Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Reisereporter Wasser, Wälder, Wisente
Reisereporter Wasser, Wälder, Wisente
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:38 31.03.2009
Keine Wisente, aber jede Menge Fische: Im Nationalpark Bialowieza lädt das klare Wasser des Topilo-Sees zum Baden und Angeln ein. Quelle: srt
Anzeige

Jeden Morgen dasgleiche. Mit unterschwellig fordernder Neugier stehen die Touristen vor Robert Latawiec. Nach einem üppigen Frühstück in der kleinen Ökoferienanlage Silo Budy stellen sie dem weißhaarigen Geschäftsführer dieselbe Frage. Sie wollen wissen, wo die Wisente sind, die in freier Wildbahn. Manchmal schickt Robert die Besucher in ein nördlich gelegenes Waldstück, manchmal erzählt er, die dunkelbraunen Kolosse seien im nahen Auenwald gesehen worden. Nachdem fast eine Woche vorbei ist, und kein einziges Wisent gesichtet wurde, empfiehlt er einen Besuch des Nationalparks von Bialowieza, direkt an der Grenze zu Weißrussland. Dort gebe es Wisente, zwar nur im Gehege, aber immerhin. Außerdem könne man die Wisentbetrachtung mit einem Besuch des Naturparks verbinden.

Zu verdanken hat der Nationalpark seine Existenz den Wisenten. Früher bevölkerten große Herden der massigen Paarhufer die europäischen Ebenen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war diese Idylle vorbei: 1921 wurde der letzte frei lebende Wisent gewildert, die Legende berichtet von einem pensionierten, verarmten Förster des Reviers. Im selben Jahr gründeten Wissenschaftler das "Rezerwat" in der Bialowiesker Puszcza. Ohne den Bullen "Blisch" aus Oberschlesien und zwei skandinavische Kühe aus Bialowiezer Bestand gäbe es heute keine Wisente mehr in Europa. Diese drei Tiere sind die Ahnen aller heutigen europäischen Wisente. 1946 wandelten die Behörden das Reservat in einen besonders geschützten Nationalpark um, der heute eine Fläche von 4747 Hektar umfasst und vollständig umzäunt ist.

Anzeige

So berühmt ist der Naturpark mittlerweile, dass ein Viersternehotel für betuchte Jagdtouristen am Rande des ehemaligen Zaren-Parks errichtet wurde. Diese zahlungskräftige Klientel frequentiert vor allem in Spätherbst und Winter die Gegend. Im Sommer treffen sich an den Imbissbuden nahe der Tourismuszentrale im Blockhausstil überwiegend polnische, deutsche und französische Besucher, die Naturferien mit Wandern, Rad- und Kanufahren gebucht haben.

An die Zeiten preiswerten, post-sozialistischen Tourismus erinnern nur noch die wenigen zahnlose Männer auf altersschwachen Kutschen. Preislich hat man sich im ostpolnischen Naturreservat inzwischen sehr an mitteleuropäische Naturtourismusziele angepasst. "Kostet extra" entwickelte sich während des Urlaubs zum geflügelten Wort. Im Naturpark heißt das, Eintritt und extra zu zahlender Führer. Ohne die rund 50 Euro teure Begleitperson ist ein Besuch des Parks strikt verboten. In der Feriensiedlung gab es zwar eine Küche, aber keine Kochutensilien. Jedes Stück Brot und jede Tasse Kaffee kostete extra. Als wir an einer Feuerstelle zündelten, erschien sogleich ein hilfreicher Angestellter der uns versicherte, Lagerfeuer koste extra, rund 30 Euro, nur für das Holz. Wir haben Robert von Ferien-Bauernhofwirten in Bayern erzählt, die unsere Kinder mit auf den Traktor und die Wildschweinjagd nahmen, und uns nach einer Woche zu Lagerfeuer und Grillen einluden, ganz ohne "kostet extra". Da staunte Robert.

Neben dem Nationalpark ist das Wisentreservat die zweite Attraktion von Bialowieza. Einige Kilometer weiter, an der Straße in Richtung der Holzindustriestadt Hainowka, liegt das für Naturtouristen mit neuen Gehegen und vielen Tieren aufgepeppte Reservat. In den Gehegen sieht man Wölfe, Luchse, den Tarpanen ähnliche Miniaturpferde, Elche - und endlich Wisente. Eine Herde von knapp zwanzig Wisenten ist zu beobachten, zur Futterzeit am Nachmittag kommen die eindrucksvollen Tiere, gelockt von leckeren Äpfeln, bis auf wenige Meter an den Zaun. Die Kinder bestaunen den tonnenschweren Bullen, die hellbraunen Kälber finden sie einfach süß.

In der nahe gelegenen, nicht öffentlich zugänglichen Zuchtstation, wird das weltweit einzige Wisent-Stammbuch geführt. Anfang der fünfziger Jahre setzte man die ersten Wisente in freier Wildbahn aus. Auf der Halbinsel Damerower Werder in Mecklenburg-Vorpommern lebt Deutschlands einzige Wisentherde in freier Wildbahn. Neue Wisentansiedlungen sind in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt und im Rothaargebirge geplant, zahlreiche Naturschützer und Bauern votieren wegen der Gefährlichkeit der Bullen allerdings dagegen.
Als Quartiermeister Robert morgens wieder gefragt wird, wo denn vielleicht doch noch während des Urlaubs frei lebende Wisente anzutreffen sein, blickt er Richtung Horizont. Auf weitere Nachfragen gesteht Robert, alle Plätze, die er bislang genannt habe, wären solche, an denen letztes Jahr Wisente aufgetaucht wären. Dieses Jahr habe man noch gar keine frei laufenden Wisente gesehen. Möglicherweise seien sie über die Grenze gezogen, nach Weißrussland. Dorthin komme man aber nur mit einem Visum. Es sei denn, man ist ein Wisent.

Von Franz-Michael Rohm

Weitere Informationen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 71, 10709 Berlin, Tel. 030/2100920, Internet: www.polen.travel

Puszcza Bialowieska:

Das gesamte Gebiet der Bialowiezer Pusta besteht aus einer Fläche von über 120000 Hektar, wovon weniger als die Hälfte auf polnischem Gebiet liegt, der Rest befindet sich jenseits der Grenze in Belorussland. Dieser Teil des Urwaldes ist allerdings bisher noch nicht zugänglich. Rund 400 Wisente leben in der Puszcza in freier Wildbahn.

Anreise:

Mit dem Auto am besten über Frankfurt/Oder Stadtbrücke, Posen, Warschau nach Bialowieza. Fahrzeit je nach Witterung ca. 12 Stunden ab Grenze. Mit dem Zug nach Warschau, weiter über Bialystok und von dort nach Bialowieza.

28.03.2009
25.03.2009
25.03.2009