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Promi-Talk Haben Sie schon Geister gesehen?
Sonntag Promi-Talk Haben Sie schon Geister gesehen?
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20:02 03.06.2016
Denkt gerne gegen den Strom: John Irving im Gespräch über Religion, die Welt und sein neues Buch "Straße der Wunder". Quelle: Imago
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Mr. Irving, in Ihrem neuen Roman "Straße der Wunder" wird viel gestorben. Ihr Protagonist Juan Diego Guerrero – mexikanisches Müllkippenkind und später US-Schriftsteller – stirbt, weil er auf Reisen zu sehr mit Betablockern und Viagra jongliert. Wie erfinden Sie Ihre Todesarten?
Mein Arzt in Toronto – ein enger Freund seit 30 Jahren – ist ein guter Leser. Und so bringe ich ihm immer "Patienten" aus meinen Romanen, um die er sich "kümmern" soll. Ich erzähle ihm, wie ich die Figur ums Leben bringen möchte, und frage ihn: "Funktioniert das?" oder auch mal "Hast du eine Idee?" Bei Juan Diego sagte er "Ganz einfach. Mit Mitte 50 hat er Herzinsuffizienz. Ich gebe ihm Betablocker, die mag niemand – setzt man die ein einziges Mal aus, merkt man gleich, wie der Adrealinspiegel steigt. Wenn er Sex haben will, braucht Juan Diego Viagra. Das könnte ihn auf Dauer umbringen." Und so wurde es gemacht.

Der Leser erfährt früh, wer stirbt, auch wenn die Figuren wie etwa Juan Diegos Schwester Lupe dann erst Hunderte Seiten später davon ereilt werden.
Das habe ich von Shakespeare gelernt, ich kann mir den Orden für diesen Trick also leider nicht anheften (lacht). Shakespeare wiederum hat es von Sophokles und Euripides gelernt. Wir Leser wissen früh, was Ödipus nicht weiß: Dass der erschlagene Laios sein Vater und Iokaste, mit der Ödipus Kinder hat, seine Mutter ist. Manchmal kriegen es die Figuren sogar auf den Kopf zugesagt: Die Hexen sagen Macbeth im ersten Akt alles, was ihm widerfahren wird. Macbeth ist aber der Einzige, der es nicht kapieren will.

Es spuken Geister und Geisterhunde durch "Straße der Wunder", es findet sich mehr Übersinnliches denn je. Haben Sie selbst schon mal einen Geist getroffen?
(langes Schweigen) Nun, ich war an Orten ... wenn es Geister gibt, dann sind sie dort. Und da gibt es diese Insel in Kanada, wo ich drei Monate im Sommer verbringe. Der Großvater meiner Frau hat sie beim Pokern gewonnen. Ein paar Hütten stehen darauf und am Ende der Insel ein uralter Schuppen mit kaputten Fliegengittern. Meine Kinder und Freunde wollten dort übernachten und kamen mitten in der Nacht zurück, schreiend, dass es dort spuke. Türen und Fenster hätten sich von selbst geöffnet und geschlossen. Nun, ich habe das nicht überprüft. Für mich reichte es, dass es dort Moskitos gab.

Lieben Sie Geistergeschichten?
Mein nächster oder übernächster Roman wird eine richtige Geistergeschichte. Sie wird in Colorado spielen, in den Zeiten der Cowboys und der Silberminen. Den Titel habe ich schon, er kommt von Juan Diegos Reisebegleiterin Dorothy, die in "Straße der Wunder" sagt: "Niemand kennt die Regeln für Geister." Die Phrase "Regeln für Geister" erscheint mir gut: Gibt es Regeln? Wer stellt sie auf? Warum sehen die einen Geister, die anderen nicht. Dieser Roman liegt vor mir auf meiner Lebensstraße und wenn ich lange genug lebe, werden Sie ihn lesen.

Mehr als um Aberglauben geht es in "Straße der Wunder" indes um Glauben.
In diesem Roman stellen die Kinder Juan Diego und Lupe die Institution der Katholischen Kirche und ihre von Menschen gemachten Regeln infrage. Es ist eben nicht der Vatikan, der die Menschen glauben lässt, es sind nicht die Priester und die Regeln der Katholischen Kirche, die ja bedauerlicherweise so veraltet sind, wie es die Institutionen, Richtlinien und Regeln aller großen Religionen sind. Mohammed ist dagegen ein Wunder, Jesus und Maria sind ein Wunder. Daran glauben die Leute.

Woher kommt Ihr Interesse an Religion?
Es ist nicht neu. Es war das zweitgrößte Themengebiet in meinem Studium. Außer in Literatur hatte ich an der Universität die meisten Seminare in Religion, in Vergleichender Religionswissenschaft, in Judentum, Islam, Christentum. Ich mochte das alles. Ich war immer sehr daran interessiert, was Leute glauben. Dass Religion und Armut oft so nah beieinander sind. In den Armenvierteln Mexikos sind die Tempel, Kirchen, Kathedralen ja oft die besten Gebäude. Und bei all meinen Recherchereisen zur "basurero", der mexikanischen Müllkippe, war der Glaube der Kinder dort und ihrer Eltern, die auch Müllsammler sind, immer fest.

Hat sich Ihre Einstellung zum Glauben durch die Arbeit am Roman verändert?
Nein. Man muss wissen, ich schreibe stets über meine Figuren, nicht über mich. Ich schätze meine persönlichen Erfahrungen nicht so sehr als Quelle für mein Schreiben. Ich bin zudem nicht so sehr interessiert, bei etwas leidenschaftlich zu werden, was ich nicht überprüfen kann. Ich habe noch niemanden getroffen, der gestorben ist, der dann in diese Welt zurückgekehrt ist und mir glaubhaft Bericht erstattet hat, was dort drüben los ist. Ich werde mich niemals darüber lustig machen, was Leute glauben, aber ich tue es schon mein ganzes Leben über Leute, die anderen ihren Glauben aufzwingen wollen.

Ist "Straße der Wunder" auch ein Kommentar auf unsere Gegenwart?
Ich habe mit der Geschichte vor 25 Jahren begonnen und sie hat sich nicht verändert. Ich war nie interessiert, zeitnah zu schreiben. Viele, die zeitnah schreiben, sprechen zu früh. Vietnam hat mich sehr wütend gemacht, "Owen Meany" ist ein Roman darüber. Das Buch erschien erst 1989, 15 Jahre nach Ende des Krieges. Ich glaube fest an das Zurückblicken. Die Regel für die richtige Zeit zu schreiben ist: Warte zehn Jahre, und dann schau, worauf du immer noch sauer bist. Dann schreibe darüber.

Quelle: Diogenes

Macht Sie die US-Vorwahl derzeit sauer?
Mich ärgert mehr der Fokus des Augenblicks. Wo immer ich hinkomme, wird nach Donald Trump gefragt, überall wird er analysiert. Dass er vulgär ist, ein Rüpel, ein Angeber. Ihr in den Medien verwendet zu viel Aufmerksamkeit auf die empörenden Dinge, die Trump sagt. Die Hälfte davon glaubt er doch selbst nicht. Er ist nur ein weiterer Geschäftsmann und die ändern ihre Ansichten jeden Tag. Ihr habt nicht richtig aufgepasst, wenn ihr euch nicht vorstellen könnt, dass Trump morgen früh aufwacht  und sagt (Irving senkt die Stimme, imitiert die Sprechweise Trumps): "Wisst ihr, diese Mauer zu Mexiko ist doch keine so gute Idee. Die kostet zu viel." Hundert Mal schlimmer als Donald Trump wäre der zweitstärkste Kandidat der Republikaner gewesen, ein evangelikaler Christ ...

Ted Cruz.
Denn der ändert seine Meinung nie. Er glaubt, er steht auf Gottes Seite. Ein gefährlicher Mann. Dass die Republikaner lieber Cruz als Präsidentschaftskandidaten haben würden, sagt viel über sie aus. Aber das alles kann ich nirgends in den Medien lesen. Alles, was ich lese, ist oberflächlicher, zeitnaher Mist.

Mit Ihrer Darstellung des schwulen Paares Bernardo und Flor geben Sie in "Straße der Wunder" ein starkes Statement gegen die neue Homophobie.
Ich habe schon immer über sexuelle Intoleranz geschrieben. 1968 fand die sogenannte sexuelle Revolution und Befreiung statt. 1978 schrieb ich darüber "Garp und wie er die Welt sah". Ich sagte mir: Wenn da eine Revolution war, warum findet sich noch so viel Hass? Der einzige Grund, warum ich für den Sender HBO gerade an einer Miniserie zu "Garp" arbeite, ist, weil das Thema immer noch aktuell ist. Präsident Obama hat sich soeben für die Transgender eingesetzt. Und wieder erweisen sich Mister Cruz und seine evangelikalen Christen als bigott, worin sie eine lange Geschichte haben. Er steht auf der falschen Seite, der Seite der Intoleranz. Aber wir sind in den USA nicht allein. Als ich für meinen letzten Roman "In einer Person" in Frankreich war, fanden in Paris Demonstrationen gegen Schwulen- und Lesbenheirat statt. Ich konnte den Journalisten, die mich immer über sexuelle Unterdrückung in den USA befragten, mal sagen: "Ooh, was passiert denn gerade da draußen vor eurem Fenster: Sind die alle aus Amerika eingeflogen?" Als junger Amerikaner, der in Wien studierte, dachte ich früher, Europa sei eine liberale, tolerante Welt, Amerika dagegen – besonders in sexuellen Dingen – illiberal, ultrakonservativ, intolerant. Nun, der Unterschied ist gar nicht so groß.

In Ihrem neuen Buch ist das zentrale Wunder, dass zwei Jesuiten Juan Diego in die Obhut von Bernardo und Flor geben.
Das habe ich geschafft, aber dazu musste die Statue der Maria weinen. Sonst hätte die Kirche nicht nur 1970 in keinem Land der Welt einen 14-jährigen in die Hände dieser Männer gegeben, die ihn aufrichtig lieben und ihm gute Eltern werden, sodass sie in seiner Vorstellung für immer als das ideale Paar existieren.

Juan Diego scheint mit 54 Jahren alt und müde – und doch hat er den Mut, eine Reise für einen lang verstorbenen Freund anzutreten. Er ist ein klassischer Held, keiner der angesagten Antihelden.
Ich wurde Schriftsteller, weil ich Leser war, und nicht, weil meine Lebensgeschichte auch nur im Entferntesten interessant war. Die war (auf Deutsch) "extrem langweilig". Ich fing Feuer bei den Romanen des 19. Jahrhunderts, weil die Leben dort interessanter, tragischer, komischer waren. All meine Freunde hassten die Länge von Dickens-Romanen, Shakespeares Sprache. Sie hassten "Moby Dick". Aber dieser Held Ahab war doch großartig, verrückt, er pervertierte den Walfang. Der Antiheld unserer Zeiten? Wäre einer dieser Figuren ein Bekannter an der Uni gewesen, und ich hätte ihn kommen sehen, wäre ich abgebogen. Warum sollte man mit so unlustigen Leuten ein Bier trinken gehen? 

Zur Person

Bundespräsident Joachim Gauck (links) mit John Irving bei der Beerdigung von Günter Grass im Jahr 2015. Quelle: Christian Charisius / dpa

John Irving könnte ein Filmstar sein, so unverschämte 20 Jahre jünger sieht er mit seinen 74 Jahren aus. Der "letzte der großen, weißen Schriftsteller Amerikas", wie ihn der britische "Guardian" jüngst nannte, erzählt im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten über seinen neuen Roman und streut immer wieder deutsches Vokabular ein: "wichtig", "langweilig", "die Vergangenheit". Er hat in Wien studiert, war immer wieder in Europa, pflegte eine Freundschaft mit dem 2015 verstorbenen Günter Grass, dessen "Blechtrommel" er in seiner Wiener Zeit 1962/63 immer bei sich trug.

"Straße der Wunder" heißt Irvings neuer Roman (Diogenes, 772 S., 26 Euro), Religion ist darin das Thema, Katholizimus, Marienkult, Wunder und Aberglaube. Irving schickt den mexikanischstämmigen Schriftsteller Juan Diego Guerrero auf eine Reise. Er will auf den Philippinen ein Versprechen gegenüber einem Toten einlösen, und es wird eine Reise in den Tod samt begleitenden, höchst sinnlichen Todesengeln.

In Träumen steigt Juan Diegos abenteuerliche Kindheit auf der Mülldeponie der Stadt Oaxaca herauf. An der Seite seiner jüngeren, hellseherisch begabten Schwester Lupe wird er ein Zirkuskind und als Erwachsener ein berühmter amerikanischer Autor, der die Leere seines Lebens gegen die Imagination eingetauscht hat. Mit der anrührenden Geschichte von Juan Diegos schwulen Zieheltern, des jungen Jesuiten Edward und des Transvestiten Flor, schafft Irving zudem ein Plädoyer für sexuelle Toleranz.

Bären, Irvings Lieblingstiere, spielen diesmal übrigens keine Rolle, dafür gibts andere Fauna-Vertreter: jede Menge Hunde ("I love dogs!"), Löwen und eine heimtückisch aus gelben Augen auf Juan Diego stierende Aquariumsmuräne namens Senor Morales.

Durchbruch mit "Garp"

Irving debütierte 1968 mit dem vornehmlich in Österreich spielenden Roman "Lasst die Bären los" und hatte seinen Durchbruch zehn Jahre später mit "Garp und wie er die Welt sah". Weitere berühmte Romane sind die skurrile Familiengeschichte "Das Hotel New Hampshire" (1981) und "Owen Meany" (1989) über einen Jungen, der um seine göttliche Bestimmung weiß und einen Opfertod stirbt. Für das Drehbuch zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" (1985), der sich mit Abtreibung auseinandersetzt, erhielt Irving 2000 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

Irving verehrt die architektonischen Erzähler des 19. Jahrhunderts und Shakespeare. Obwohl in seinem neuen Roman "Straße der Wunder", der wieder einen äußerst sorgfältigen Aufbau besitzt, viel gestorben wird, so viel, dass man Irvings Figuren ein idyllisches Jenseits wünscht oder die Möglichkeit, als Geister zu ihren Lieben zurückzukehren, scheint Irving nur sehr entfernt um die eigene Endlichkeit zu kreisen. Er hat drei Söhne, ist zum zweiten Mal verheiratet (seit 1987 mit seiner Managerin Janet Turnbull Blunt) und lebt seit einiger Zeit in Kanada.

Derzeit arbeitet John Irving am Skript einer Neuverfilmung von "Garp" als Miniserie für den "Game of Thrones"-Anbieter HBO und denkt parallel schon an seinen übernächsten Roman. Die Arbeit daran wird er mit Feder und Schreibmaschine ausführen und er wird (um einen eindrucksvollen Schluss zu erzielen) wie immer mit dem beginnen, womit dieser Text über ihn endet: Mit dem letzten Satz.

Von Matthias Halbig

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