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Reisereporter Unfassbare Schätze der Menschheit
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00:07 28.03.2009
Belgien: Mit dem Karneval von Binche feiern die Menschen die Rückkehr des Frühlings.
Belgien: Mit dem Karneval von Binche feiern die Menschen die Rückkehr des Frühlings. Quelle: srt
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Für Sylk Schneider, den umtriebigen Chef des deutschen Kloßmuseums in Heichelheim bei Weimar, ist es klar wie Kloßbrühe: Der Thüringer Kloß soll zum Weltkulturerbe ernannt werden. Das Gleiche fordert – „Oans, zwo, gsuffa!“ – der Deutsche Schaustellerbund für das Münchener Oktoberfest.

Beide werden vermutlich noch eine Weile warten müssen. Zwar schützt die Unesco seit 2001 außer bedeutenden Bauwerken auch das mündliche und immaterielle Welterbe. Aber Deutschland ist der Konvention noch nicht beigetreten und kann so auch noch nichts vorschlagen – ganz im Gegensatz zu anderen Ländern der Welt. Aktuell sind weltweit bereits mehr als 80 Gesänge, Feste und Rituale geschützt. Wir stellen sieben davon vor.

Türkei: Tanzender Derwisch

Wie ein Kreisel drehen sich die Derwische um ihre Achse und um den Vortänzer, der sich in der entgegengesetzten Richtung dreht. Das 800 Jahre alte Ritual des türkischen Mevlevi-Ordens ist dem Lauf der Gestirne nachempfunden, dabei versinken die weiß gekleideten tanzenden Mönche zu Trommel- und Flötenklängen in tiefe Trance. Der unter Atatürk verbotene Orden erfreut sich heute wieder großen Zulaufs in seinen als Museen deklarierten Klöstern. In Istanbul kann man das Ritual der Tanzenden Derwische jeden Montag gegen 18.30 Uhr im Mevlevi-Kloster im Stadtteil Galata miterleben. Zusätzlich gibt es Auftritte im Sirkeci-Bahnhof und in der Binbirdirek-Zisterne in Sultanahmet.

Belgien: Karneval von Binche

Der Karneval ist die größte Attraktion der belgischen Stadt Binche nahe der französischen Grenze. Mit ihren weißen Gesichtsmasken, monströsen Kragen und traditionellen Kostümen ähneln die Gilles genannten Tänzer ein wenig den vermummten Maskenträgern der alemannischen Fasnacht. Jeden Faschingssonntag bis -dienstag ziehen rund tausend mit Schellen bewaffnete Gilles durch den Ort, trinken Champagner und werfen Orangen ins Publikum. Die Tradition rührt angeblich von einem prunkvollen Gelage, das Maria von Ungarn im Jahr 1549 hier zu Ehren ihres Bruders, des Kaisers Karl V., veranstaltete.

Marrakesch: Platz der Gaukler

Er war der Allererste: Bereits im Jahr 2001 wurde der berühmte Platz der Gaukler in der marokkanischen Königsstadt Marrakesch in die neu geschaffene Unesco-Liste eingetragen. Seinen einzigartigen Charakter hat er von den Schlangenbeschwörern, Trommelwirblern und Bodenakrobaten, die mitten auf dem Platz ihre Kunststücke vorführen. Ambulante Zahnzieher haben gebrauchte Gebisse vor sich ausgebreitet. Daneben lauschen die Menschen gebannt einem Märchenerzähler.
Leben müssen die Gaukler des Djema el-Fna heute nicht mehr von den Spenden der Touristen allein: Seit sie Welterbe sind, erhalten sie auch einen Zuschuss aus dem staatlichen Kulturfonds.

Sizilien: Marionettentheater

Von glänzenden Rittern, die schöne Frauen vor pluderhosigen Sarazenen retten, handeln die Stücke des traditionellen sizilianischen Marionettentheaters „Opera dei Pupi“. Auch wer nicht italienisch spricht, kann sich dem Bann der Vorstellungen mit den bis zu 150 Zentimeter großen Puppen schwer entziehen.
Traditionell zogen die Pupari, die Puppenspieler, von Dorf zu Dorf. In den sechziger und siebziger Jahren drohte die Tradition fast den modernen Medien zum Opfer zu fallen. Heute erlebt sie eine Neuentdeckung. Berühmtester Puparo ist übrigens Mimmo Cuticchio in Palermo.

Mongolei: Spiel der Pferdekopfgeige

In den weiten Steppen der Mongolei singen und musizieren die Nomaden nicht nur füreinander, sondern vor allem auch für ihre Tiere. Ziegen und Schafe werden in den Schlaf gesungen, Pferde und Kamele beim Säugen ihrer Jungen auf diese Weise unterhalten. Das dabei eingesetzte Instrument ist Morin khuur, die Pferdekopfgeige, die man wie einen Kontrabass im Sitzen spielt. Die mongolische Regierung hat dieses Instrument zum Nationalinstrument erklärt. Wer ihren weichen Klang, der an den Wind der Steppe und das Wiehern der Pferde erinnern soll, hören will, der kann ihn bei einer Wüstenreise erleben.

Jordanien: Beduinen im Wadi Rum

Die Felsenstadt Petra bildet zusammen mit den leuchtend roten Granitbergen des Wadi Rum einen der letzten intakten Kulturräume der Beduinen. Viele dieser Halbnomaden leben noch in Zelten, sie sind in Stämmen organisiert und unterwerfen sich dem Stammesrecht. Höhepunkt einer der zahlreichen Rundreisen durch die Region ist regelmäßig eine Übernachtung im Wüstenzelt aus gewebtem Ziegenhaar mit anschließendem Sonnenaufgang in der Wüste – ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Vanuatu: Sandzeichnungen

Auf dem Südsee-Archipel von Vanuatu gibt es nicht weniger als 120 Sprachen – mehr als irgendwo anders auf der Welt. Damit sich die Insulaner in diesem wahrhaft babylonischen Sprachengewirr untereinander verständigen können, „sprechen“ sie mithilfe von Zeichnungen, die sie in den Küstensand malen – einem echten „Meisterwerk der Menschheit“. Die Kunst der sprechenden Zeichnungen drohte bei der Jugend aber im wahrsten Sinne des Wortes zu versanden. Dank engagierten Menschen wie Simon Godin auf der Vanuatu-Insel Pentecoast und seiner Sandzeichungsschule lernen aber auch sie heute wieder verstärkt die verschlungenen Muster und uralten Mythen dieser jahrtausendalten Südseekultur. Reisen nach Vanuatu bietet unter anderem Ikarus Tours an.

Von Hans-Werner Rodrian

Weitere Informationen:
www.unesco.de/immaterielles-kulturerbe.html

25.03.2009
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