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Reisereporter Kitesurfen on the Rocks
Reisereporter Kitesurfen on the Rocks
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00:21 11.07.2009
Zwischen Strand und Gletscher: Kitesurfen im Skaftafell-Nationalpark.
Zwischen Strand und Gletscher: Kitesurfen im Skaftafell-Nationalpark. Quelle: Eisele-Hein
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Elegant cruist Dirk Hanel durch ein Labyrinth aus scharfkantigen Eisschollen. Plötzlich dreht der Wind. Ein hektischer Satz über einen blauschimmernden Eisriegel verhindern das Gröbste. Doch im kalten Angesicht einer zwölf Meter hohen Eispyramide ist Schluss. Der jungfräuliche Slalom durch Islands berühmtesten Gletschersee Jökulsarlon findet ein jähes Ende. Dirk muss den Kite sausen lassen.

Jetzt geht alles ganz schnell. Während der Schirm zwischen die Eisberge kracht, paddelt Dirk schon aus dem Packeis. Neugierig tauchen zwei Robben zwischen den Eistrümmern auf. „Bringt mir die Wärmepads“, schreit Dirk. Sein Körper wird zwar vom Neoprenanzug geschützt. Aber in den bestenfalls drei Grad „warmen“ Wasser lässt schnell das Gefühl in den Finger nach.

Endlich am Ufer, drückt Dirk lange die heißen Wärmepads. Nur langsam kehrt wieder Leben in seine Finger zurück. „Ich muss den Schirm retten“, ruft er und lässt den im Eis zappelnden Drachen nicht aus den Augen. Auf einer aufblasbaren Isomatte wagt er sich zwischen die Eiskolosse und holt seinen Kite, der bereits im Atlantik zu verschwinden droht.

Dirk Hanel ist ein Star in der Kiteboard-Szene. Der 34-Jährige zählt in dieser jungen, boomenden Sportart zu den Männern der ersten Stunde und ist zurzeit Deutscher Rekordhalter auf der 500-Meter-Strecke. Als Weltcup-Kiter hat er schon viele verwegene Spots angesteuert. „Aber Island ist ganz anders“, sagt er. „Wo kannst Du schon zwischen Eisbergen kiten? Und das bei mindestens fünf Windstärken. Wahnsinn!“

In der Tat! Hier, wo der Vatnajökull, Europas größter Gletscher, einen seiner zahlreichen Arme zu Tal strömen lässt, ploppen Tag und Nacht gewaltige Eismassen in Form kalbender Eisberge in den Märchensee Jökulsar. Hier fröstelte schon Pierce Brosnan alias James Bond – oder waren es seine Stuntdoubles? – für „Stirb an einem anderen Tag“. Hier landen täglich unzählige Island-Touristen. Die finden alles bizarr, märchenhaft und überhaupt wunderbar. Halten kurz mit der Kamera drauf und sind dann schnell wieder weg, bevor ihnen die Kälte in die Knochen kriecht. Auf die Idee, hier mit dem Kiteboard ins Wasser zu gehen, ist bisher noch niemand gekommen.

Dabei war allein schon die Zeltnacht am Ufer die Reise wert. Auf dem Gaskocher schmolzen wir einen Mini-Eisberg und kochten Spaghetti in Tomatensauce. Zur Untermalung des Camping-Dinners spielten die Gletscherzacken Schwanensee-Ballett. In Zeitlupe drifteten sie mit der Strömung an unserem Nudeltopf vorbei, hinaus aufs offene Meer. Erst weit nach Mitternacht hüllte ein zäher Nebel die Eisberge ein. So muss es gewesen sein, als die „Titanic“ den Eisberg rammte.

Eine völlig neue Kite-Erfahrung bietet auch der Skeidara-Sund. Hier rauscht das Schmelzwasser des Skaftafell-Gletschers mit Tempo 30 in unzähligen Armen zu Tal. Bergab in Richtung Meer läuft es also von allein. Doch der Wind weht volle Kraft gegen die reißenden Wasseradern. Somit fegt das Board auch bergauf über trübgraue Stromschnellen.

Eigentlich ist Sommer, aber was heißt das schon am Polarkreis. Schneeschauer lösen die peitschende Regenfront ab. Dirk segelt um halb zwei Uhr morgens mit dem Schirm durch die Luft! Eine herrlich schräge Aktion – aber eben kalt!

von Norbert Eisele-Hein

Anreise
Ab Hamburg, Frankfurt oder München z.B. mit Icelandair, ab 250 Euro. Kiteboards müssen vorher angemeldet werden! Tel. (0 69) 29 99 78. www.icelandair.com

Beste Reisezeit
Juni, Juli, August, bis max. Mitte September. Die Hochlandpisten werden je nach Schneelage meist erst ab Mitte Juni geöffnet. Winterlich kalt kann es das ganze Jahr über sein.

Kitesurfen
Es gibt noch keine organisierten Kitetouren auf Island. Die stark zerklüftete Küste mit ihren unzähligen Fjorden bietet fast überall gute Bedingungen für Kitesurfer. Auch die zahlreichen Seen eignen sich hervorragend.

Weitere Informationen
Isländisches Fremdenverkehrsamt, Frankfurter Str. 181, 63263 Neu-Isenburg, Tel. (0 61 02) 25 44 84. www.visiticeland.com

04.07.2009
Nicola Zellmer 04.07.2009
27.06.2009