Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Reisereporter Zwischen Wasser und Wüste
Reisereporter Zwischen Wasser und Wüste
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:21 23.08.2009
Der Hafen in Aqaba.
Der Hafen in Aqaba. Quelle: srt
Anzeige

"Wasser – endlich bin ich in meinem Element!", schreit Osama durch die hallende Schlucht. Osama ist Jordanier, ein Wüstensohn aus der Hauptstadt Amman, der biblischen “Wasserstadt„ Ammon, die inzwischen ihr Wasser mühevoll aus allen möglichen Quellen schöpfen muss. Hundert Kilometer südlich der Hauptstadt staut und zapft man einen der Zuflüsse zum Toten Meer für die Trinkwassergewinnung ab. Hier führt Osama Touristengruppen durch das Wadi Mujib, ein schmales Tal, dessen Flusslauf über Jahrtausende hinweg einen beeindruckenden Canyon um sich schürfte.

Osama versinkt an der tiefsten Stelle bis zum Hals. Ansonsten watet er im überwiegend knietiefen, nicht sehr kühlen Nass voran. Sein Gefolge tastet ihm unsicher nach, immer auf der Hut vor Untiefen und größeren Steinen. Zu beiden Seiten bestaunt man bizarr ausgewaschene, 120 Meter hohe Felswände, deren gelbe, braune, rote, weiße und violette Gesteinsschichten wie ein aufgeschnittener Baumkuchen übereinander liegen.

Mit sichtlichem Spaß klettern die Wanderer der Strömung im Flusslauf entgegen. An Seilen hangeln sie sich durch das schnelle Wasser und überwindet kleinere Wasserfälle, bis die Gruppe atemlos vor einer 15 Meter hohen Kaskade steht, dem Höhepunkt des einstündigen Ausflugs. Im weltweit am tiefsten gelegenen Naturreservat Wadi Mujib können Aktivurlauber in verschiedenen Schwierigkeitsgraden klettern, sich abseilen und mit etwas Glück auch die hier beheimateten nubischen Steinböcke erspähen.

Einen Tag später sitzen die Ausflügler nachts im Safari-Jeep im Shaumari Nationalpark und warten auf den Bock. Acht Augenpaare tasten angestrengt das Dunkel ab. Oryxantilopen, die im gesamten Nahen Osten schon als ausgestorben galten, werden in diesem Nationalpark erfolgreich gezüchtet. Einst zogen die Antilopenherden von der Wüstenlandschaft Wadi Rum im Süden bis in den Nordosten nach Azraq, wo noch vor 30 Jahren Sümpfe das Landschaftsbild bestimmten.

Dank einem wachsenden Verständnis für Naturschutz und eigens für die Tiere aufgebauten Zäunen leben im Shaumari-Wildpark mittlerweile 41 Oryx, die im Dunkel der Nacht in der kargen Wüste unterwegs sind und die verstaubten Dornensträucher abgrasen. Es vergeht einige Zeit bis plötzlich der Scheinwerfer anspringt und eine weiße Antilope, braun gefleckt an Kopf und Beinen, direkt vor dem Jeep steht. Mit bedrohlich langen Hörnern blickt das seltene Tier unbeteiligt ins blendende Licht. Während die Gruppe fleißig fotografiert, hat Osama bereits etwas anderes im Visier. Hektisch entreißt er einem Safaristen die Kamera und verwickelt sichtlich begeistert eine Wolfsspinne in ein Fotoshooting.

Nach einer kurzen Nacht führt Osama seine kleine Truppe durch das Dana Nature Reserve. In einer opulenten Sandsteinlandschaft mit Baum, Strauch und Kraut auf mehr als 1000 Metern Höhe verfolgt die Gruppe gespannt, wie ihr Führer und ein ortsansässiger Ranger auf der Suche nach Skorpionen einen Stein nach dem anderen wenden. Schließlich kommt ein giftgelbes Exemplar aus seinem Versteck, um augenblicklich mit aufgestelltem Stachel die Flucht zu ergreifen.

Während die Kameras aufgeregt klicken, erklärt der Ranger, dass Kleinkinder in dieser Gegend zermahlene Skorpione zur Immunisierung in die Milch bekommen. Das Leben im Einklang mit der einzigartigen Flora und Fauna soll den Besuchern des Reservats nahe gebracht werden. Aus diesem Grunde bot die Naturschutzorganisation Royal Society für the Conservation of Nature (RSCN) lukrative Arbeitsplätze im Tourismus für Jäger und Bauern der Gegend und schulte sie zu Rangern und Hotelfachkräften um.

Dagegen profitiert Aqaba ganz im Süden des Landes mit seiner Artenvielfalt schon länger vom Tourismus. Die Stadt am Roten Meer galt viele Jahre als Geheimtipp bei Tauchern, die Massentourismus wie auf der angrenzenden Sinaihalbinsel und Israels Badestadt Elat meiden wollten. Als leidenschaftlicher Taucher schwärmt Osama den Unterwasserneulingen von der berauschenden Fauna im Golf von Aqaba vor. 30 Minuten südlich des Hafens macht sein Tauchboot oberhalb der “Cedar Pride„ Halt. Der libanesische Frachter wurde 1985 auf Geheiß des selbst tauchbegeisterten Königs Abdullah II. versenkt, um künftig als Attraktion Unterwassertouristen anzulocken.

Auch wer nicht bis auf 26 Meter zum vielbevölkerten Wrack hinabtaucht, der kann mit Schnorchel und Brille schon kurz unter der Wasseroberfläche ein buntes Treiben am Riff entdecken: Über 200 Korallenarten in allen Farben und Formen, Seesterne und Schwämme schillern im hellen Sand. Muränen, Doktor-, Kaiser- und Drückerfische, kleine blaue und rote Riffbarsche, Rotfeuer- und Clownfische lassen sich ungestört beim Formationsschwimmen und Anemonenkuscheln beobachten. Dazwischen treibt schwerelos und glückselig Osama, der Wüstensohn - endlich wieder in seinem Element.

Von Claudia Ottilie

Anreise
Royal Jordanian fliegt von München und Frankfurt nach Amman. Auch Lufthansa bedient die Strecke täglich ab Frankfurt. Für die Einreise werden ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass sowie ein Visum benötigt.

Weitere Informationen
Fremdenverkehrsamt Jordanien, Hamburger Allee 45, 60486 Frankfurt, Tel. (0 69) 71 91 36 62
www.visitjordan.com