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Promi-Talk Wie gemein muss ein Comedian sein?
Sonntag Promi-Talk Wie gemein muss ein Comedian sein?
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20:00 20.05.2016
Von Stefan Stosch
Über Nacht ein Star: Der Film "Ziemlich beste Freunde" veränderte Omar Sys Leben. Heute ist der Schauspieler nicht nur im französischen Kino, sondern auch in Hollywood gefragt. Quelle: dpa
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Omar Sy, wann ist für Sie ein Witz gut?
Ganz einfach: Wenn jemand lacht.

Und wie schwer ist es, jemanden zum Lachen zu bringen?
Das kann richtig hart sein. Wie hart es wirklich ist, hängt vom Publikum ab, vom Thema und manchmal auch von der eigenen Stimmung. Wenn du nicht so gut drauf bist, kostet es eine Menge Kraft und Konzentration. Aber du hast ja keine Wahl: Wenn du auf die Bühne gehst, muss es klappen.

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Wann haben Sie erkannt, dass Sie Leute zum Lachen bringen können?
Das war beim Radio, wo ich meine Laufbahn als Comedian begann. Aber eigentlich lerne ich noch immer dazu. Als Künstler hörst du nie auf damit. Das gilt aber auch für jeden anderen auf diesem Planeten. Wir sind hier, um zu lernen.

Was haben Sie von Ihrer aktuellen Kinofigur Chocolat, dem ersten schwarzen Clown Europas, gelernt?
Zunächst mal seine Geschichte. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es einen schwarzen Clown Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich gab. Ich wusste auch nicht, dass  Chocolat und sein Partner Foottit die ersten beiden waren, die als Duo auftraten. Ich habe bei diesem Film auch gelernt, mich allein durch meinen Körper und nicht durch meine Stimme auszudrücken. Vorher konnte ich nicht jonglieren, kannte die Techniken nicht, die ein Clown beherrschen muss.

Wird ein Witz besser, wenn er auf Kosten von jemand anderem geht?
Ich glaube nicht. Vielleicht wird Ihnen ein anderer Comedian eine andere Antwort geben, aber ich finde, man kann witzig sein, ohne jemanden zu verletzen. Manche Comedians provozieren gern, klar, aber das ist kein Muss.

In "Monsieur Chocolat" besteht der zentrale Witz allerdings darin, Chocolat bei jeder Zirkusshow  in den Hintern zu treten.
Ich glaube, dass die beiden Clowns diesen Tritt schon damals als Satire verstanden haben. Sie haben gewissermaßen demonstriert, wie die Gesellschaft funktioniert. Es war die Zeit der Kolonialisierung, der weißen Vorherrschaft. Das Publikum hat gelacht, aber ganz langsam hat es verstanden, dass es über sich selbst lacht. Die Zuschauer haben kapiert, dass sie selbst so sind wie der weiße Clown: Sie treten im wirklichen Leben dem schwarzen Clown in den Hintern.

Lacht das Publikum heute noch über Witze dieser Art?
Nein! Die Gesellschaft hat sich verändert. Wenn sich heute Clowns prügeln, hat das eine andere Bedeutung, es geht nicht mehr um Schwarz und Weiß. Das können Sie übrigens beim Kinopublikum genau beobachten: Es lacht an den Stellen des Films, in denen Chocolat gedemütigt wird, aber es fühlt sich sichtlich unwohl. Die Leute wissen nicht, ob das wirklich witzig ist und ob sie lachen dürfen. Eine ungemütliche Situation.

Chocolat war der erste schwarze Clown, Sie waren der erste Schwarze, der den Filmpreis César gewann, für "Ziemlich beste Freunde". Eine zulässige Parallele?
Na ja, jedenfalls hätten schwarze Schauspieler schon viel früher den César verdient gehabt. Von jetzt an gilt es hoffentlich als selbstverständlich, wenn sie diese Auszeichnung bekommen.

Ist "Monsieur Chocolat" ein besonders persönlicher Film für Sie?
Jeder Film wird persönlich, sobald man eine Verbindung zu seiner Figur aufbaut. Das Besondere ist vielleicht, dass wir eine Verantwortung haben, weil wir eine wahre Geschichte erzählen. Chocolat war in Frankreich vergessen, dieser Film holt ihn hoffentlich zurück in die kollektive Erinnerung.

Der erste schwarze Clown der Zirkusgeschichte: Omar Sy ist demnächst in "Monsieur Chocolat" zu sehen, im Herbst spielt er an der Seite von Tom Hanks in "Inferno". Quelle: Verleih / dpa

Es heißt immer, Clowns seien hinter ihrer Maske traurig: Trifft das auf Chocolat zu?
Ja, er wollte frei sein. Er hat sein Leben lang dafür gearbeitet, als Künstler und als Mensch anerkannt zu werden. Das ist ihm nicht gelungen. Auch da hilft ihm vielleicht – wenn auch mit reichlich Verspätung – dieser Film.

Sie leben seit vier Jahren in Los Angeles, bei der jüngsten Oscar-Debatte wurde heftig gestritten, weil keine Schwarzen nominiert waren: Wie viel Rassismus gibt es in der Filmindustrie?
Das Showbusiness und das Kino sind generell rassistisch, nicht nur, was die Hautfarbe betrifft. Jemand ist für eine Rolle zu dick, zu alt, zu klein. So funktioniert die Branche nun mal.

Fühlen Sie sich in Los Angeles wohl?
Sicher, ich bin ja zu meiner Familie gezogen. Los Angeles ist ein angenehmer Ort, schon wegen des Wetters. Ich fühle mich dort immer noch wie im Urlaub.

Suchen Sie sich Ihre Filme danach aus, ob Sie auf dieser oder jener Seite des Atlantiks drehen?
Nein, da entscheiden die Rolle, die Geschichte, der Regisseur, ganz viele Dinge. Ob es eine französische oder eine amerikanische Produktion ist: Das ist egal. Ich würde sogar in einem deutschen Film spielen, wenn alles passt.

Ihr Film "Monsieur Chocolat" spielt in der Vergangenheit, aber es gibt Momente, in denen er sehr gegenwärtig wirkt. Würden Sie dem zustimmen?
Aber ja. Nehmen Sie das Thema Flüchtlinge: Menschen wollen frei sein, ein besseres Leben führen. Deshalb machen sie sich auf den Weg, so wie Chocolat.

Wie viel vom großen Flüchtlingsdrama kriegen Sie im fernen Los Angeles mit?
Mag sein, dass dieses Thema die Menschen in Europa gerade besonders bewegt, aber es geht die ganze Welt an. Es gibt zu viele Plätze auf diesem Planeten, an denen Menschen nicht überleben können. Sie verlassen ihre Länder, ihre Familien, sie verlassen alles, was sie ausmacht. Das ist hart. Sie brauchen Hilfe. Das müssen wir uns immer wieder klarmachen.

Macht es Sie wütend, wenn jetzt überall die Grenzen für Hilfesuchende dichtgemacht werden?
Ja, das ist unfair! Wir geben den Leuten nicht die Hilfe, die sie brauchen. Die ganze Welt zusammen muss das ändern. Deutschland kann das Problem nicht allein lösen, und Frankreich kann das auch nicht. Der Reichtum muss besser verteilt werden. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, in ihren jeweiligen Ländern glücklich zu sein. Wenn nicht, werden sie kommen. Und das ist okay. Denn wir würden dasselbe tun.

Sie sind prominent, Ihnen hören die Menschen zu: Sehen Sie es als Ihre Verpflichtung an, über Politik zu reden?
Als Schauspieler gehört Mut dazu, über Politik zu reden – so wie es George Clooney getan hat, als er sich bei der Berlinale mit Ihrer Kanzlerin Angela Merkel getroffen hat. Das habe ich bewundert.

Wieso gehört Mut dazu?
Schauspieler haben in den Augen des Publikums ein bestimmtes Image, politische Äußerungen passen nicht unbedingt dazu. Und wenn sie etwas tun, was nicht ihrem öffentlichen Bild entspricht, wird ihnen das leicht übel genommen. Sie verstoßen gegen die Erwartungen.

Ihre Wurzeln liegen in Mauretanien und dem Senegal. Von dort stammen Ihre Eltern: Haben Sie Verbindung in diese Länder?
Ich bin früher in den Urlaub dorthin gefahren, tue das heute auch noch manchmal. Aber jetzt lebe ich in Los Angeles. Ursprünglich wollte ich aber Ingenieur werden und im Senegal arbeiten.

Aufgewachsen sind Sie in der Banlieue. Aus den Pariser Vorstädten dringen immer nur schlechte Nachrichten nach draußen, jedenfalls hören wir solche von den Politikern  ...
... ja, und wissen Sie, was mich schon geärgert hat, als ich jung war: So viele Leute reden über das Leben in der Banlieue, die davon keine Ahnung haben. Diese Leute sollen erst mal dorthingehen und sich informieren. Ich will jetzt aber nicht alte Spannungen wiederbeleben, die Situation ist traurig. Lassen Sie uns auf die Zukunft schauen und dafür sorgen, dass alle Franzosen friedlich miteinander auskommen und Normalität vorherrscht.

Wie war denn nun Ihre Kindheit in den Vorstädten?
Ich erinnere mich an Lachen, Freude, viel Energie. Ich habe viel gelernt. So viele verschiedene Kulturen lebten dort zusammen, so viele Farben. Auch für meine spätere Arbeit als Comedian habe ich von dort viel mitgenommen, die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. Was ich heute bin und tue, hat dort seinen Ursprung.

Zur Person

Eine echte Kinosensation: Mehr als 17 Millionen Menschen sahen allein in Frankreich den Film "Ziemlich beste Freunde" mit Omar Sy und François Cluzet (rechts). Quelle: Senator / dpa

Der Einstand von Omar Sy beim Radio war kurios: Ein Freund brauchte für eine Pilotsendung dringend zwei Prominente. Leider kannte er nur einen. Kurzerhand sprang Kumpel Sy ein und mimte in der Show einen berühmten Fußballer aus dem Senegal.

Als der Sender von der wahren Identität des vermeintlichen Ballkünstlers erfuhr, bewies er erstaunlich viel Humor: Nicht nur Jamel Debbouze, heute ein in Frankreich bekannter Comedian, bekam einen Vertrag, sondern auch Sy. Fortan war Sy für Telefonscherze verantwortlich. Später folgte er Debbouze zum Fernsehen. Zusammen mit Fred Testot bekam Sy dann eine Show, die folgerichtig "Omar und Fred" hieß.

Womit bewiesen wäre: Es muss sich bei dem 1978 in Trappes bei Paris geborenen Sohn eines Senegalesen und einer Mauretanierin um ein echtes Naturtalent handeln. Eine Schauspielschule hat Sy bis heute nicht besucht. Aber warum hätte er das auch tun sollen?

Durchbruch mit "Ziemlich beste Freunde"

Éric Toledano und Olivier Nakache störten sich jedenfalls nicht an der fehlenden Ausbildung des jungen Mannes, als sie für einen Kurzfilm Darsteller suchten. So begann die Zusammenarbeit des späteren Erfolgsteams. Eines Tages boten die beiden Sy die Rolle eines reichlich unkonventionellen Pflegers an, der einem reichen Querschnittgelähmten (gespielt von François Cluzet) neuen Lebensmut einflößt. Den Part des Pflegers hatten die Regisseure Sy auf den Leib geschrieben. Der Titel des Films: "Intouchables – Ziemlich beste Freunde".

Die Tragikomödie, die auf dem wahren Fall des Champagnerherstellers Philippe Pozzo di Borgo beruhte, entpuppte sich als wahre Kinosensation: Mehr als 17 Millionen Zuschauer allein in Frankreich wollten sie sehen, beinahe neun Millionen in Deutschland. Über Nacht war Omar Sy berühmt. Seitdem versucht er auf beiden Seiten des Atlantiks sein Glück. Vor vier Jahren zog er nach Los Angeles, wo seine Frau Helene und die gemeinsamen vier Kinder lebten.

In Hollywood ergatterte Sy Auftritte in "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit", in "Jurassic World" oder auch im Kochfilm "Im Rausch der Sterne", im Herbst ist er im Dan-Brown-Thriller "Inferno" an der Seite von Tom Hanks dabei.

Erfolg in Frankreich und Hollywood

Mindestens so eindrücklich waren seine Auftritte im französischen Kino: In der Kriminalkomödie "Ein Mordsteam" gab Sy einen Polizisten, der sich mit einem versnobten Kollegen der Pariser Kripo arrangieren muss. In "Heute bin ich Samba", wieder von Toledano und Nakache inszeniert, spielte er einen senegalesischen Einwanderer ohne Papiere. Als der Mann abgeschoben werden soll, springt ihm eine Frau zur Seite – in Gestalt von Charlotte Gainsbourg.

Nun spielt Omar Sy in "Monsieur Chocolat" den ersten schwarzen Clown der französischen Zirkusgeschichte, dessen Erfolg darauf gründete, sich von seinem weißen Partner zum Deppen machen zu lassen. Der echte Chocolat, ein entlaufener kubanischer Sklave, feierte nach 1900 in Paris Triumphe, dennoch kam er nie wirklich in der Freiheit an.

Von Stefan Stosch

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