sie den Parcours gebaut, alles so naturnah wie möglich. Die Kinder leben sonst im Sanatorium Ederhof, erholen sich dort von Organtransplantationen. Die Zeit im Hochseilgarten soll ihr Selbstbewusstsein stärken.

„Guck runter!“

Ich frage mich nur: Wie? Geht sie mit den Kindern vielleicht sanfter um? „Guck runter“, ruft sie mir in einem Ton zu, der keinen Widerspruch kennt. „Du musst dich an die Höhe gewöhnen!“ Witzig. An die Höhe gewöhnen. Ich hänge an einem Seil, fünf Meter weiter unten schweigt mich eine Schlucht an.

Lisi wieder: „Guck runter.“ Warum das so wichtig ist? „Das größte Problem der Anfänger ist, dass ihre Augen die Höhe nicht kennen. Wenn sie dann im Fels hängen, erschrecken sie sich und kriegen es mit der Angst“, weiß sie. Schau ich halt runter und hoffe aufs Klettergeschirr. Das würde mich schon halten, hat Lisi versprochen. „Du musst dem Material nur trauen.“ Ich vermute, das sagt sie den Fünfjährigen sicher auch.

Es hält aber wirklich, und die Augen kommen auch klar mit der Höhe. Fehlt nur noch das richtige Absichern. Das vermittelt Lisi im Geschicklichkeitsparcours. Da hängen Wackelbrücken in den Wipfeln – mit Tritten aus Holz, aus Seilen oder nur aus Klötzchen. Wer die schafft, ist der Held im Garten. Ich nicht, ich treffe die Dinger nicht. Macht aber nichts, beim Danebenplumpsen vertraue ich einfach dem Material.

Vor allem den Haken: Zwei muss ich ans Sicherungsseil klinken, einen von rechts, einen von links. Ich darf nie beide gleichzeitig ausklinken, einer bleibt immer am Seil. „Das darfst du nie vergessen: Immer einen nach dem anderen“, wiederholt Lisi ihr Klettermantra. Wieder. Und wieder.

„Totale Sicherheit gibt es nicht, passieren kann immer etwas, aber wenn du einen Haken am Seil behältst, schränkst du das Risiko ein.“ Und während ich mich durch die Wipfel klinke, den harzigen Waldgeruch atme, merke ich: Klettern macht doch Spaß, ich muss bloß höher kommen als einen Ballermann-Meter.

210 Alpen-Meter soll ich am Nachmittag schaffen, so lang ist der Galitzenklamm-Klettersteig. „Passt scho’, ist lässig“, versichert Lisi. Wäre auch blöd sonst, immerhin ist der Steig für Anfänger wie mich angelegt. Und dann will Lisi ja auch ihre Philosophie veranschaulichen. „Weißt du“, erläutert sie, „die Bergsteiger früher mussten immer alle Gipfel erklimmen.“ Superheroes nennt sie Messner & Co. „Wir Jungen denken halt: Ja, gut, wir sind nun mal hier in den Bergen, erklimmen müssen wir die nicht alle, aber das Beste draus machen, das wär’ fein.“

Fein? Im Sinne von angenehm kann sie das nicht meinen, dächten meine Oberarme, wenn sie denn denken könnten. Klettern ist Oberarmfolter, so viel ist auf halbem Weg durch die Klamm klar. Gerade halten mich die Arme an der höchsten Stelle des Steigs. Ich blicke hinunter. 60 Meter tiefer, das ist der Laserzbach.

Der rauscht nicht, der donnert, und das höre ich sehr genau, das dröhnt noch lauter als das Pochen in meinen Schläfen. Und an der Stelle verstehe ich auch, warum ein Blick atemberaubend sein kann. „Hättest du mir das vorher gezeigt, wäre ich nicht mitgekommen“, mosere ich. „Ich weiß“, entgegnet Lisi, „darum zeige ich das vorher nie.“ Sie grinst.

Dem Material vertrauen

Die Pause währt aber nicht lange, „weiter“, fordert Lisi. Sie hat auch leicht antreiben. Sie tänzelt im Kalkfelsen über die stählernen Tritte. Die hängen an den Stellen, die schwierig sind, Grad C auf der Skala bis D. Für Lisi kein Problem, als Försterstochter hat sie früher bestimmt mit Gämsen gespielt.

Mir kommt der Fels eher wie ein Pferd vor, das buckelt, weil es mich abwerfen will. Aber ich weiß ja, was hilft: ein stählerner Sicherungshaken von links, einer von rechts. Nie beide gleichzeitig ausklinken, dem Material vertrauen; auch wenn die Hände allmählich so metallisch riechen wie nach einem Kugelstoßtraining.

Aber, Moment mal, kann das sein? Ich stehe auf der Seilbrücke über dem dritten Wasserfall, ganz kurz vorm Ziel. Zum Schluss habe ich den Bach nicht einmal mehr gehört, die Konzentration hat ihn ausgeblendet. „War doch lässig, oder?“, fragt mich Lisi und grinst wieder. Ich lächele zurück und antworte: „Fein.“

Von Verena Koll

Anreise
Die Anreise erfolgt über Klagenfurt (Kärnten), TUIfly fliegt ab Hannover, Berlin und Hamburg. Die Osttiroler Hotels arbeiten mit einem Taxi-Unternehmen zusammen, das die Gäste für 27 Euro pro Person und Strecke zwischen Flughafen und Herberge befördert.

Klettern
Das sogenannte Klettersteig-Paket umfasst sieben Übernachtungen mit Halbpension sowie vier geführte Tagestouren auf den Klettersteigen der Lienzer Dolomiten. Die Ausrüstung wird gestellt. Vier bis acht Personen können teilnehmen. Die Preise rangieren zwischen 380 und 667 Euro. Die beste Kletterzeit ist von Juni bis Mitte Oktober, das Angebot gilt bis Ende September. Weitere Infos unter Tel. (00 43 / 50) 21 24 00.

Hochseilgarten
Der Eintritt kostet 20 Euro für Kinder (ab fünf Jahren), 25 Euro für Erwachsene. Die Aufenthaltsdauer beträgt drei bis vier Stunden. Die Ausrüstung wird jeweils gestellt.

Weitere Informationen
Osttirol Werbung, Albin-Egger-Str. 17, A-9900 Lienz, Tel. (00 43/50) 21 22 12
www.osttirol.com