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Tipps Im Ballfieber
Sonntag Tipps & Kritik Tipps Im Ballfieber
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20:00 27.05.2016
Von Martina Sulner
Von unverbesserlich liebenden Fans bis zum in Mordfällen ermittelnden Premier-League-Trainer: Die Literatur rund um den Fußball boomt. Ein Blick auf Klassiker und Neuerscheinungen. Quelle: iStock
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Es ist dieser eine besondere Augenblick: "Ich liebe den Moment, wenn ich das Stadion betrete, um meinen Platz einzunehmen, und inmitten der Menge der Zuschauer die Betonstufen zu den Tribünen emporsteige, dann ins Freie trete und vor mir die stufenförmig angelegten Sitzreihen und darunter das absolute Grün des Spielfelds unter den mächtigen Flutlichtlampen erblicke."

Diese Begeisterung teilt der Autor Jean-Philippe Toussaint mit Millionen von Männern und Frauen, Jungen und Mädchen. Mit einer großen Zahl von ihnen verbindet den 58-Jährigen wohl auch die Erfahrung, dass der Traum von einer großen Fußballerkarriere irgendwann ausgeträumt ist – mit 13 Jahren betrachtete Jean-Philippe traurig den Türrahmen, der das elterliche Wohn- vom Speisezimmer trennte und der für ihn jahrelang als Tor hatte herhalten müssen.

Aus der Kickerkarriere wurde nichts, doch ist der in Brüssel geborene Toussaint mittlerweile ein weithin beachteter Autor geworden. Und zwar einer, der immer wieder über das Spiel schreibt, dem er verfallen ist, seit er ein kleiner Junge war. Schlicht "Fußball" heißt sein gerade erschienenes neues Buch. Toussaint befindet sich in guter Gesellschaft: Renommierte Literaten wie Javier Mariás und Tim Parks haben über die Liebe zu ihren Vereinen geschrieben; der Spanier Mariás über Real Madrid, der Brite, der schon lange in Italien lebt, über Hellas Verona.

Solidarität statt Konkurrenzgebaren

In den vergangenen Jahren sind unzählige Fußballbücher jeglicher Couleur und Qualität auf den Markt gekommen. Es gibt Autobiografien und Biografien, es gibt analytische Betrachtungen und Anthologien, Historien bedeutender oder einstmals bedeutender Vereine sowie unzählige Kinder- und Jugendbücher – etwa die Reihen über die "Wilden Fußballkerle", die "Fußball-Haie" oder die "Fußball-Elfen".

Der britische Bestsellerautor Philip Kerr ("Das Wittgensteinprogramm") hat im vergangenen Herbst eine Krimireihe gestartet, in der ein Ko-Trainer Mord und Totschlag in der englischen Premier League aufklärt. So ein Trainerjob lässt doch mehr Zeit für aufwendige Hobbys, als der gemeine Angestellte vermutet hätte.

Sammy Drechsels 1955 veröffentlichter Klassiker "Elf Freunde müsst ihr sein", im Untertitel: "Ein Fußballroman für die Jugend", beschwor Werte wie Loyalität und Freundschaft. Die Namen der Berliner Helden – Heini, Hermann, Fritz ... – mögen für heutige Ohren etwas veraltet klingen. Doch es macht nach wie vor den Charme dieses Buches aus, dass nicht Konkurrenzgebaren, sondern Solidarität beschworen wird. Das fühlt sich beim Lesen gut an.

Der Fan als großer Liebender

Der Erfolg der Kicker-Literatur hängt einfach damit zusammen, dass Fußball so viele Gefühle weckt – Freude, Aufregung, Enttäuschung, Rührung, aber auch Wut, ja, Hass. Dazu kommt ein fast schon kindlicher Glaube an das Unmögliche, das Fußballwunder: dass es an diesem Spieltag doch endlich mal klappen müsste mit dem Sieg.

Immer wieder geschehen solche Wunder auch unter Profibedingungen. Ein ums andere Mal jedoch wird diese Hoffnung zerstört und trotzdem bis zum nächsten Spieltag beschworen. Selbst abgebrühtere Charaktere können sich diesen magischen Mechanismen nicht entziehen.

Der Fan als großer, unverbesserlich Liebender, diese Figur gehört seit Nick Hornbys "Fever Pitch" (1992) zur Ausstattung moderner Sportromane. Allein in Deutschland hat sich die Geschichte eines FC-Arsenal-Fans mehrere Hunderttausend Mal verkauft. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch hat das Buch, das in frühen Auflagen noch den Titel "Ballfieber" trug, vor drei Jahren sogar neu übersetzen lassen. Eine Ehre, die sonst eher Charles Dickens und Jane Austen zuteilwird.

Die Suche nach der besseren Fußballzeit

"Fever Pitch" ist ein stilbildender Roman, sein Erfolg jedoch hat auch etwas mit der Haltung seines Protagonisten zu tun. "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch, und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden." Das holt den Leser bei einer Erfahrung ab, die er kennt. Die Möglichkeiten, sich wiederzuerkennen, sind immens.

Seit den frühen Neunzigerjahren haben sich das Fußballspiel und vor allem das Geschäft damit verändert: Beides ist schneller und internationaler geworden; es geht mittlerweile um Geldsummen, die vor einem Vierteljahrhundert nahezu unvorstellbar waren. Den Verbänden traut nach diversen Korruptionskrisen kaum noch einer über den Weg.

Doch die Fans, die sich irgendwann in jungen Jahren in irgendeinen Verein verliebt haben (wie Hornbys Icherzähler), die gibt es noch immer. Und manche von ihnen suchen gerade in der Literatur nach der vermeintlich besseren Fußballzeit vor der ganz großen Kommerzialisierung.

Auf den Markt kommt, was Umsatz verspricht

Das Geschäft mit Büchern ist – wie jedes Geschäft – letztlich ähnlich unromantisch wie das mit Fußball. Weniger ambitionierte Verlage drücken ohne Rücksicht auf Qualitätsfragen in den Markt, was Umsatz verspricht. Doch immer wieder tauchen Titel auf, die uns etwas über die Welt (nicht nur des Fußballs) erzählen und die uns Menschen nahe bringen.

In jüngerer Zeit ist das zum Beispiel "Spieltage" von Ronald Reng, Kolumnist dieser Zeitung. Das Buch, das den wechselvollen Werdegang des Spielers und Trainers Heinz Höher mit der Entwicklung der Bundesliga verknüpft, hat 2013 den NDR-Sachbuchpreis erhalten.

Das Verbindende einer Gesellschaft

Manchmal aber bildet Fußball auch die Folie, auf der wesentliche menschliche Themen erörtert werden: Jean-Philippe Toussaints Buch "Fußball" ist auch eine melancholische Reflexion über das Verrinnen der Zeit und darüber, dass man vielleicht erst noch die richtigen Worte finden muss, um die Bewegungen des Fußballs zu erfassen, um "seine Verzauberung zu streifen".

Eins aber steht fest: Ein Ende des Erfolgs solcher Fußballbücher ist nicht in Sicht. Erst recht nicht, da dieser Sport zum Verbindenden einer Gesellschaft geworden ist, die das Bedürfnis nach emotionalen Gemeinschaftserlebnissen nur selten befriedigen kann. Für den Herbst kündigt der Berliner Aufbau-Verlag einen neuen Fußballroman an, "Hool" von Nachwuchsautor Philipp Winkler. "Knallhart und voller Herz" heißt es in der Verlagsankündigung. Eben so, wie man sich ein Buch wünscht. Und manchmal auch ein Spiel.

Literatur rund um das runde Leder

Die Klassiker

Fritz Walter: "3:2 – Das Spiel ist aus!" (1954)
So ging Vermarktung früher: Der Fußballstar – oder sein Ghostwriter – schildert das legendäre Spiel. Der Start einer ganzen Reihe von Walter-Büchern.

Sammy Drechsel: "Elf Freunde müsst ihr sein. Ein Fußballroman für die Jugend" (1955)
Die charmant-nostalgische Geschichte fußballverrückter Jungen ist ein Klassiker unter den Jugendbüchern.

Nick Hornby: "Fever Pitch" (1992)
Das Leiden des jungen Arsenal-Fans wurde ein weltweiter Erfolg, übersetzt in 16 Sprachen. Immer wieder lesenswert, gerade in der Neuübersetzung von Ingo Herzke und mit einem Vorwort des Autors.

Thomas Brussig: "Leben bis Männer" (2001)
Monolog eines ehemaligen DDR-Trainers, der vor allem über sein Leben und den Werdegang seiner Spieler von "Tatkraft Börde" in der DDR reflektiert.

Detlev Claussen: "Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person" (2006)
Annäherung des Adorno-Spezialisten an den ungarischen Spieler und Trainer und die Entwicklung des Sports.

Ronald Reng: "Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga" (2013)
Das Auf und vor allem das Ab des Spielers und Trainers Heinz Höher verknüpft der Autor gekonnt mit der Entwicklung der Bundesliga.

Wiebke Porombka: "Der zwölfte Mann ist eine Frau. Mein unerhörtes Leben als Fußballfan" (2013)
Im Plauderton, doch sachkundig schildert die Autorin ihr Dasein als Werder-Bremen-Fan. Ein hartes Los.

Die Neuen

Jean-Philippe Toussaint: "Fußball" (Deutsch von Joachim Unseld, FVA, 125 Seiten, 17,90 Euro)
Kluge Betrachtungen über das Spiel, das Leben, den Tod – und wie ein Turnier unserem Leben einen Rhythmus gibt.

Winfried Stephan (Hg.): "Nicht schon wieder keine Tore. Geschichten und Gedichte rund um den Fußball" (Diogenes, 280 Seiten, 10 Euro)
Liebenswertes Sammelsurium von Geschichten, die man am besten häppchenweise liest.

Philip Kerr: "Die Hand Gottes" (Deutsch Von Hannes Meyer, Tropen, 397 Seiten, 14,95 Euro)
In seinem zweiten Fall muss Trainer und Hobby-Detektiv Scott Manson in Griechenland ermitteln: Erst stirbt einer seiner Spieler, dann ein Escortgirl.

Ralf Lorenzen/Jörg Marwedel: "Die Zukunft des Fußballs. Woher die nächsten Weltmeister kommen. Recherchen im System Jugendfußball" (KJM, 144 Seiten, 15 Euro)
Aufwendig recherchiert und informativ – nicht nur für Fußballeltern.

Bernd Pohlenz: "Herzrasen. Die Fußball-Lovestory" (Amazon Publishing, 275 Seiten, 9,99 Euro)
Romeo und Julia auf witzig: Sie (Anhängerin des FC Bayern München) verknallt sich in ihn (BVB-Fan). Die Liebe ist groß, die Verwandtschaft schockiert.

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