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Promi-Talk Fühlen Sie sich als Schotte oder Brite?
Sonntag Promi-Talk Fühlen Sie sich als Schotte oder Brite?
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20:01 11.11.2016
Junkie, Jedi-Ritter – und jetzt auch Regisseur: Ewan McGregor im Gespräch über seine abwechslungsreiche Karriere, den Brexit und ob er es bereut, nicht James Bond gespielt zu haben. Quelle: Getty Images
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Ewan McGregor, Sie sind Brite – oder sollte ich lieber sagen: Schotte?
Oh, nein, ich bin Brite. Jedenfalls momentan.

Ist Ihre schottische Herkunft wichtiger für Sie seit der Entscheidung für den Brexit?
Der Brexit ist jedenfalls ein Desaster. Beim Referendum über die schottische Unabhängigkeit 2014 war ich mir sicher, dass es eine Schande sei, Großbritannien zu verlassen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie Schottland allein überleben sollte. Wie wäre die Wirtschaft damit klargekommen?

Und was hat sich geändert?
Am Tag nach dem Brexit habe ich eine eingefärbte Landkarte von Schottland gesehen: Gelb stand für die Entscheidung fürs Bleiben in Europa, Blau fürs Verlassen. Schottland war von oben bis unten gelb. Ich hatte in der Nacht einen Dreh für den neuen "Trainspotting"-Film, kam erst um 5 Uhr morgens zurück in mein Apartment und verfolgte den Brexit quasi live am Fernseher: Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass die Mehrheit sich doch noch für Europa entscheiden würde. Aber das passierte einfach nicht. Wir Schotten waren so wütend. Wir sollten in Europa doch zusammenstehen und stark bleiben, keinesfalls die Grenzen immer enger ziehen. Und doch war es noch nie so offensichtlich, dass das Verlangen der Schotten groß ist, nicht länger ein Teil von Großbritannien zu bleiben, dafür aber ein Teil von Europa.

Was wird passieren?
Ich denke, letztlich wird Schottland Großbritannien verlassen. Das Verquere dabei ist nur: Hätte das Referendum 2014 eine Mehrheit gefunden, hätten wir vermutlich ebenso Europa verlassen müssen. Diese Konsequenz hatte die europäische Seite ziemlich klar aufgezeigt: Also hätten die Schotten vor zwei Jahren beinahe für den Austritt aus Europa gestimmt, und nun wollen sie für den Austritt aus Großbritannien stimmen, um in Europa zu bleiben.

Nach diesem Exkurs zu schottischen Schizophrenien kommt jetzt die eigentliche Frage: Wieso verfilmen Sie als Brite respektive Schotte ausgerechnet den Roman "Amerikanisches Idyll" von Philip Roth, in dem sich die US-Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu verdichtet?
Wir sollten uns unsere Kreativität nicht von unserer Nationalität definieren lassen. Danny Boyle hat mit "Trainspotting" einen der schottischsten Romane überhaupt verfilmt, und er ist Brite. Solange man eine Geschichte mit Respekt behandelt, ist das kein Problem, finde ich. Ich bin ja auch nicht alt genug für diese Story: Der Roman spielt in den Sechzigerjahren, davon habe ich nichts mitbekommen. Nach dieser Logik könnten wir aber auch keinen Film drehen, der im Mittelalter spielt. In "Amerikanisches Idyll" war ich schon lange als Schauspieler eingebunden. Zwischendurch schien es, als würde aus dem Projekt nichts. Da habe ich mich als Regisseur ins Spiel gebracht, zumal ich ja schon seit Jahren inszenieren wollte.

Befürchteten Sie manchmal, dass Ihnen das Projekt über den Kopf wächst?
Es gab Momente, in denen ich die Verantwortung gespürt habe und durchaus Angst hatte zu scheitern. Solche Zweifel schienen mir aber normal. Ich war so ja auch bestens vorbereitet auf die Rolle des "Schweden", also auf den Part des Vaters, dessen Tochter zur Terroristin wird.

Müssten Sie gelegentlich gegen die – sagen wir: schauspielertypische – Eitelkeit ankämpfen, Ihre eigene Rolle größer zu machen?
Überhaupt nicht. Ich habe den Film nie als McGregor-Vehikel gesehen. Es war eher umgekehrt: Ben Affleck, der ja schon einige Filme gedreht hat, riet mir, vorsichtig zu sein. Es besteht eher die Gefahr, dem eigenen Charakter nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken, weil du mit so vielen anderen Dingen beschäftigt bist.

Der Roman von Philip Roth ist vor beinahe zwei Jahrzehnten erschienen. Erzählt "Amerikanisches Idyll" auch etwas über das heutige Amerika?
Leider mehr, als uns lieb sein kann. Damals wie heute gab und gibt es die Rassenunruhen, soziale Aufstände in afroamerikanischen Communitys – in der Folge von Misshandlungen und brutalen Polizeieinsätzen. In unserem Film wird ein schwarzer Mann auf der Straße von einem weißen Polizisten geschlagen. Das schien mir eine wichtige Szene zu sein, denn so etwas passiert bekanntermaßen immer noch in Amerika.

Als alles noch gut war: Ewan McGregor (mit Hannah Nordberg als Filmtochter Merry) legt mit "Amerikanisches Idyll" am 17. November sein Regiedebüt vor. Quelle: Tobin

Können Sie mit Ihrer Kinofigur mitfühlen? Sie sind schließlich Vater von vier Kindern.
Genau, meine älteste Tochter ist 20, danach folgen noch eine 15-, eine 14- und eine Fünfjährige. Es sind also alle Altersstufen dabei. Und es stimmt: Was mich als Erstes angezogen hat an diesem Filmstoff, war die so genau beobachtete Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Im Film wird eine extreme Version des Verlusts geschildert: Ein Vater verliert sein Kind an den Terrorismus. Meine Erfahrung ist dagegen eine alltägliche: Meine Älteste ist ausgezogen und geht jetzt aufs College. Dennoch fühlt es sich wie ein Verlust an, ich musste sie gehen lassen.

Im Film geht es darüber hinaus auch um den Verlust von Idealismus. Kennen Sie das als Mittvierziger aus Ihrem eigenen Leben, womöglich etwa aus Ihrer Arbeit für die internationale Hilfsorganisation Unicef?
Bei meinen Reisen in Krisengebiete lerne ich eher einiges über die Welt und wie sie funktioniert. Man versteht Zusammenhänge besser. Aber klar, es gibt sie schon – diese Momente der Hoffnungslosigkeit.

Zum Beispiel?
Kürzlich war ich im Nordirak in einem Camp voller syrischer Flüchtlinge. Zunächst war ich fasziniert von der Leistung all der Helfer. Die NGOs haben dort großartig zusammengearbeitet: Die eine hat für Trinkwasser gesorgt, die andere für Erziehung, Zelte, Toiletten ... all die grundlegenden Notwendigkeiten, damit Leute überleben können und ihnen ein Rest Würde erhalten bleibt. Ohne diese NGOs und ohne deren Unterstützer würden Tausende von Leuten in der Wüste sterben. Und dann wurde mir das Fürchterliche an der Situation klar.

Nämlich?
Was wird jetzt aus diesen Menschen? Fragen Sie an diesem Ort mal ein Kind, ob es zurück nach Syrien möchte. Dann strahlt es Sie an und ruft laut "Ja". Und dann denkst du: Da ist aber kein Zuhause mehr, da existieren nur noch Hass und Tod. Wie lange wird es wohl dauern, um das zu ändern? Generationen vermutlich. Solche Überlegungen können dich richtig in Depressionen stürzen. Und was das Traurigste dabei ist: Das Leid dieser Menschen führt am Ende zum Brexit.

Wie das denn?
Weil verdammte Politiker wie Boris Johnson die Situation dieser Flüchtlinge nutzen, um die Angst der Briten anzustacheln, die sich dann aus Europa rauswählen. Das ist kriminell. Da betreibt jemand idiotische Politik wie ein Schuljunge und spielt dabei mit Menschenleben. Oh, Entschuldigung, ich rege mich auf. Was wollen Sie noch wissen?

Haben Sie es je bedauert, die Rolle als James Bond abgelehnt zu haben?
Ganz so war es nicht. Das ist aber ein schönes Gerücht, das umgeht. Tatsächlich gehörte ich zu einer Gruppe von Schauspielern, die angesprochen wurde, bevor Daniel Craig die Rolle schließlich bekam. Ich habe damals viel darüber nachgedacht  und dann aus verschiedenen Gründen beschlossen, den Job nicht zu machen. Ich habe mich lediglich selbst aus dem Rennen genommen und so die Kandidatenrunde um einen Schauspieler verkleinert.

Bedauern Sie diesen Rückzieher wenigstens?
Nicht wirklich. Allerdings würde ich Bond heute lieber spielen als damals. Es wäre cool, James Bond zu sein. Aber ich glaube nicht, dass man diese Rolle unbedingt gespielt haben muss, um ein erfolgreicher Schauspieler zu sein. Und jetzt bin ich wohl ein bisschen zu alt für Bond.

Berühmt geworden sind Sie mit einem ganz anderen Film, mit dem Drogenfilm "Trainspotting" vor zwei Jahrzehnten. Wie müssen wir uns denn die Fortsetzung vorstellen?
Die Dreharbeiten sind inzwischen abgeschlossen, ich darf aber nichts verraten. Nur so viel: Es ist sicher kein Remake. Wir begegnen den bekannten Figuren zwanzig Jahre später und schauen, was aus ihnen geworden ist. Na gut, eines kann ich sagen: Ich werde garantiert nicht wieder in meinen Drogenalbträumen in einer verdreckten Toilette abtauchen.

Brechen Sie bald wieder mit Ihrem Motorrad zu einer Tour rund um die Welt auf?
Ich würde niemals nie sagen. Aber geplant ist es momentan nicht. Vielleicht irgendwann. Ich habe gerade eine kleine Tour in Kalifornien und Mexiko gemacht. Ich liebe es, am Strand zu schlafen. Na ja, wir werden sehen, Südamerika muss ja schließlich auch noch entdeckt werden.

Zur Person

Qui-Gon Jinn (Liam Neeson, links) und Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor, rechts) im Kampf gegen die dunkle Seite in "Star Wars Episode I - Die dunkle Bedrohung". Quelle: dpa / Keith Hamshere

Viele Kinozuschauer kennen Ewan McGregor vermutlich am besten als Obi-Wan Kenobi. Als Jedi-Ritter im "Star Wars"-Universum zog der 1971 geborene Schotte in den von 1999 bis 2005 nachgereichten Episoden I bis III mit Lichtschwert in den Sternenkrieg – und im Vorjahr lieh er Obi-Wan Kenobi in "Das Erwachen der Macht" noch einmal seine Stimme. In dieser Rolle brachte es McGregor immerhin zur Actionfigur im Spielzeugladen. Keinesfalls aber lässt sich der Darsteller in die Blockbuster-Schublade einsortieren, auch wenn zu seiner Filmografie Auftritte im Science-Fiction-Thriller "Die Insel" (an der Seite von Scarlett Johansson) oder im Dan-Brown-Krimi "Illuminati"  (mit Tom Hanks) zählen.

Lange bevor Hollywood McGregor mit offenen Armen aufnahm, hatte er schon mit einer ganz anderen Rolle Furore gemacht: Vor zwei Jahrzehnten tauchte er in "Trainspotting – Neue Helden" als Junkie in der Toilette ab, jedenfalls in wilden Drogenalbträumen. Für diese Rolle, inszeniert von seinem Kumpel Danny Boyle, nahm McGregor nach eigenen Worten 15 Kilo ab, was schon mal zeigt, dass er es sich in seinem Beruf nicht unbedingt gemütlich macht.

Über mangelnde Angebote kann sich der Schauspieler nicht beklagen. Zusammen mit Nicole Kidman sang er im Musical "Moulin Rouge", er spielte in Woody Allens Komödie "Cassandras Traum", übernahm die Titelrolle in Roman Polanskis Thriller "Der Ghostwriter" (die ihm den Europäischen Filmpreis bescherte), er war in George Clooneys Militärsatire "Männer, die auf Ziegen starren" zu sehen und auch in Ridley Scotts Kriegsthriller "Black Hawk Down". In "Lachsfischen im Jemen" gab McGregor einen Fischzüchter, der von einem Scheich den irrwitzigen Auftrag erhält, in einem Wüstenstaat Lachse heimisch zu machen.

Für diesen Auftritt wurde er vor 20 Jahren zum Hungerhaken: "Trainspotting" war für Ewan McGregor der Durchbruch. Quelle: Miramax

Theater spielt McGregor auch noch. Zum Beispiel stand er als Jago in Shakespeares "Othello" am Donmar Warehouse in London auf der Bühne und ließ sich feiern. Irgendwas vergessen, was McGregor in seinem abwechslungsreichen Leben noch unternommen hat?

Zweimal schon ist der Schotte mit seinem Freund Charley Boorman aufgebrochen und auf dem Motorrad um den halben Globus gedüst – quer durch Europa, Russland, die Mongolei, Sibirien, Kanada bis nach New York, später dann bis ins südafrikanische Kapstadt. Mit diesen Reisen verwirklichte er sich nach eigenen Worten Kindheitsträume. Entstanden sind daraus Fernsehdokumentationen, genau wie aus der Unicef-Mission, Impfstoffe zu Kindern in abgelegenen Teilen Nepals oder der Republik Kongo zu bringen. Denn Unicef-Botschafter ist der Schauspieler auch noch.

Nun führt McGregor erstmals Regie und hat sich dafür einen wahren literarischen Brocken ausgesucht: Die Verfilmung des gewichtigen Romans "Amerikanisches Idyll" von Philip Roth startet am 17. November in den Kinos. Und wer spielt die Hauptrolle des Bilderbuch-Amerikaners, der wegen seiner Terroristentochter in eine schwere Identitätskrise gerät? Genau, er selbst.

Von Stefan Stosch

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