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Reisereporter Zurück ins Mittelalter
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00:42 26.09.2009
Aljafería Palast
Aljafería Palast Quelle: TURESPAÑA
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Ein bisschen mulmig ist uns schon, während wir im Halbdunkel der Kathedrale Santa Maria in Valencia auf unseren Termin mit dem Domdekan warten. Aus der halb geöffneten Tür zum Kapitularsaal dringen Gesänge, und Weihrauchschwaden wabern ins Hauptschiff der Kirche. Eine halbe Stunde später ist die Messe vorbei, und die katholischen Würdenträger gehen auseinander. Wir werden von Domdekan Don Jaime Sancho eingeladen, in die Kapelle zu treten, wo in einer aus Gold gefassten Vitrine der Gral von Valencia steht. Doch ist dieser tatsächlich der „Heilige Gral“?

Viele Rätsel um den Kelch

Don Jaime Sancho gilt als Experte für das kostbare Achatgefäß, das seit 1916 in Valencia steht, und wir hoffen auf Aufklärung. Erst im vergangenen November hat sich der Geistliche bei einer Konferenz mit internationalen Experten getroffen, um über die Echtheit des Grals zu beraten. Historische Dokumente und archäologische Untersuchungen würden darauf hinweisen, dass der „Santo Caliz“ (heilige Kelch), wie ihn die Valencianer nennen, tatsächlich jenes Gefäß sein könnte, das Jesus und seine Jünger beim letzten Abendmahl benutzt haben, berichtet der Domdekan.

Ob der Gral jedoch übernatürliche Kräfte hat, wie in vielen Legenden behauptet wird, kann auch er nicht klären. Die spanische Kirche jedenfalls behandelt den „Santo Caliz“ eher als religiöse Reliquie denn als Heilsbringer. Auch Fremdenführer Juan Gaudia ist nicht von den besonderen Kräften des Grals überzeugt. „Es gab zwei Kelche“, sagt er. „Der vom Abendmahl steht in Valencia, und der andere, in dem das Blut Jesu aufgefangen wurde, ist noch immer verschollen.“

Nach einer mehrtägigen Reise durch die Pyrenäenprovinz Aragon auf den Spuren des Heiligen Grals ist der Anblick des Gefäßes der ersehnte Höhepunkt. Allerdings geht auch die Reise selbst unter die Haut. Aragonien ist relativ dünn besiedelt und bietet mit seinen mittelalterlichen Stadtkernen und gut erhaltenen Kirchen genau die richtige Umgebung, um in Gralsgeschichten wie Chrétien de Troyes Dichtung „Perceval“ aus dem 12. Jahrhundert oder Dan Browns modernen Mysterienthriller „Der da Vinci Code“ zu schwelgen.

Historische Zeugnisse weisen darauf hin, dass der Gral nach der Kreuzigung Jesus von Joseph von Arimathäa nach Rom gebracht und dort aufbewahrt wurde, bis der päpstliche Palast zu unsicher wurde. Papst Sixtus II. bat daher den Spanier Lorenzo, die Reliquie in Sicherheit zu bringen. Dessen Eltern lebten auf einem Bauernhof nahe der von Römern gegründeten Stadt Huesca, wo sich mit „San Pedro el Viejo“ eine der ältesten Kirchen Spaniens befindet. „Insofern dürften die Pyrenäen der logische Ort gewesen sein“, erklärt Stadtführerin Karin von Przychowski, die uns den gut erhaltenden Kreuzgang und die Königsgräber in dem ehemaligen Kloster zeigt.

Experten vermuten, dass sich der Gral dort eine Zeit lang in der Kapelle des heiligen Bartholomäus befunden haben könnte, die bereits vor der heutigen romanischen Kirche existierte. Danach wanderte der Gral in die Einsiedeleien von Sasabé und Siresa, bevor er im malerischen Felsenkloster „San Juan de la Peña“ untergebracht wurde.

Schlafen in der Höhle

Der Weg dorthin ist lang und steil. Aber ein Besuch des unter einem Felsen angelegten Mönchsklosters lohnt in jedem Fall. Der höhlenartige Schlafsaal und der durch das Gebäude fließende Wasserfall geben einen Eindruck von der bescheidenen Lebensweise der Glaubensbrüder. Und im improvisierten Kreuzgang finden sich kunstvoll behauene Steinsäulen, die die gesamte Schöpfungsgeschichte erzählen. Ganz in der Nähe liegen auch die Ruinen des später gebauten neuen Klosters, die heute zu einem sehr empfehlenswerten Museum umgebaut sind.

Doch zurück zum Gral: 1399 wurde dieser auf Bitten von König Martin I. nach Saragossa überführt, wo er in der Aljaferia, einem ehemals arabischen Prunkpalast wohnte. Diesen haben die spanischen Denkmalschützer heute wieder behutsam hergerichtet, samt den späteren Anbauten der katholischen Könige. Auch andernorts in der Pyrenäenregion sind islamische und christliche Traditonen und Bauwerke eng miteinander verwoben. Denn auch nach der 400 Jahre andauernden Besetzung Spaniens durch die Araber blieben viele islamische Handwerker in Aragon – manche ließen sich sogar taufen. Viele aber arbeiteten als Baumeister an Kirchen, denen sie gerne eine funkelnde und reflektierende Oberfläche im sogenannten Mudejar-Stil gaben. Unten waren die Gebäude schlicht und romanisch, oben gabe es bunte Kacheln, Stuckarbeiten und durchbrochene Ornamente.

Besonders gut lässt sich dieser Baustil im Bergstädtchen Teruel nachvollziehen, das in den Resten der Stadtmauer über vier imposante Mudejar-Türme verfügt. Auch die Kathedrale ist in diesem Baustil gehalten, und sie verfügt über eine einzigartige mittelalterliche Balkendecke, die Bilder vom Alltagsleben mit lateinischen und arabischen Inschriften zusammenführt. Der Gral ist zwar nicht in Teruel gewesen, dafür kann die Stadt mit vielfältigen Volksfesten, ungewöhnlichen Jugendstilfassaden und mit dem charmanten „Fonda del Tozal“ aus dem 16. Jahrhundert auch mit dem ältesten Hotel der Umgebung aufwarten.

Außerdem haben hier Anfang des 18. Jahrhunderts Isabel de Segura und Juan Diego de Marcilla gelebt, denen ein ähnliches Schicksal wiederfahren ist wie Romeo und Julia. Diesen „Liebenden von Teruel“ ist heute ein ganzes Museum gewidmet – und ihre Geschichte ist fast so schön wie die des Grals.

Von Nicola Zellmer

Anreise
Nach Saragossa gibt es einen Iberia-Flug von Frankfurt aus, Valencia ist von Hannover und Hamburg aus zu erreichen. Air Berlin und Lufthansa bieten günstige Flüge an. Von Berlin aus fliegt Airberlin direkt oder über Mallorca nach Valencia. Vor Ort ist ein Mietwagen zu empfehlen, da Pyrenäenorte wie Teruel oder Jaca schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind.

Weitere Informationen
Turespaña Deutschland, Myliusstraße 19, 60323 Frankfurt/Main,
Tel. (0 69) 72 50 38
www.spain.info/de/TourSpain

26.09.2009
Bernd Haase 19.09.2009