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Promi-Talk Woher haben Sie Ihren Mut genommen?
Sonntag Promi-Talk Woher haben Sie Ihren Mut genommen?
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20:01 07.10.2016
Autobiografie zum 80. Geburtstag: Wolf Biermann polarisiert bis heute gern. Ein Gespräch über den Kommunismus, hilfreiche Illusionen und Langeweile in der Diktatur. Quelle: Dmitrij Leltschuk
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Der Journalist hat noch nicht einmal Platz genommen, da erzählt Wolf Biermann schon eine Geschichte von einer Begegnung, die er einmal im Zug hatte. Eine Schauspielerin schwärmte ihm gegenüber vom dankbaren Publikum beim Fronttheater im Zweiten Weltkrieg. Er erfährt, dass sie in Minsk für die Soldaten gespielt hat, gerade dort, wo Biermanns ganze jüdische Familie im November 1941 in die Grube geschossen wurde. Die Frau erwähnt, dass sie sogar einmal einer Jüdin ein Stück Brot zugesteckt habe, was Biermann auf die Idee bringt, das könnte seine Tante Rosi gewesen sei. Die Geschichte handelt von der Borniertheit der Nazis, auch nach 1945.

Herr Biermann, warum steht diese Geschichte nicht in Ihrer Autobiografie?
Die Autobiografie muss lesbar bleiben, wenn alles reinkäme, was ich erlebt habe, müsste sie tausende Seiten haben. Im Buch ist ein Gruppenfoto meiner Familie, auch mit der Schwester meines Vaters. Über Tante Rosi habe ich ein schönes Gedicht geschrieben, weil ich, als ich nachts im Himmel der Flensburger Förde die Milchstraße bestaunte, ihren gelben Stern leuchten sah. Wenn ich hochgucke, sehe ich eben andere Sterne als Nazis.

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In Ihrer Autobiografie ist jeder Satz konkret, verschiedene Deutungen verbieten sich.
Ich habe meine Memoiren nicht gelesen, aber jedes Wort in diesem Buch geschrieben. Ich bin ein Gedichteschreiber, also ein Sprinter, ich laufe nur 100 oder 200 Meter. Bei 400 Meter knicken mir schon die Beine weg. Marathonlauf kann ich nicht. Meine Frau hat meine Sprintstrecken, also die einzelnen intensiven Geschichten, abgefordert und zusammengesetzt, sie machte die Dramaturgie des Buches.

Der Leser erfährt auch viel über die deutsch-deutsche Geschichte.
Das verdanken Sie meiner Frau. Sie hat den analytischen Blick und den Überblick. Mir fällt es schwer, bei all dem Erlebten zu erkennen, welche Wichtigkeiten nichtig sein könnte und welche Nichtigkeiten wichtig.

Eine Autobiografie ist immer auch eine Auseinandersetzung mit Zeit, Ewigkeit und Vergänglichkeit.
Das Beste, was ich dazu liefern kann, steht auf der letzten Seite, das Lied "Heimweh". In der vierten Strophe heißt es: "Allein in meinem kurzen Menschenleben fraß ich / Zwei Diktaturen, schluckte mehrere Epochen". In den letzten zwei Millionen Jahren war es so, dass eine einzige Epoche, sagen wir die Bronze- oder Eisenzeit, Tausende Generationen von Menschen umfasste. Das hat sich heute dialektisch umgekehrt.

Was ist daran dialektisch?
Dass dies früher umgekehrt war, denn heute verbraucht eine Generation viele Epochen. Das liegt an der enormen, explodierenden technischen Entwicklung. Jeder Mensch erlebt auch ohne Philosophie und Einstein, dass es Zeiten gibt, die ewig dauern. Zum Beispiel die Diktatur: Solange sie dauert, dauert sie ewig. Im Koordinatensystem des eigenen Lebens dauert das Elend ewig.

Das heißt auf Ihr Leben bezogen, dass die 23 DDR-Jahre für Sie – gefühlt – der längste Abschnitt war?
Da rede ich mich wieder mit der Dialektik heraus. In der Langeweile der Diktatur stagnieren die Verhältnisse. Aber wenn man sich in so einer "bleiernen Zeit" gegen die Diktatur wehrt, dann kommt man in einen sehr intensiven Stoffwechsel mit der Gesellschaft. Man kriegt was aufs Maul und das heißt: Das Leben ist grauenhaft interessant. Mein Leben war nie langweilig, weil ich nicht langweilig war.

Andere Autobiografien werden zum Ende hin knapper, weil die Erlebnisse an Intensität verlieren. Ihre nicht.
Ich wollte eigentlich gar keine Lebenserinnerungen liefern. Ich wollte vielmehr erzählen, wie ein Kind zufällig in der Nazi-Zeit als Kommunisten- und Judenkind geboren wird und dann mit verschiedenen Schicksalsschlägen und Brüchen klarkommt, die auch ein Kontinuum sind. Und wie dieser Mensch dann den Mut aufbringt, mit seinem Kinderglauben, dem Kommunismus, zu brechen und zum guten Renegaten wird. Mir ist dieser Bruch sehr schwergefallen. Die Kinder der Nazis konnten sich viel flotter vom Kommunismus verabschieden als ich. Insofern ist das emotionale Zentrum meines Buches das Jahr 1983.

Sie stellen dar, was nötig war, um dem Kommunismus abzuschwören.
Ich wollte die Idee, für die mein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst im Westen wagte ich diesen Schritt. Ich brauchte bestimmte Begegnungen – ironischerweise auch mit einem dummen jungen Nazi. Warum der mir geholfen hat, das steht im Buch, das könnte ich jetzt auch Dialektik nennen. Aber ich brauchte vor allem die Begegnung mit Manès Sperber in Paris. Er hat mir wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war. Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.

Am 13. November 1976 spielte Wolf Biermann in Köln. Danach wurde ihm die Wiedereinreise in die DDR verweigert. Quelle: Imago

Würden Sie sich heute als Antikommunist bezeichnen?
Nö. Ich bin geborener Kommunist und wurde ein kommunistischer Ketzer, ein treuer Verräter.

Ist Ihnen die soziale Frage noch wichtig?
Die ist das Wichtigste, was es überhaupt gibt.

Werfen Sie sich heute vor, dass Ihr Bruch mit dem Kommunismus so spät erfolgte?
Das sind jetzt Klugscheißereien im Nachhinein. Nehmen wir an, der Robert Havemann, mit dem ich seit 1960 befreundet war, wäre so klug gewesen wie Manès Sperber, und hätte es geschafft, mir den kommunistischen Zahn zu ziehen, dann hätte ich meinen Kinderglauben nicht mehr gehabt. Dann wäre ich aber auch nicht der Biermann geworden. Dann wäre ich zusammengebrochen. Entweder hätte ich mich davongemacht nach innen oder nach außen, in die Einsamkeit oder in den Westen, oder ich hätte resigniert, irgendeine angeleinte Karriere an der Akademie der Wissenschaften der DDR als Sprachwissenschaftler oder so.

Sie haben sich also mit falschen Illusionen in den Kampf gestürzt?
Mich schützte meine Unwissenheit. Ich hielt mich für den richtigen Kommunisten und die Herrschenden für die falschen. Das gab mir die Kraft zu widerstehen. Das ist doch wunderbar! Die Götter haben sich gesagt, jetzt wollen wir mal den kleinen Biermann mit diesem Sperber zusammenbringen. Und vorher: Jetzt wollen wir mal den kleinen Biermann in diesem Kinderglauben lassen, damit er den Mut hat, gegen diese allmächtigen Schweinehunde zu streiten. Denn wenn er klüger wäre, würde er den Schwanz einziehen.

Ist solcher Mut, den Sie in der DDR bewiesen haben, heute noch gefragt? Ist für Sie Edward Snowden ein Held?
Nein. Ein Spieler.

Ein Verräter?
Nicht mal das. Tief unter dem Verräter. Verrat ist ja eigentlich ein negatives Wort. Aber natürlich gibt es menschliche Beziehungen, die so beschissen sind, dass man nichts anderes kann, als sie zu verraten. Es gibt also den guten Verrat und den schlechten Verrat. Ein Held wäre er, wenn er den Mut gehabt hätte, in den USA zu bleiben.

Dann wäre er in den USA im Gefängnis verschwunden.
Tausendmal besser, in der Demokratie im Gefängnis zu sitzen, als sich in der Diktatur den Arsch pudern zu lassen. Die unvollkommenste Demokratie ist Tausendmal besser als die vollkommenste Diktatur. Ich rede so laut, weil es mich so aufregt.

Können Sie nicht nachfühlen, dass Snowden lieber in einem größeren als in einem kleinen Käfig lebt?
Nein, er hätte ein Kerl sein müssen und nicht eine Flasche, die sich in eine Diktatur rettet, zu Putin, da lachen ja die Hühner!

Sehen Sie überhaupt eine Gefahr darin, wie hinter demokratischen Kulissen mit Daten umgegangen wird?
Wenn Missbrauch getrieben wird mit Daten, ist das natürlich ein Verbrechen und schädlich für die Menschen. Aber es ist immer noch ein riesiger Unterschied, ob dies in einer Putin-Diktatur oder in einer Obama-Demokratie geschieht!

Ihre Autobiografie heißt "Warte nicht auf bessere Zeiten!". Meinen Sie mit diesem Plädoyer, dass in der Gegenwart alle Weltverbesserungen möglich sind?
Kein Mensch kann höher springen, als der Arsch kommt. Aber man kann viel machen. Und gemessen daran, dass ein einzelnes Menschenexemplar geradezu deprimierend schwach ist, kann ich sagen, ich habe einige anhaltende Wirkung erzielt. Der Titel ist eine Aufforderung, sich nicht mit dem Elend abzufinden und es sich darin gemütlich einzurichten, sondern sich einzumischen in die eigenen Angelegenheiten. Das bringt doch Spaß, das ist ein Gewinn an Lebensfreude!

Zur Person

Biermann am 7. November 2014 im Deutschen Bundestag anlässlich der Gedenkfeier zum 25. Jahrestages des Mauerfalls. Quelle: dpa

Wolf Biermanns Ausbürgerung im November 1976 wird gern als "der Anfang vom Ende der DDR" dargestellt. Die Proteste gegen die Entscheidung des DDR-Politbüros waren selbstmörderisch, und viele Ostdeutsche kehrten in den Folgejahren dem SED-Staat verzagt den Rücken. Biermanns Lied "Ermutigung" aber blieb zurück und verlieh der Bürgerbewegung Flügel. Ging das überhaupt mit rechten Dingen zu? Konnte ein so kleiner Mann mit Klampfe und frechem Mundwerk eine so hochgerüstete Diktatur in Bedrängnis bringen? Wie gelang es ihm, die Genossen der Staatssicherheit immer wieder zu foppen?

Heute erscheint die Autobiografie eines Künstlers, der in den Geschichtsbüchern über die deutsche Teilung einen festen Platz einnimmt. Seine Memoiren beschränken sich nicht auf die 23 DDR-Jahre. Die entscheidende Prägung erfuhr Biermann im Hamburger Arbeitermilieu der Nazi-Zeit und in den Luftschutzkellern.

1953 ging er als 17-jähriger Schüler in die DDR und ließ sich dann als 40-Jähriger nach seiner Ausbürgerung wieder in seiner Heimatstadt Hamburg nieder. Im Buch reflektiert Biermann präzise, warum sich sein Weltbild in der Bundesrepublik deutlich wandelte. Seit 1983 nennt er sich nicht mehr Kommunist, sondern "Renegat" und "Verräter". Auch diese Lebensphase markierte er mit einem Lied: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu".

Munteres Geschichten-Panoptikum

Biermann polarisiert gern und ist deshalb bei vielen Menschen als selbstgerecht verschrien. Aber sein Größenwahn war es, der ihn davor bewahrte, klein beizugeben. Biermann wollte seinen jüdischen Vater rächen, der in Auschwitz starb. Weil er ein waschechtes Proletarierkind war, spürte er immer die Berechtigung, mit den DDR-Oberen auf Augenhöhe über den Sozialismus zu streiten.

Das Buch kann mit interessanten Details aufwarten. Dem Halbwaisen wurde in der Nachkriegszeit das Erlernen eines Musikinstruments ermöglicht, nachdem der Bruder seines Vaters 50 Schachteln Lucky Strike gegen ein Klavier eintauschte. Dass Biermann an der Humboldt-Universität neben Philosophie auch Mathematik studiert hat und mit Bestnote abschloss, dürfte viele Leser überraschen. 1964 verdiente er jeden Abend 100 Mark für vier Lieder, die er im staatlich kontrollierten Kabarett "Distel" sang. 1972 erzielte er als Turmspringer bei einem Wettkampf in Ost-Berlin sogar einen kleinen Sieg.

In dem munteren Panoptikum ganz nach Biermanns Gusto wird sich der Leser viele starke Sätze und Szenen anstreichen. Weil der Erzähler Biermann immer dieselbe Strickliesel benutzt und effektvolle Maschen und Wendungen gern wiederholt, liefert er höchst präzise Wortware ab. Seine geliebte Mutter Emma war schließlich Maschinenstrickerin.

Von Karim Saab

Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessre Zeiten!". Propyläen. 550 Seiten, 28 Euro.
Lesetour: 12.10. und 18.11., Berliner Ensemble, 14.10., NDR Hannover, 16.10. und 20.11. Thalia Theater Hamburg, 28.10. Leipzig, Zeitgeschichtliches Forum, 29.11. Volkstheater Rostock.

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