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Sehen “Split“ und mehr DVD-Tipps
Sonntag Tipps & Kritik Sehen “Split“ und mehr DVD-Tipps
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19:51 23.06.2017
Quelle: Fotolia
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Hannover


Split: Wieder mal ein M.-Night-Shyamalan-Film. Was Hollywood nach “The Sixth Sense“ als Marke à la Hitchcock etablieren wollte, war für eine ganze Weile eher eine Warnung vor aufgeblasener Fantasia mit einem Schuss Lächerlichkeit. Trotzdem durfte der Regisseur immer weiter drehen und mit der TV-Serie “Wayward Pines“ und dem Thriller “The Visit“ lieferte er zuletzt wieder Sehenswertes ab. „Split“ ist unzweifelhaft Shyamalans intensivstes Werk seit der Superheldenballade “Unbreakable“. Ein Mann hat 23 Persönlichkeiten und drei Geiseln. Ein Teil seiner Ichs erwartet die Ankunft des “Biests“. Und auch seiner zunehmend argwöhnischen Psychiaterin Dr. Fletcher ist unklar, ob damit eine reale Person, eine Fiktion oder Ego Nr. 24 gemeint ist.

Zwei der von einer Geburtstagsparty entführten Mädchen im Bunker sind hilflos und hysterisch, was die Überlebenschancen in Thrillern rapide sinken lässt. Aber die Außenseiterin Casey (Anya Taylor-Joy) nimmt den Kampf im Keller auf. Ihre eigenen, offenbar leidvollen Kindheitserfahrungen lassen sie dort zuschlagen, wo der multiple Mann am angreifbarsten ist: an der Persönlichkeit eines naseweisen, lispelnden Neunjährigen, der bewundert und geliebt werden will. Taylor-Joy, die man zuletzt in “The Witch“ gefeiert hat, liefert mit der entschlossenen Kämpferin ein weiteres Mal großartiges Schauspiel. James McAvoy (der junge Xavier in den “X-Men“-Filmen) indes ist mit seiner Darstellung der “Horde“ in dem gestörten Barry so beängstigend, dass dem Zuschauer die Haare in einem fort zu Berge stehen.

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Natürlich hat Shyamalan eine eigenwillige Schlusspointe parat. Das Ende dieses zeitweilig verstörenden Films ist zugleich der Beginn eines anderen. Und obwohl wir gern wüssten, was darin passiert, hoffen wir um Shyamalans Karriereaufschwung Willen, dass er ihn ungedreht lässt.

Split Quelle: Universal

Allied – Vertraute Fremde: Die Geigen auf dem Naziball in Casablanca spielen das “Deutschland, Deutschland über alles“ so wehmütig, als ahnten sie schon, dass alles am Ende schlecht ausgeht für die Unmenschen und ihr Hitler-Heil. Und dann stehen all die hoch-und niederrangigen Nazis und Kollaborateure unter Beschuss,und Brad Pitt (kanadischer Agent Max, der einen Vichy-Franzosen spielt) und Marion Cotillard (französische Agentin Marianne) erfüllen ihren Auftrag und liquidieren leider bald auch schon August Diehl, der den deutschen Botschafter als herrlich abgefeimtes schmallippiges SS-Biest spielt.

Von einem Agententhriller zu Weltkriegszeiten wird “Allied – Vertraute Fremde“ dann zu einem Liebesfilm, denn die beiden, die für den Einsatz in Nordafrika ein Ehepaar spielten, werden Kombattanten d‘amour, tauschen tatsächlich Ringe, bekommen im Bombenhagel auf London ihre Tochter Anna. Der Frieden bricht zwar noch immer nicht aus, vorab werden den beiden aber schon einmal die Freude und der Eierkuchen gereicht. Und dann sät Regisseur Robert Zemeckis (“Forrest Gump“) den Zweifel und schwenkt ganz schnell wieder auf Spionage um. Ein Anruf geht in Max‘ und Mariannes trautem Heim in Hampstead ein, und die Prophezeiung von Max‘ Vorgesetzten, dass Ehen unter Spionen nie gutgehen, scheint einzutreffen. Marianne wird verdächtigt, eine andere zu sein, eine Nazispionin. Max bekommt 72 Stunden, um ihre Unschuld beweisen, oder aber die eigene Ehefrau wegen Verrats zu liquidieren.

“Allied“ ist ein langsamer, spannender, üppig ausgestatteter, im besten Sinn des Wortes altmodischer Film noir über die böse Saat des Misstrauens, in dem sich der Zuschauer sofort gegen die kalten Kräfte des Geheimdiensts in Stellung bringt, und dem Helden beide Daumen drückt, er möge seine kleine Familie retten können.

Allied - Vertraute Fremde Quelle: Paramount

Togetherness, Staffel 2: Gute Serien sterben früh. Die HBO-Produktion “Togetherness“, die dezent zugespitzten Alltagsleben von vier Enddreißigern, gehörte zu den besten US-Fernsehkomödien der letzten Jahre und bewies, dass amerikanisches Lustigsein nicht zwangsläufig bedeutet, neben allgemeinen Kraftausdrücken dem Oral- und Analverkehr der zwangläufig bedeutet, dem Geschlechtsleben Witziges abzugewinnen. Nun endet der Spaß, bedauernswerterweise und zutiefst betrauert schon mit der zweiten Staffel.

In der nagt an Michelle (Melanie Lynskey) das schlechte Gewissen, umso mehr, als sich Brett (Mark Duplass) Mühe gibt, der beste Ehemann und Vater von allen zu werden. Als sie ihm schweren Herzens einen Seitensprung gesteht, muss der völlig Fassungslose von seinem Freund Alex (Steve Zissis) gerettet werden, der sich in der Not ganz dem am Ende nicht allzu dankbaren Brett verschreibt. Michelles Schwester Tina (Amanda Peet) nun entwickelt ein gerüttelt Maß Feindseligkeit gegenüber Alex‘ jüngerer Neuer, fährt in hysterischer Trunkenheit ihr Auto gegen den Baum und versagt, während sie das Ticken ihrer eigenen biologischen Uhr laut wie Gewehrfeuer hört, auf der ganzen Linie als Sitter für Michelles Kinder.

Die Serie schließt in vielerlei Hinsicht offen, aber was in vielen anderen Serien die Fans aus allen Wolken stürzen ließe wirkt in diesem Fall, als wäre es Teil des Konzepts. Und wenn die Verantwortlichen demnächst bemerken sollten, welche feine Kreation sie hier am Start hatten, ließe sich prima eine weitere Saison andocken. Wir würden dafür den Finger heben.

Togetherness, Staffel 2 Quelle: Warner

Jeder stirbt für sich allein: Der Dichter Hans Fallada ging nicht ins Exil, weil er keine Wahl zu haben glaubte, kein Ersatzland für die Heimat ausmachen konnte, in dem er genauso flüssig zu schreiben vermocht hätte wie in Deutschland. Er war Künstler, Literaturphase Neue Sachlichkeit, und durchaus widerständig, wenn sich das nur versteckt in seinen Büchern äußerte - am deutlichsten in dem lächerlichen “zweiten“ von den Nazis geforderten Schluss zu seinem Droschenkutscherroman “Der eiserne Gustav“. Die Order, dem Buch ein NS-freundliches Happy End zu geben, erfüllte Fallada so kolportagehaft, dass den Leser seine antidiktatorische Gesinnung förmlich aus den Zeilen heraus ansprang.

Sein einziger großer Nachkriegsroman war ihm dann wie eine Befreiung, ein Buch über den Widerstand eines Ehepaars aus der Arbeiterschaft. Der Sohn ist im Krieg gefallen, das Unfassbare verarbeitet Otto Quangel (Brendan Gleeson) indem er Karten mit Anti-Hitler-Parolen schreibt, die er auslegt, um die Deutschen aufzurütteln. Seine Frau Anna (Emma Thompson) hilft ihm dabei. Eine ganze Weile geht die Privataktion gut, aber der beflissene Kommissar Escherich (Daniel Brühl),der seinen kriminalistischen Spürsinn problemlos in den Dienst der Unmenschen stellt ohne selbst überzeugter Nazi zu sein, kommt den Quangels auf die Spur.

Gleeson und Thompson durchstreifen die Verfilmung von Vincent Perez wie zwei Schatten, betäubt von der Leere, die nach dem Tod des einzigen Kindes entstand, finden sie einen schmalen Sinn in der Revanche. Der Regisseur hat “Jeder stirbt für sich allein“ ziemlich schmucklos verfilmt – der Film wirkt dadurch oft wie ein kleines Fernsehspiel. Die Schärfe des Romans, der die völlige Absenz von Freiheit in Diktaturen zeigt und den sich all die zu Gemüte führen sollten, die derzeit der Vorstufe Populist ihre Stimme geben, wird in der Verfilmung leider an keiner Stelle erreicht. Und der Schluss mit dem reuigen Kommissar erscheint aufgesetzt.

Jeder stirbt für sich allein Quelle: Warner

A Kind of Murder: Ein Film “wie früher“. Ein Film “wie er heute nicht mehr gedreht wird“. “A kind of Murder“ lässt sich als ein langsamer, actionfreier, hübsch bebilderter Thriller nach dem Roman “Der Stümper“ von Patricia Highsmith an. Er spielt im New York des Jahres 1960 und handelt von Richard Stackhouse (Patrick Wilson), einem Architekten und dem Ehemann der schönen, depressiven Clara (Jessica Biel). Richard kitzelt die Erfolglosigkeit als (nebenberuflicher) Schriftsteller und der ewige Streit mit der Gattin, den Ausbruch zu wagen mit der ebenfalls schönen Jazzsängerin Ellie (Haley Bennett). Was ihn inspiriert, ist die Geschichte des Buchhändlers Kimmel (Eddie Marsan), der offensichtlich seine Frau umgebracht hat, sich ein Alibi verschafft hat und mit Mord davon kommt.

Eine Highsmith-Konstellation, die an ihren größten Erfolg, “Zwei Fremde im Zug“, erinnert, den Alfred Hitchcock so verfilmt hat, dass er noch heute, nach 67 Jahren, in Bann schlägt. Entschlossen ist der potenzielle Meuchler Richard nicht, er leidet lieber noch eine Weile auf hohem Niveau, und fährt dann seiner Frau hinterher, als die ihre kranke Mutter besuchen will. Clara nimmt auf ihrer Reise die selben Stationen wie Kimmels Frau und wird dann auch an derselben Raststätte tot aufgefunden. Bis dahin ist viel Zeit verstrichen, ab jetzt lässt unser strahlender, moralisch nicht ganz einwandfreier Held, dessen Fantasie nach perfekten Krimigeschichten trachtet, seltsamerweise nichts unversucht, sich verdächtig zu machen, Fehler zu begehen, so dass man dieser unglaubwürdig ersonnenen Figur glattweg Todeszellensehnsucht bescheinigen möchte.

Regisseur Andy Goddard startet den Suspense zu spät und blockiert ihn immer wieder mit filmischen Fingerzeigen und Wiederholungen, die den Zuschauer auf der rechten Fährte halten sollen, eine Vorgehensweise, die man als geradezu antihitchcockesk (was für ein Unwort!) bezeichnen könnte. Dass der Film trotzdem schön anzusehen ist, liegt an der opulenten Ausstattung und der Farbgebung längst vergangener Filmzeiten. Orangegelbe Taxis knallen ihre Farbe da ebenso gleißend vom Bildschirm wie giftgrüne Busse, feuerrote Sportwagenpolster. So leuchtete selbst das echte 1960 nie. Schon gar nicht das des Alfred Hitchcock, der auf dem Cover der Blu-Ray mit dem Slogan „Hitchcock wäre stolz darauf“ angeführt wird. Denn Hitch hatte damals den schwarzweißen “Psycho“ am Start.

A kind of murder Quelle: Universum

Why him? Der Inhaber einer kleinen sterbenden Druckerei (“Breaking-Bad“-Star Bryan Cranston) feiert mit Freunden und Angestellten seinen 55. Geburtstag und seiner eher mediokren geschäftlichen Erfolge – etwa mit bunten Pizzeriaflugblättern. Aus ihrer Studentenbude schaltet sich die Tochter ins Fest, durch deren Wohnungstür kraucht im Hintergrund dann auch gleich mal für alle sichtbar der unbekannte Freund, der umgehend den Hintern aus der Hose schält für eine kleine Vergnügungsrunde für Erwachsene.

Zwar ist Laird Mayhew (James Franco) kein armer Schlucker (im Gegenteil, er ist in der Videospielbranche millionenschwer erfolgreich) und auch kein Tyrann oder Mädchenverderber, aber er liebt es, jeden Satz mit Kraftausdrücken zu spicken, ist in aufdringlicher Weise erfinderisch bei seinen Versuchen, von Stephanies Familie gemocht zu werden und ansonsten eklatant durchgeknallt. Schwiegervater-in-spe Ned ist entsprechend sofort im Kampfmodus, Unheil von seiner geliebten Tochter (Zoey Deutch) abzuwenden. Ned sieht alle Erziehungsmühen zerrinnen, sieht die Tochter schon als Studienabbrecherin, Drogensüchtige, Prostituierte. Zu Weihnachten bei Laird eingeladen, erlebt die Familie dann den Toleranzcheck ihres Lebens.

Eine Komödie, die auf etwas überkandidelte, derb-alberne Art zeigt, dass wir uns im Angesicht des Fremden verlässlich selbst erkennen können, und die uns Gene Simmons und Paul Stanley, die Köpfe der Heavyrock-Truppe Kiss beim Weihnachtsliedersingen zeigt. Dasalles ist nett, lustiger sind aber die ersten beiden Filme der ähnlich gelagerten “Meine Braut/Frau…“-Trilogie mit Ben Stiller und Robert De Niro, unübertroffen indes Stanley Kramers Schwiegersohnkomödie “Rat mal, wer zum Essen kommt“ mit Katharine Hepburn, Spencer Tracy und Sidney Poitier.

Why him? Quelle: 20TH CENTURY FOX

The Great Wall: Zwei westliche Helden von zweifelhaften Ruf helfen den Chinesen eines Fantasy-Mittelalters, einen Fluch in Gestalt gefrässiger Ungeheuer zu bekämpfen, die alle 60 Jahre versuchen, über die “Great Wall“ von China zu stürmen, um das Volk im Norden Chinas zu dezimieren. Ursache des Unheils war ein raffgieriger Herrscher, Zweck ist es, den Menschen diesbezüglich eine Lektion zu erteilen. Die europäischen Söldner William (Matt Damon) und Tovar (Pedro Pascal, bekannt als der unglückliche Prinz Oberim aus “Game of Thrones“) werden nun zu Filmbeginn von den Chinesen vor einer anstürmenden Reiterhorde gerettet und bekommen deren volle Aufmerksamkeit, weil sie die Klaue eines der bislangals unbesiegbar geltenden Biester mit sich führen.

Die Mär aus einem Paralleluniversum ist schlicht: Eigentlich wollen die beiden zweifelhaften Gesellen Schwarzpulver stehlen, um sich in der Heimat damit eine goldene Nase zu verdienen. Dann aber steht vor allem William den Chinesen mit Rat und Tat gegen die Ungeheuer bei und verliebt sich überdies in die schöne Generalin Lin Mae (Tian Jing). Ein actionreiches Gewese von Zhang Yimou, der mit “Hero (2002)“, “House of Flying Daggers“ (2004) und “Der Fluch der goldenen Blume“ (2006) im selben Fach schon Besseres vermochte. Als Crux erweist sich die Computertricktechnik: Die Landschaften aus dem Rechner sind als solche zu erkennen, was auch für die Monster zutrifft, grüne Lebendmäuler, die aussehen wie riesige mobile Feigen mit Zähnen, deren Augen in Schulterhöhe sitzen, was sie vollends verunglückt wirken lässt. Davor sollen wir uns fürchten?

The Great Wall Quelle: Universal

Kubo – der tapfere Samurai: Wir werden für 100 Minuten nach Japan gezogen in eine längst vergangene Zeit, wahrscheinlich ist es das Japan eines Paralleluniversums, in dem Magie und Spuk zu den gängigen Alltagserfahrungen zählen. Kubo ist der kleine Held eines fantastischen Fantasyfilms aus den amerikanischen Laika-Studios, die “Coraline“, “The Boxrolls“ und “ParaNorman“ machten. Kubo ist toll, hat aber – dies gleich vorweg - im Kino nicht funktioniert, weil im Kino das Gute eben oft nicht funktioniert und weil bei animierter Fantasy die älteren Jugendlichen aus Coolnessgründen wegbleiben, während die Eltern der Jüngeren besorgt sind, ob Action und Grusel bei ihren Kindern nicht spontan ADHS auslösen könnten.

In der Tat verlangt Regisseur Travis Knight seinen Zuschauern diesbezüglich ein bisschen was ab. Denn es gibt Monster, Riesenskelette und einiges mehr, und es sind keine Wesen aus der Kuschelecke der Zwielichtzone. Vor allem die bleichen Schwestern von Kubos Mutter habens in sich. Der mutige Kubo muss einen Fluch bannen, den er beim Geschichtenerzählen heraufbeschworen hat und dazu eine magische Rüstung finden. Vor allem aber muss er das Geheimnis um seine traumatisierte Mutter lösen. Zur Seite stehen ihm zwei zeternde Sidekicks und dazu der Charme vergangener Zeiten. Denn Kubo ist kein Computertrickstück, hier ist die altmodische Stopmotionmagie am Wirken, wenngleich sie nie so perfekt rüberkam wie hier.

Kubo - der tapfere Samurai Quelle: Universal

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