Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Reisereporter Auf einen Minztee in Kairouan
Reisereporter Auf einen Minztee in Kairouan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:57 12.04.2014
Mildes Licht: Der Blick über die heilige Stadt Kairouan inspirierte vor 100 Jahren schon die Expressionisten Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet.Begalke (2), iStockphoto.com/elpy
Anzeige
Kairouan

Wir trinken Minztee mit jeder Menge Zucker auf einer Dachterrasse in der heiligen Stadt Kairouan. Der Blick schweift über das Häuser-Durcheinander, wir erkennen die Kuppeln von Moscheen. Im Sommer soll es hier sehr heiß sein, denn weit weg ist sie nicht mehr, die Sahara. Doch jetzt, so früh im Jahr, ist es angenehm warm, kein Wunder, dass Störche in dieser Gegend überwintern. Das Licht ist mild und klar, nichts wehtuendes Helles. Wir schwärmen von den Farben und geben ihnen Namen wie Honigmelone und Orange, Sand und Dromedar. Hier oben, auf dem Haus eines Teppichhändlers, kann man gut verstehen, warum Paul Klee die Welt in seinen Bildern so schemenhaft malte. Nur andeutungsweise, auf das Wesentliche konzentriert. Die Formen und Farben dieser Stadt haben ihn dazu inspiriert, als er vor einhundert Jahren hier war - nur die vielen Satellitenschüsseln gab es damals nicht.

„Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler“, schrieb Klee am Donnerstag, 16. April 1914, in sein Tagebuch. Die Farben Kairouans, der Mond des Südens, die Wüstenstimmung, aber auch die Anmut arabischer Frauen beim Bauchtanz und die Chianti-Abende mit seinen Künstlerkollegen haben den damals 34-Jährigen so sehr ergriffen, dass er sich seit diesem Tag als richtiger Maler fühlte.

Anzeige

Klee war mit August Macke und dem heute weniger bekannten Schweizer Louis Moilliet unterwegs. Die zweiwöchige Studienreise der drei Expressionisten nach Tunesien ging in die Kunstgeschichte ein, denn was als Sause begann, endete in einem Schaffensrausch. Indem sie sich für den Orient öffneten, entfernten sie sich von der europäischen Kultur. Das war damals neu, ihr abstrahierender Malstil galt als rebellisch.

„Billiger als bei Aldi!“

„Vor den Toren von Kairouan“ heißt eines der Aquarelle, die Klee während der Tunisreise schuf. Es zeigt die Steppe, die Stadtmauer, eine Moschee, zwei Dromedare, einen Esel. Wer heute auf die etwa 150 Kilometer südlich von Tunis gelegene Stadt zusteuert, fährt lange durch Olivenhaine - und sieht dann zuerst ein Gewerbegebiet. In der Medina kann es passieren, dass einem ein Tuchhändler auf Deutsch „Billiger als bei Aldi!“ hinterherruft, um einen in sein Geschäft zu locken. Doch man kann noch immer alle Orte und Plätze besichtigen, die die angehenden Weltstars Klee und Macke vor hundert Jahren inspirierten. „Herein- gezeitelt“ seien sie in das damals von Frankreich besetzte Tunesien, schreibt Klee. „In dümmster Nichtanpassung.“ Es gibt ein Foto, das die beiden mit Anzug und Krawatte zeigt. Klee steht im Staub, Macke sitzt auf einem Esel, daneben ein Einheimischer im Kaftan.

Tauben fliegen auf, wenn die Muezzins zu rufen beginnen. Wir sind „hineingezeitelt“ in ein Tunesien im Umbruch. Das Land mit fast nur muslimischer Bevölkerung hat sich gerade eine neue Verfassung gegeben, die Gewissens- und Glaubensfreiheit sowie die Gleichstellung von Mann und Frau garantiert. An keiner Stelle im Text wird auf das islamische Recht der Scharia verwiesen. Ob diese liberale Verfassung wegweisend für die ganze Maghreb-Region sein wird, ist fraglich, denn der Arabische Frühling hat vielen Menschen bislang vor allem Gewalt gebracht. Drei Jahre nach der Revolution droht in Ägypten die Rückkehr einer Militärherrschaft, Syrien versinkt im Bürgerkrieg, und in Libyen lähmen unkontrollierbare Milizen den Staat. Lediglich in Tunesien scheint ein Wandel hin zur Demokratie weiter nahe. Auch die islamistische Ennahda-Partei hat die Notwendigkeit von Kompromissen begriffen und die Regierung unabhängigen Experten übergeben. Diese bereiten gerade die ersten freien Wahlen vor.

Auf der Avenue Habib Bourguiba, der den Champs-Élysées nachempfundenen Prachtstraße von Tunis, kann man das Stadttheater besichtigen. Die Jugendstil-Fassade ist bestaubt mit kolonialer Patina. Die neunhundert Jahre alte Medina, die Altstadt mit ihrem Gassen- und Stimmengewirr, ist nicht weit. Aber auch der Neustart der Nation hat schon Spuren auf der Bourguiba hinterlassen, schließlich war sie die Hauptstraße des Aufstandes: Der „Platz des 14. Januar 2011“ erinnert an den Tag, an dem Langzeitherrscher Ben Ali nach wochenlangen Protesten gegen sein Regime nach Saudi-Arabien flüchtete. Mit Stacheldraht sind noch immer Teile der Promenade gesichert.

„Wir lassen uns unsere Revolution nicht mehr nehmen“, erklärt die Künstlerin und Frauenrechtlerin Sadika Keskes aus Tunis. Sie stattet unter anderem Hotels mit ihren mundgeblasenen Lampen, Vasen und Bechern aus. Sie war bei den Demos auf der Bourguiba dabei, und sie schwärmt von der „neuen offeneren, lebendigeren Gesellschaft“. Sie fürchte sich weniger vor Salafisten, sagt sie, sie sorge sich mehr um die soziale Gerechtigkeit. Aufsehen will sie deshalb mit ihrem Projekt „Frauen, zeigt eure Muskeln!“ erregen, mit dem sie sich für bessere Arbeitsbedingungen für die rund 800 000 tunesischen Teppichknüpferinnen starkmacht. 150 von ihnen produzieren zurzeit Teppiche - unter anderem mit Paul-Klee-Motiven - für eine Ausstellung.

Etwa 425 000 Deutsche haben im vergangenen Jahr in Tunesien Urlaub gemacht, fast so viele wie vor der Revolution. Es wären wohl mehr gewesen, wären viele Hotels nicht in die Jahre gekommen. Daran stören sich Touristen, genauso wie am Abfall, der vielerorts einfach abgekippt und von streunenden Katzen in den Straßen und der Landschaft verteilt wird. Sogar in den Kaktusfeigen am Wegesrand hängt der Plastikmüll. Amel Karboul will das Problem anpacken. Die 40-Jährige gehört der Übergangsregierung als Tourismusministerin an. Sie hat in Karlsruhe Maschinenbau studiert, als Unternehmensberaterin ist sie international gefragt. Sie spricht Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Fließend. Sie ist eine „Multikulti-Lösungsfinderin“, wie das Wirtschaftsmagazin „Brand eins“ schrieb.

Karboul will einen anderen Tourismus für ihr Land, die Urlauber sollen nicht nur sonnenbaden, sondern auch die Kultur, Geschichte und Natur erleben. Dass in Tunesien bis zur Arabisierung das Christentum verbreitet war, dass es sogar drei tunesische Päpste gab, wüssten die meisten gar nicht, weil sie die Tage im Hotel und am Strand verbringen, sagt sie. Aber Reisen bedeute doch mehr als das: Die Begegnung mit Land und Leuten könne inspirieren und verändern - so, wie die Tunisreise den Künstlern Klee und Macke eine neue Sicht der Dinge ermöglichte.

Als Erstes werden Hotels saniert, und eine Taskforce zum Thema Sauberkeit soll nachhaltige Strategien erarbeiten, kündigt die Ministerin an. Aber sie will mehr: Sie will Tunesier und Touristen zusammenführen, den Dialog der Kulturen fördern, und in der Sahara, für die es einen Reisehinweis wegen Entführungsgefahr gibt, sollen Urlauber zu sich selbst finden. Die Sicherheitslage dort verdeutlicht, wie widersprüchlich das heutige Tunesien wirkt: Das Land hat mit abschreckenden Schwierigkeiten zu kämpfen und lockt doch gleichzeitig mit Weltkultur und Naturschönheiten, an denen sich schon die beiden Maler berauschten.

Sidi Bou Saïd, 13. April 1914. „Die Stadt liegt so schön da oben und blickt weit ins Meer“, beschreibt Paul Klee die Künstlerkolonie in seinem Tagebuch. Die mit Kalk geweißten Häuser, die einheitlich blauen Türen und blauen Fensterläden, die Kopfsteinpflastergassen kamen ihm vor wie die „Leibhaftigkeit des Märchens“. Die tolle Aussicht auf den Golf von Tunis hatte es auch Diktator Ben Ali angetan. Er wollte sie nur für sich. In der Nähe seiner Residenz durfte bis vor drei Jahren nicht fotografiert werden. Heute gilt dieses Verbot nicht mehr. In Massen steigen die Menschen den Berg hinauf und drängen sich auf dem engen Platz vor dem weltberühmten Café des Nattes.

Vor einhundert Jahren war dort eine Moschee. Das Aquarell, das August Macke malte, zeigt drei Frauen auf der Treppe, die zur Moschee hinaufführt, davor steht ein Mann mit einem Esel. Sonst ist nichts los. Die Farben sind hell. Die Stimmung ist heiter.

Wir sitzen auf der Veranda des Cafés, blicken auf das Mittelmeer und trinken Minztee. Er schmeckt nach Melancholie statt nach Zucker. Der lebenslustige Macke meldete sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, also weniger als vier Monate nach seiner Rückkehr aus Tunesien, freiwillig an die Front. Seine Kriegsbegeisterung ist heute schwer nachvollziehbar. Er fiel am 26. September 1914, er war erst 27 Jahre alt.

Anreise

Tunisair bietet täglich bis auf dienstags Flüge von Frankfurt nach Tunis an. Neu im Flugplan ist die Verbindung am Donnerstag. Sie soll Touristen ansprechen, die ein verlängertes Wochenende – etwa zum Golfspielen – in Tunesien verbringen möchten. Von Hamburg gibt es freitags eine Verbindung nach Djerba und sonnabends einen Flug nach Enfidha.

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit für Tunesien mit seinem mediterranen Klima an der Küste liegt zwischen April und Oktober. Wer auf den Spuren von Paul Klee und August Macke wandeln möchte, tut dies am besten im Frühjahr oder Herbst. Einen solchen Aktivurlaub sollte man nicht in den heißen Monaten Juli und August machen.

Unterkunft

Zum Beispiel im Grand Hôtel de France an der Rue Mustapha M’Barek in der Nähe von Medina und Marché Central. Der Jugendstilbau existierte schon zu Zeiten der Reise von Paul Klee und August Macke.

Weitere Informationen

Fremdenverkehrsamt Tunesien

Bockenheimer Anlage 2

60322 Frankfurt/Main

Telefon (069) 1338350

www.tunesien.info

 

 

Reisereporter Die Geheimnisse Griechenlands - Hellas setzt auf neue Nischen
05.03.2014
Sonja Fröhlich 01.03.2014
Heidi Senska 23.02.2014