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Reisereporter Kalte Füße in Feuerland
Reisereporter Kalte Füße in Feuerland
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00:00 17.09.2011
Wer kommt denn da? Am Ende der Welt beäugen Magellan-Pinguine die Entdecker der Moderne. Quelle: Cruceros Australis
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Kap Hoorn

Es schneit in Feuerland – Jahr um Jahr, Jahrzehnte und Jahrhunderte. Die glitzernden Kristalle fallen vom Himmel und legen sich auf die Felsmassive der Andenausläufer. Sie türmen sich auf, Meter um Meter, und pressen den Schnee zu Eis, bis es so hart wird, dass es blau schimmert.

„Warum ist denn der Gletscher so blau?“, fragt Paul aus Ohio, der mit Schwimmweste vor einem gigantischen Gletscher am Beagle-Kanal steht. Rodrigues, der Exkursionsführer, hört diese Frage nicht zum ersten Mal und erklärt: „Der Gletscher scheint in leuchtendem Blau, weil nur die blaue Farbe des Lichtspektrums vom Eis wiedergegeben wird.“

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Als ob der schimmernde Gigant diesen Worten Nachdruck verleihen möchte, kracht eine riesige Eismasse von der Gletscherkante und stürzt mit tiefem Grollen und einer aufsteigenden Eiswolke in den Fjord. In weiten Kreisen breiten sich die Wellen aus und lassen die schwimmenden Eisbrocken im milchig grünen Gletscherwasser tanzen und die Schlauchboote auf- und niederhüpfen.

Archaisches Naturspektakel

Die kleine Exkursionsgruppe bestaunt still das archaische Naturspektakel und lässt sich entführen in die jahrtausendealte Vergangenheit der Landschaft, die vom ewigen Wind, der erhabenen Schönheit der Gletscher und dem nie endenden Niederkrachen des Eises erzählt. Dann plötzlich klicken die Kameras – zu spät für das Schauspiel, aber rechtzeitig genug, um die Sonnenstrahlen einzufangen, die plötzlich durch die schweren, grauen Wolken blitzen und die riesige Eiszunge zum Glitzern bringen.

Von überall her, aus 18 Nationen, kommen die Gäste, die das Abenteuer in Feuerland gebucht haben – eine fünftägige Schiffstour durch die Kanäle und Fjorde Patagoniens von Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt des Nachbarn Argentinien. Fünf Tage zwischen relaxtem Luxus an Bord der Via Australis und abenteuerlichen Exkursionen an die zerklüfteten Küsten Feuerlands.

Fünf Tage inmitten einer faszinierenden Tierwelt mit Kolonien von Seelöwen, tonnenschweren See-Elefanten, possierlichen Pinguinen, Delfinen, Walen und mächtigen Albatrossen, die das Schiff begleiten. Fünf Tage auf den Spuren der großen Entdecker, die vor rund 500 Jahren mit ihren hölzernen Karavellen das raue, windgepeitschte Meer befuhren, um einen Seeweg nach Indien zu finden und zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist. Magellan war es schließlich, der nur wenige Kilometer nördlich des gefährlichen Kap Hoorns im Jahre 1520 einen Kanal entdeckte – der heute nach ihm heißt – und damit in die Geschichte einging.

Was damals lebensgefährlich war, ist heute ein gut kalkulierbarer Spaß. Hightech-Kleidung, wasserfeste Trekking-Schuhe und Plastikhüllen für die Kameras – die Gäste sind gut gerüstet, und wenn Rodrigues die Schuhe für den Landgang nicht geeignet erscheinen, verordnet er Gummistiefel aus dem Bordbestand für garantiert trockene, aber auch garantiert kalte Füße.

Die Spannung steigt an Bord...

...die gut hundert Passagiere sind aufgeregt: Morgen ist der große Tag, das große Ereignis, auf das alle hinfiebern und das für viele der wichtigste Grund für diese Reise ist: Kap Hoorn. Den südlichsten Zipfel des Kontinents, dort wo Atlantik und Pazifik zusammenstoßen, umranken Legenden. Hier, so schätzt man, liegen rund 800 Wracks. Schiffe, die in den tosenden Wellen gescheitert sind und dabei wohl 10 000 Männer mit in die Tiefe des Meeres genommen haben.

Ein Gedicht gedenkt ihrer – eine Tafel, aufgestellt auf der Felseninsel Isla Hornos unterhalb des stählernen Kap-Hoorn-Denkmals: „In bin der Albatros, der auf dich wartet am Ende der Welt. Ich bin die vergessene Seele der toten Seefahrer, die über alle Meere der Erde kamen, Kap Hoorn zu umsegeln. Aber sie starben nicht im Wüten der Wellen, heute fliegen sie auf meinen Schwingen, auf alle Ewigkeit, im letzten Abgrund der antarktischen Winde.“

Ein Mahnmal, eine Gedenktafel, ein Leuchtturm und ein kleines Haus – das Ende der Welt, von Stürmen umtost, der letzte Vorposten der Zivilisation. Danach kommt die Drake-Passage und dann, nur wenige Hundert Kilometer weiter, die Antarktis. Nicht immer können die Schlauchboote auf der Isla Hornos landen, manchmal sind die Wellen zu hoch. Doch heute geht es auf die legendäre Insel, auf der die kleinen Magellan-Pinguine in Scharen über das Gras wackeln oder sich auf den sonnengewärmten Felsen räkeln.

Der Empfang ist dem Ereignis angemessen. Während schwarze Karakara-Vögel im Tiefflug über die Felsen jagen und ein Regenbogen ins aufgewühlte Wasser fällt, begrüßt Miguel, Gesandter der chilenischen Marine, jeden mit Handschlag. Er hat hier für ein Jahr seinen Traumjob gefunden: Zusammen mit Ehefrau, sechsjährigem Sohn und Schäferhund wacht er über die Insel und funkt nach Hilfe, wenn wieder ein Segler mit gebrochenem Mast hilflos vor Kap Hoorn im Meer treibt.

Die Gäste der Via Australis haben es geschafft, sie haben ihren Fuß auf die Isla Hornos gesetzt und halten nun stolz ihr Zertifikat, eigenhändig vom Kapitän unterschrieben, in der Hand. Zufrieden sitzen sie in den großen Ledersesseln der Lounge und lassen die schneebedeckten Andengipfel an sich vorbeiziehen. Das Schiff gleitet in den Beagle-Kanal, in die Allee der Gletscher. Die eisigen Giganten hängen in den Felsklippen, schieben sich über das Geröll oder stürzen krachend ins Meer. Als wollte das Ende der Welt uns noch etwas sagen.

Von Jutta Lemcke


Anreise
Mit LAN, Lufthansa oder Aerolineas Argentinas geht es nach Buenos Aires oder Santiago de Chile und von dort weiter nach Ushuaia oder Punta Arenas.

Expedition
Die Schiffe von Cruceros Australis sind die einzigen, die Feuerland bereisen und Exkursionen an Land anbieten.
www.australis.com