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Top-Thema Der Flugbegleiter
Sonntag Top-Thema Der Flugbegleiter
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20:06 07.10.2016
Von Daniel Behrendt
Faszinierende Skulpturen, die den Vogelflug einfangen: Die "Ornitografien" von Xavi Bou sollen Betrachtern die Wunder der Natur auf neue Art sichtbar machen. Quelle: Xavi Bou
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Es sind Bilder von sonderbarer, fast verstörender Schönheit. Einige der Gebilde, die sich in den Aufnahmen des Katalanen Xavi Bou durch den Himmel winden, muten an wie Raumschiffe – gefertigt von unbekannten Spezies in weit vor uns liegenden Jahrhunderten. Andere der Himmelserscheinungen sehen so filigran und zerbrechlich aus wie Origami, wieder andere so dynamisch wie eine ekstatische Tanzszene.

Nur bei wenigen Aufnahmen wird für das Auge des Betrachters offenkundig, welche Motive der Fotograf in seinen Bildern in Szene setzt: Es sind Vögel. Seit fünf Jahren verfolgt Bou, der eigentlich Modefotograf ist, sein Projekt "Ornitografies", das einen hochpoetischen Kontrapunkt zum gängigen Realismus in der Wildlife-Fotografie setzt.

Das Flugbild einer Mittelmeermöwe, fotografiert von Xavi Bou. Quelle: Xavi Bou

Xavi Bou, woher kommt Ihre Liebe zu Vögeln?
Die begleitet mich nun schon ein Leben lang. Bereits als kleines Kind habe ich mit meinem Großvater ausgedehnte Wanderungen durch das Llobregat-Delta gemacht. Dort, wo Kataloniens zweitlängster Fluss in das Mittelmeer mündet, befindet sich eines der beeindruckendsten Vogelparadiese Europas. Es liegt auf der Migrationsroute der Zugvögel von Nordeuropa nach Afrika. Mehr als 350 teils äußerst seltene Vogelarten besuchen diese wunderschöne Moorlandschaft über das Jahr – und mein Großvater erkannte sie fast alle, allein schon an ihren Rufen und ihrem Flugbild. Für mich ist das Llobregat-Delta seit jeher eine Art Abenteuerspielplatz, ein Ort, an dem man immer wieder Neues entdeckt, egal wie oft man wiederkommt. Ich verbringe heute viele meiner Wochenenden in dieser atemberaubenden Landschaft. Die frühe, von meinem Großvater vermittelte Liebe zur Natur hat sicher auch dazu geführt, dass ich zunächst Geologie studiert habe, ehe ich Fotograf wurde.

Ihre Kindheitserfahrungen erklären Ihre Zuneigung zur Natur und zu Vögeln. Wie lassen sich Ihre außergewöhnlichen, von den üblichen Standards der Naturfotografie stark abweichenden "Ornitografien" erklären?
Normalerweise sehen wir den Vogelflug als ein flüchtiges Geschehen. Wir ahnen zwar, dass viele Vögel ausgesprochen kunstvolle Flugmanöver vollführen, aber wir sehen sie nicht wirklich. Üblicherweise zielen Wildlife-Fotografen darauf ab, Vögel in Bewegung absolut knackscharf abzubilden. Sie wählen ultraschnelle Verschlusszeiten und frieren Augenblicke im Bereich von einigen Tausendstelsekunden ein. Mein Wunsch ist es hingegen, die komplette Flugbahn sichtbar zu machen, sozusagen die ganze Geschichte in einem einzigen Bild zu erzählen.

Das fotografische Verfahren, das Sie dafür wählen, ist fast 150 Jahre alt: Weil es damals noch kein filmisches Bewegtbild gab, versuchten frühe Lichtbildner, Bewegungen mittels Chronofotografie sichtbar zu machen: einer Serie von schnell nacheinander geschossenen Einzelbildern, die nach dem Daumenkino-Prinzip abgespielt wurden und dem Motiv so Leben einhauchten. Was reizt Sie an dieser uralten Methode?
Es stimmt schon: Meine "Ornitografien" sind Chronofotografien, weil sie wie ihre historischen Vorläufer auf Serienaufnahmen basieren. Aber sie laufen dennoch auf das Gegenteil hinaus: Während Fotopioniere wie Eadweard Muybridge oder Albert Londe statische Bilder in Bewegung versetzten, geht es mir darum, nicht die Bewegung selbst, sondern ihre Spur zu zeigen. Ich will sichtbar machen, was man sonst nicht sieht: eine klar konturierte Form, gewissermaßen eine Skulptur, die aus dem Vogelflug resultiert.

Andere Vögel, andere Formen: die Spuren einer Gruppe Mauersegler auf Futterjagd in der Dämmerung. Quelle: Xavi Bou

Erzeugt jede Vogelart eine andere Form?
Definitiv. Allein schon die Anzahl der Flügelschläge im Verhältnis zu den Gleitphasen differiert von Art zu Art. Im fertigen Bild entsteht aus diesem spezifischen Rhythmus von Bewegung und Verharren eine kurvige Form. Jede Vogelart erzeugt ihre ganz spezifische Kurve. Ein Freund von mir, der sehr viel Ahnung von Musik hat, dachte beim Anschauen der Bilder übrigens gleich an Sinuskurven. Er hat einige der Vogelkurven spaßeshalber in eine Software eingespeist, die solche Kurven akustisch ausgeben kann. Das Verrückte ist, dass dabei gruselige, knarrend-dumpfe Sounds herauskommen. Endzeitklänge, die nicht so recht zur Schönheit ihrer Ausgangsbilder passen wollen. Ich finde das einen faszinierenden Kontrast und nutze den Widerspruch zwischen Bild und Klang inzwischen auch regelmäßig für meine Präsentationen.

Wie viele Bilder müssen Sie aufnehmen und am Computer übereinanderlegen, um eine Ihrer "Skulpturen" zu produzieren?
Das hängt sehr von der Geschwindigkeit des Vogels und der Dauer einer Flugphase ab. Grob gesagt: etwa 100 bis 600 Einzelbilder.

Welcher Vogel malt die schönsten Formen in den Himmel?
Das kann ich unmöglich sagen. Ich finde, sie sind allesamt grandiose Flugkünstler. Einen grundsätzlichen Unterschied macht es aber, ob man einzelne Vögel oder Schwärme fotografiert. Schwärme produzieren eine ganz andere Ästhetik. Das Ergebnis ist nicht so sehr skulptural, sondern eher grafisch. Es erinnert an Zeichnungen. Manche dieser Grafiken sind enorm präzise, bestehen aus nahezu parallel verlaufenden Linien, so, als würden die Vögel von geheimer Hand ferngesteuert. Andere dieser grafischen Bilder wiederum wirken so leicht und beschwingt wie eine chinesische Kalligrafie. Und wenn die Vögel im Kreis fliegen, entsteht mitunter eine Zeichnung mit der Kraft und Dynamik eines Wirbelsturms.

Mit der Dynamik eines Wirbelsturms: ein Schwarm Alpenkrähen nebst Strommast. Quelle: Xavi Bou

Ist es technisch besonders anspruchsvoll, "Ornitografien" anzufertigen?
Es ist zumindest nicht ganz trivial. Mitunter dauert das Fotografieren der Serie einige Sekunden, in dieser Zeit muss die Kamera absolut erschütterungsfrei auf dem Stativ stehen, weil man kleinste Verschiebungen in der fertigen Montage sofort bemerken würde. Die gestalterischen Ansprüche sind aber weit höher. Am Anfang des Projekts habe ich mich vor allem auf die Vögel und ein interessantes Flugbild konzentriert. Heute sind für mich auch der Hintergrund, die Farben und das Licht zentral. Diese Elemente, obwohl nicht das Hauptmotiv, entscheiden stark über die Atmosphäre des Bildes.

Sind Ihre Bilder aus wissenschaftlicher Sicht interessant?
Nein. Denn der wissenschaftliche Blick seziert alles minutiös. Er interessiert sich für den exakten Ablauf der Bewegungen, für das Detail. Technisch gibt es heute so fantastische Möglichkeiten wie die Slow-Motion-Fotografie, um die feinsten Bewegungsabläufe sichtbar zu machen. Aber darum geht es mir nicht. Ich will nichts analysieren oder erklären. Ich sehe mich eher als Verklärer. Ich will die Menschen verzaubern und sie zur Achtsamkeit gegenüber der Natur bewegen. Ich wünsche mir, dass sie die Natur als das große, faszinierende Geheimnis wahrnehmen, das mein Großvater mir früher eröffnet hat.

Ihren Lebensunterhalt bestreiten Sie vor allem als Modefotograf. Kann es etwas geben, das weiter von der Natur entfernt ist?
Keineswegs. In beiden Fällen geht es mir um Schönheit. Vor allem um die Schönheit, die nicht offenkundig, nicht Klischee ist. Diese Art von Schönheit, die Geduld verlangt und vom Betrachter einen zweiten, genaueren Blick fordert, ist letztlich das wichtigste Merkmal aller guten Fotografie. Ganz gleich, welchem Genre sie sich widmet.

Interview von Daniel Behrendt

Zur Person

Mode als Broterwerb, Natur als Passion: Xavi Bou Quelle: privat

Xavi Bou wurde 1979 in Barcelona geboren. Er studierte Geologie an der Universität Barcelona und absolvierte ein dreijähriges Fotografiestudium an der Grisart Escuela Internacional de Fotografía. Danach unterrichtete Bou für einige Jahre an der renommierten Fotoschule Bildbearbeitung. Seinen Lebensunterhalt verdient der Katalane mit Mode-, Schmuck- und Lifestylefotografie.

Seine eigentliche Leidenschaft gilt indes seinen "Ornitografien". Die meisten Wochenenden verbringt Bou im Llobregat-Delta, einem der reichsten Vogelparadiese Europas. Seit Kurzem erfreuen sich Bous Fotografien großer Aufmerksamkeit, er ist also längst kein Geheimtipp mehr. Auf eine größere Ausstellung wartet Bou allerdings noch.

Die Jagd nach dem flüchtigen Augenblick

Als der Tüftler Joseph Nicéphore Niépce 1826 die erste Fotografie der Geschichte erstellte, war nicht einmal absehbar, dass es schon einige Jahrzehnte später möglich sein würde, Bewegungsabläufe fotografisch darzustellen. Niépces erstes Foto – es zeigt den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf einen tristen Hinterhof – hatte eine Belichtungszeit von acht Stunden und war obendrein extrem unscharf.

Um Bewegungungen festzuhalten, mussten erst die technischen Vorraussetzungen geschaffen werden: schnelle Kameraverschlüsse und Filmmaterial, das weitaus lichtempfindlicher war als etwa die silberbeschichteten Glasplatten der fotografischen Frühzeit. Ab etwa 1870 waren erste Schnappschüsse möglich, lebensechte Fotos, die ohne längeres Stillhalten der Porträtierten möglich waren.

Mittels aufwendiger Konstruktionen wurde in dieser Zeit auch die Herausforderung der Serienfotografie in Angriff genommen. Dem britischen Fotografen Eadweard Muybridge gelang es mittels zwölf in Reihe geschalteten Kameras, ein vorübergaloppierendes Pferd aufzunehmen und den ersten sichtbaren Beweis dafür zu schaffen, dass sich während des Galopps zeitweise alle vier Beine des Pferdes gleichzeitig in der Luft befinden.

Zwölf auf einen Streich: Eadweard Muybridge gelang 1878 eine Bilderserie eines Pferdes in Bewegung – und damit der erste Film der Geschichte. Quelle: Eadweard Muybridge

Ein Verfahren, das alsbald als Chronofotografie in die Geschichte einging. Mittels einer rotierenden Bildertrommel, dem Zoopraxiskop, gelang es Muybridge, die Bilder als bewegte Abfolge zu projizieren – und so das Kino zu erfinden.

Heute sind die Möglichkeiten, Bewegung mittels fotografischer Verfahren einzufangen, nahezu unerschöpflich – und mit weniger aufwendiger Ausrüstung realisierbar. Schon handelsübliche Consumer-Systemkameras erlauben Verschlusszeiten von 1/32 000 Sekunde und Serienbildgeschwindigkeiten von einigen Dutzend Einzelbildern pro Sekunde – bei herabgesetzter Auflösung mitunter sogar einigen Hundert oder Tausend Bildern.

Derart hohe Bildraten erlauben es, selbst flüchtigste Bewegungen in einem Bild einzufrieren oder sie dem Auge als Slow-Motion-Film zugänglich zu machen. So kann etwa das Zerplatzen eines Luftballons auf einige Sekunden Dauer gedehnt und in allen Details sichtbar gemacht werden.

Auch im Bereich des Tierfilms ermöglichen die fortschrittlichen Techniken der Bewegungserfassung verblüffend neue Seherfahrungen. So wurden Passagen des 2012 veröffentlichten Kinoerfolges "More Than Honey" – er widmet sich dem globalen Bienensterben – in leichter Slow Motion gedreht, um die rasant umherschwirrenden Bienen in der Luft überhaupt als solche sichtbar zu machen.

Fotografie mit Lichtgeschwindigkeit

In der Wissenschaft sind noch weitaus schnellere Bilderserien möglich. Eine am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte Zeitlupenkamera nimmt etwa eine Billion Bilder pro Sekunde auf und kann selbst die Ausbreitung von Licht in Zeitlupe zeigen.

In Zeiten, in denen Fotografie buchstäblich Lichtgeschwindigkeit erreicht, ist die Jagd nach dem immer detaillierteren Blick auf die Bewegung allerdings kaum noch ein Ansporn für technische Weiterentwicklungen. Der Katalane Xavi Bou wählt dementsprechend einen entgegengesetzten Weg: weg von der entzerrten hin zur verdichteten Zeit.

Indem er Hunderte Einzelaufnahmen einer Serie übereinandermontiert, materialisiert sich ein komplexer Bewegungsablauf in einem einzigen Bild und gerinnt zu einer festen Form. In gewisser Hinsicht ist Bous Hochgeschwindigkeitsfotografie Erstarrung – und damit letztlich eine radikale Form der Entschleunigung.

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