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Mode & Stil Ein Gentleman kleidet ein
Sonntag Mode & Stil Ein Gentleman kleidet ein
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20:01 23.09.2016
Ein Dandy in Berlin-Neukölln: Maximilian Mogg liebt den britischen Stil und schneidert edle Savile-Row-Anzüge für neue Träger um. Quelle: Schulz
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Oscar Wilde wartet an der Haltestelle Sonnenallee in Berlin, Neukölln. Zur Begrüßung schlägt er die Hacken seiner mit glänzenden Kappen besetzten Lederschuhe aneinander und haucht: "Angenehm." Die Lilie am Revers, die gegelte Locke, der edle marineblaue Anzug und der goldumrandete Siegelring: Das Bild des Dandys ist komplett, auch wenn es sich hier natürlich nicht wirklich um den irischen Schriftsteller, sondern um einen 24-jährigen Geschäftsgründer aus Deutschland handelt.

Selbst sein Name, Maximilian Mogg, klingt nach Gentleman und Monogramm am Hemd. Sein Stil ist für Mogg Visitenkarte und Lebensgefühl in einem. Denn er hat sich darauf spezialisiert, Vintage-Anzüge aus der Londoner Kultschneiderstraße, der Savile Row, an den neuen Träger anzupassen. Maßanfertigung 2.0 sozusagen.

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Der Mann im Anzug ist in seinem Kiez schnell zur Bekanntheit geworden. Wenn er durch die Straßen des Szeneviertels Neukölln zieht, grüßen ihn Kioskbesitzer, Anwohner und Dealer. Mogg neigt dann nur kurz respektvoll den Kopf, so wie sich das für einen Gentleman gehört. "Berlin ist eigentlich keine Anzugstadt. Doch es ist ein Ort, an dem man sich selbst findet", sagt der 24-Jährige. Die Frage nach dem Ich sei für ihn eng mit der Wahl der Kleidung verbunden. Seit Mogg vor einem Jahr nach Berlin gezogen ist, vergeht kein Tag, an dem er nicht zumindest eine Anzughose trägt. Wenn es mal zwangloser sein soll, lässt er die Krawatte weg.

Vintage-Luxus im Fabrikloft

In einem unscheinbaren Hinterhof bleibt Mogg vor einem mit Graffiti besprühten Aufzug stehen. Der führt geradewegs in seine Küche, die zugleich als Salon für die Kunden fungiert. Besucher wähnen sich in einem Gentleman-Club: Jeder Einrichtungsgegenstand, vom stilvoll abgewetzten grauen Polstersessel bis zur Original-Couch aus einem Sommerschlösschen von Ludwig XVI., verheißt Luxus mit Vintage-Note. Und ein Globus hütet Whiskey und Cognac.

Neben einem Plattenspieler liegen LPs von Moggs Helden: Sting, The Police, die Beatles. Viele der Musiker ließen oder lassen sich ihre Anzüge bei Edward Sexton schneidern. Der 74-Jährige führte einst den Geist der Hippiestraße Carnaby Street an der gediegenen Savile Row ein, die den Begriff "bespoke" (besprochen) für eine Maßanfertigung prägte.

Sexton steht für einen sehr maskulinen Schnitt. Der Schneider ist in der Szene inzwischen selbst fast so eine Legende wie seine Kunden. Auf dem Abbey-Road-Cover tragen John Lennon und Paul McCartney seine Anzüge. Dieser Tage ist Sextons junger Kreativdirektor Dominic Sebag-Montefiore bei Mogg zu Besuch. Er erzählt, dass heutzutage neben den Musikern von One Direction auch James McCartney und Sean Lennon zu ihren Kunden gehören: "Es ist eine ironische Wendung des Schicksals, denn eigentlich trat Sexton ja gegen das Dynastiedenken der Savile Row an."

Gentlemen unter sich: Maximilian Mogg (links) mit seinem Idol Dominic Sebag-Montefiore, Kreativdirektor des Kultschneiders Edward Sexton. Quelle: Schulz

Mogg schwärmt: "Es ist, als wenn ein Harry-Potter-Fan mit J. K. Rowling arbeiten darf." Mit 15 Jahren hat er sich seinen ersten Sexton gekauft – einen gebrauchten, wegen des Preises. Später studierte er Betriebswirtschaftslehre und wälzte nebenbei Fachbücher über britische Mode. So brachte er sich selbst bei, die Anzüge an seinen Körper anzupassen. Eines Tages fragten ihn die Kollegen bei der Bank, wo er inzwischen arbeitete, woher er seine Anzüge beziehe. So fing er an, die Unikate aus der Savile Row für andere umzuschneidern.

Jetzt hat er sich ganz dieser Arbeit verschrieben. Mogg spricht von einer "tiefen Bewunderung für das Handwerk" seiner britischen Vorbilder. "Meine Aufgabe ist es, den ursprünglichen Schnitt zu verstehen und im Stile des ursprünglichen Schneiders an den Kunden anzupassen. Es darf nicht umgebaut aussehen." Mogg liegt damit im Trend des "Upcyclings", das aus Altem Neues schafft. Ein Original-Sexton kostet um die 6300 Euro. Einen Mogg bekommt man für 790 Euro.

Mogg führt in das angrenzende Atelier. Das Licht einer minimalistischen Glühbirne fällt auf drei Stangen von Anzügen mit passenden Schuhen. Die hochwertigen Läufer sehen so aus, als hätten sich auf ihnen schon viele Kunden vor dem goldgerahmten Spiegel hin- und hergedreht. So stellt man sich den Kleiderschrank von James Bond vor. Mogg schläft auch hier. "Meine Kunden sind vorwiegend jung. Sie identifizieren sich mit meinem Lebensstil. Das Bett gehört dazu", sagt der ambitionierte Säbelfechter.

Hymne auf einen Strumpf

Auf einem Tisch liegen Materialmäppchen mit Tweedstoffen, Fachbücher wie "Ein Gentleman wird angekleidet" oder "Das kleine Buch der Herrenmode". Dazwischen findet sich auch ein Spider-Man-Comic. Vielleicht, weil sich Mogg mit seinem Anzug, den er als "Rüstung" bezeichnet, selbst von einem blassen Bubi in einen charismatischen Helden verwandelt. Kleider machen Leute – selten passt dieses Bonmot so gut.

Mogg spricht nicht von Männern, sondern vom Gentlemen oder Herren. Er sagt dann Sätze wie: "Der deutsche Herr kennt sich nicht aus mit Mode", deshalb greife er schnell zur Stangenware. Mit einem selbst produzierten Online-Magazin schafft Mogg Abhilfe. Dem Luxusstrumpf Pantherella, getragen von Colin Firth und Orlando Bloom, widmet er dort etwa eine Hymne.

Mogg schlägt die Beine elegant übereinander, sodass die edlen geriffelten Strümpfe in Marineblau zu sehen sind. Wenn er dann auch noch den Ellenbogen aufstellt und den Kopf seitlich in die Hand stützt, sieht er vollends aus wie ein Dandy. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Maximilian Mogg so ähnlich klingt wie Phileas Fogg. Jener Gentleman aus Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" residierte einst in der Savile Row.

Von Nina May

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