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Top-Thema Die Familie wählt mit
Sonntag Top-Thema Die Familie wählt mit
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20:06 23.09.2016
Von Stefan Koch
Vergleichbare Leben, komplett verschiedene politische Überzeugungen: Der US-Wahlkampf spaltet die Gesellschaft. Ein Hausbesuch bei überzeugten Trump-Fans und Clinton-Anhängern auf dem Lande. Quelle: Montage: RND / Fotolia / afp
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Wer sich jemals fragte, wie der amerikanische Traum im 21. Jahrhundert aussehen könnte, wird vielleicht hier fündig, wenige Meilen von der Route 50 entfernt. Nach kurvenreicher Fahrt über die Hügel West Virginias öffnet sich das Tal entlang des North River. Sanft streicht der Wind über das Gras, sattes Grün in allen Schattierungen. An den wilden Sprüngen der Fohlen lässt sich ablesen, wie wohl sich die Herde in diesem Naturparadies fühlt.

Die zwei Dutzend Tiere, die von der schmalen Zufahrtsstraße aus zu sehen sind, gehören zur Pferdezucht der Familie Schmitt. Inmitten von weitläufigen Koppeln liegt idyllisch das Wohnhaus der Schmitts, drum herum eine Reithalle, zwei Pferdeställe, kleinere Wirtschaftsgebäude. Der Wahlkampf scheint unendlich weit weg von der 100 Hektar großen Farm in der kleinen Landgemeinde Augusta. Doch die Schmitts verfolgen mit Leidenschaft die Debatten – und setzen alles auf die demokratische Kandidatin.

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Demokraten im Republikanerland: Die idyllische Farm der Schmitts in den Hügeln West Virginias. Quelle: Matthew D'Agostino

Ein hohes, schweres Eisentor vermittelt den Eindruck, dass Fremde nicht willkommen sind. Auch die zwei großen Hunde, die jeden Besucher laut bellend den langen Weg vom Tor bis zu den Stallungen begleiten, wirken nicht eben einladend. Das freundliche Lächeln von Katrina Schmitt immerhin vertreibt alle Zweifel.

Fast beiläufig begrüßt die junge Frau den Gast, dann widmet sie sich wieder der Stallarbeit. Sie beschlägt die Hufe einer Stute. Ihre schmale Figur versinkt in der groben Lederschürze, die ihr von der Brust bis über die Knie reicht. Mit geübtem Griff winkelt sie das Vorderbein des Tieres an und schlägt mit einem Hammer die Nägel durch das neue Eisen.

Die 32-Jährige ist Pferdewirtin und mit den Aufgaben im Stall seit frühester Kindheit vertraut. Sie eilt zwischen dem Pferd und der kleinen Schmiede hin und her, um dem nächsten Eisen die richtige Form zu geben. Die Hammerschläge dröhnen. Katrinas Schwester Alyssa hält die Stute am Zaumzeug, spricht beruhigend auf sie ein.

"Es ist Zeit für eine Frau im Oval Office"

Trotz der schweren Arbeit wollen die beiden Frauen gleich hier und jetzt über den Wahlkampf sprechen. "Ich bin so erschüttert, was man bei all diesen Debatten so hört", sagt Alyssa. Ihre Schwester Katrina wirft ein: "Bei der Wahl geht es doch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen." Und da verkörpere der republikanische Kandidat Donald Trump eindeutig eine rückwärtsgewandte Politik. "Dieser Mann will Amerika wieder groß machen? Was meint er damit? Vielleicht so wie zu Zeiten des Irak-Kriegs oder des Vietnam-Kriegs? Niemand weiß es."

Und dann all die Beleidigungen gegen Muslime, Frauen und Behinderte. Unerträglich. Dagegen stehe Hillary Clinton für eine nach vorn gerichtete Politik. Überhaupt: "Es ist doch höchste Zeit für eine Frau im Oval Office", so Katrina. Frauenrechte und Feminismus sind Katrina wichtig.

Wer Katrina beim Beschlagen der Hufe beobachtet, fühlt sich erinnert an das alte Amerika der Farmer und Ranchers und Cowboys – wären da nicht das Smartphone in ihrer Hosentasche, die Gehörschutzkapseln auf ihren Ohren, die lilafarbene Basketballkappe. Der Pferdehof mag romantisch erscheinen, doch dahinter steht ein genau kalkuliertes Geschäftsmodell. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, ihrem 26-jährigen Bruder Nikolaus und ihren Eltern Heidi und Thomas betreibt Katrina die Farm, die nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen benannt ist – T.H.A.N.K.S.

Demokraten unter sich: Alyssa, Katrina, Heide, Thomas und Nikolaus Schmitt (v. l.). Quelle: Matthew D'Agostino

Erst vor einem halben Jahr ist der Familienbetrieb mit 84 Pferden und Ponys von Carlock in Illinois nach Augusta übergesiedelt. Man wollte den zahlungskräftigen Kunden an der Ostküste näher sein. Der regelmäßige Kontakt ist ihnen wichtig, da sie relativ neu im Geschäft sind. "Das Ganze hat sich eher zufällig entwickelt", sagt Katrinas Mutter Heidi. Als begeisterte Reiterin führte sie ihre Kinder von klein auf an die Welt der Pferde heran. Auch später, als sie Katrina, Alyssa und Nikolaus zu Hause unterrichtete, blieb die Beschäftigung mit den Pferden ein selbstverständlicher Teil des Alltags – und wurde von ihren Töchtern schließlich mit großem Engagement ausgebaut.

Die endgültige Entscheidung zur Gründung eines eigenen Betriebs fiel, als Vater Thomas 2003 vorzeitig in den Ruhestand ging. Über viele Jahre war er als Handwerker an einer Universität angestellt, nun wollte die Familie gemeinsam das Hobby zum Beruf entwickeln. "Der Traum von der Selbstständigkeit spornt mich an, auch wenn es nicht einfach ist", sagt Thomas Schmitt. Auch heute noch, mit 65 Jahren, sei er von früh bis spät auf den Beinen. Pferde zu züchten heißt: Tag für Tag die Vierbeiner versorgen, mitten in der Nacht bei der Geburt eines Fohlens helfen, Stallungen und Kilometer von Weidezäunen intakt halten.

Trotzdem verfolgt Thomas das Geschehen in Washington mit großem Interesse: "Wir sind nur zwei Stunden vom Zentrum der Macht entfernt. Das ist doch spannend." Es ist ihm allerdings ein Rätsel, wie es zu der enormen Polarisierung im Land kommen konnte. Und dem Zuspruch für Trump: "Wollen wir uns ernsthaft einem Mann anvertrauen, der Amerika abschotten will und unsere Partner in Übersee verprellt?"

Hoffen auf stabile Wirtschaftslage

Dass die Mehrheit der Wirtschaftsexperten vor den trumpschen Forderungen warnt, bereite ihm Kopfzerbrechen: "Wir brauchen ein gutes Umfeld, damit die Farm floriert." Ohnehin sei die geschäftliche Seite des Betriebs eine besondere Herausforderung, da sie nicht alles dem Profitdenken unterordnen wollen: Die Familie züchtet die Tiere nicht nur, sie reitet sie auch zu – und sucht geduldig den richtigen Besitzer für das jeweilige Pferd. "Jedes Tier besitzt seinen eigenen Charakter. Der Verkauf ist nur sinnvoll, wenn Pferd und Reiter eine Einheit bilden", sagt Katrina.

Die Begeisterung wird nur gedämpft durch die hohen Kredite, die auf den Schmitts lasten. Für die neue Farm in West Virginia haben sie im vergangenen Jahr umgerechnet rund eine Million Euro bezahlt. Ihnen allen ist bewusst, dass die Schulden viele Jahre wie ein Schatten über dem Tal hängen werden. Heidi, die sich mit der Buchführung beschäftigt und nebenbei als Finanzberaterin tätig ist, mahnt: "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis alles rund läuft."

Sie hofft inständig, dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage in den USA weiter verbessert und damit die Zahl der Pferdebesitzer steigt. Denn wer ein Pferd anschaffe, leiste sich letztlich ein Luxusgut. "Wenn die Volkswirtschaft schwächelt, bekommen es die Züchter sofort zu spüren." Die 61-Jährige kann es daher nicht nachvollziehen, dass Donald Trump ausgerechnet in ländlichen Gebieten eine so große Anhängerschaft besitzt – ein Mann, der noch nie ein politisches Amt innehatte und dem als Erben eines reichen Vaters die Sorgen und Nöte kleiner Gewerbetreibender eher fremd sind.

Ländliche Region, zwei Stunden vom Zentrum der Macht entfernt: West Virginia profitiert wirtschaftlich von der Strahlkraft Washingtons.

Seine Thesen zur Wirtschaftspolitik ließen nichts Gutes ahnen: "Wer an der Spitze des Landes steht, sollte besser auf das höchste Staatsamt vorbereitet sein." Dagegen sei Clinton berechenbar und erfolgversprechender. Heidi räumt ein, dass ihre Wahlentscheidung zum Teil von ihrer Herkunft beeinflusst ist: "Auch meine Eltern haben immer für die Demokraten gestimmt." Für die Finanzexpertin steht fest: "Wir investieren viel, wir gehen Risiken ein, und wir setzen darauf, dass sich Amerika weiterhin gut entwickelt."

Da klingt sie eher wie eine typische Geschäftsfrau, die sich niedrige Steuern wünscht. Tatsächlich aber sorgt sich Heidi vor allem um die scharfen Töne im Wahlkampf: "Wir müssen aufpassen, dass sich unsere Gesellschaft nicht allzu sehr spaltet." Hier in West Virginia, einer Hochburg der Trump-Anhänger, halte sie sich mit ihrer Meinung in der Öffentlichkeit zurück: "Wir orientieren uns an dem alten Grundsatz, nicht über Religion oder Politik zu sprechen. Wir sind schließlich Geschäftsleute." Ein pragmatischer Ansatz, den ihre Kinder allerdings nicht so ohne Weiteres teilen.

Nikolaus kommt auf die Einwanderungspolitik zu sprechen: "Trump kann doch nicht unzählige Menschen deportieren lassen." Für die etwa zwölf Millionen Menschen, die ohne gültige Papiere in den USA leben, müsste dringend eine seriöse Lösung gefunden werden. Die Frage des Umgangs mit illegalen Zuwanderern bewegt auch seinen Vater: "Fast alle Amerikaner sind Immigranten oder Kinder von Immigranten." Seine eigenen Vorfahren seien im Jahr 1820 vom Rheinland in die neue Welt aufgebrochen. "Amerika war und ist eine Hoffnung für Menschen aus aller Welt", sagt Schmitt senior. Das soll auch so bleiben.

Geschlossen hinter Trump

Wer sich jemals fragte, wie der amerikanische Traum im 21. Jahrhundert aussehen könnte, wird aber vielleicht auch hier fündig, direkt an der vielbefahrenen Route 50. Auf der Anhöhe von Augusta liegt eine Raststätte. In der spätsommerlichen Hitze flimmert der dunkle Teer fast bläulich. Lastwagenfahrer legen an den zwei Esstischen vor dem Schnellrestaurant eine kurze Pause ein. Sie wissen, dass sie hier gut versorgt werden: Die Raststätte in Augusta gehört zum Imperium der Bohrers – einer alteingesessenen Familie, die eng an der Seite der Republikanischen Partei steht.

Die Bohrers verkaufen alles, Lebensmittel wie Jagdflinten. Unmittelbar neben der Tankstelle  lädt eine Pizzeria zum Essen ein, weiter unten im Tal öffnete vor zwei Jahren ein gut sortierter Baumarkt seine Türen. Nur die Einheimischen wissen, dass die Läden alle in der Hand einer Großfamilie liegen.

Republikaner unter sich: Matriarchin Marianne, Donna, Priscilla, Debra (vorn), Keith und Gregory Bohrer. Quelle: Matthew D'Agostino

Im Baumarkt Hometown Solutions ist Keith Bohrer der erste Ansprechpartner, wenn es um die richtige Auswahl von Motorsägen, Rasenmähern und Akkuschraubern geht. Der Kunde spürt, dass der 28-Jährige mit Herzblut bei der Sache ist. Der Mann mit den dunkelblonden Haaren und dem freundlichen Lächeln will nicht nur irgendeine Ware an den Mann bringen, er strebt eine langfristige Beziehung zu seinen Kunden an.

So fragt er genau nach, für welche Arbeiten die neuen Werkzeuge eingesetzt werden sollen und was in Zukunft noch so alles ansteht. "Die meisten Leute, die bei uns einkaufen, kennen wir schon seit Jahren. Wir betrachten sie als Partner, von denen wir auch gern Anregungen annehmen", sagt Keith.

Da wird viel geplauscht im Geschäft. Auch über Politik. Zurückhaltung kennt der junge Mann nicht. Er weiß, dass seine Familie und die Mehrheit seiner Kunden einer Meinung sind: Wählbar ist allein Donald Trump. Wie selbstverständlich verkaufen die Bohrers am Tresen knallrote Kappen mit dem Schriftzug "Make America Great Again" und diverse Trump-Buttons: "Wir brauchen endlich wieder eine Aufbruchstimmung im Land. Und dafür steht allein Donald Trump."

"Waffenbesitz ist Teil unserer Kultur"

Der Juniorchef, Jahrgang 1988, ärgert sich vor allem über den gegenwärtigen Amtsinhaber: "Ich würde mich freuen, wenn Trump die Politik von Barack Obama zurücknimmt." Als erstes Beispiel nennt Keith die umstrittene Reform der Krankenversicherung, "Obamacare". Er sei jung und gesund, da brauche er keine Krankenversicherung: "Weil die Krankenkassen jetzt jeden versichern müssen, sind die Beiträge drastisch gestiegen. Das Geld spare ich mir lieber." Stattdessen verhandelt er im Fall des Falles mit dem Arzt oder dem Krankenhaus über den Preis der Behandlung.

Die Bohrers genießen in Augusta und Umgebung einen guten Ruf. Sie sind seit mehreren Generationen verwurzelt in der ländlichen Region, betreiben kleinere Unternehmen. Ein mehrwöchiger Urlaub oder nur freie Wochenenden sind ihnen fremd. Die Familie ist generationsübergreifend ins Geschäftsleben eingebunden: In der Pizzeria steht Keiths Tante Debra hinter dem Tresen, im Obergeschoss des Tankstellengebäudes liegt das Büro von Keiths Vater Gregory.

Zusammen mit seinem Bruder William wiederum besitzt Gregory die Lizenz der Bundesbehörden zum Waffenverkauf. In der waldreichen Region rund um Augusta, in der es mehrere öffentliche Jagdgebiete gibt, ist Gregory ein gefragter Mann: "Das Jagen und der Waffenbesitz sind Teil unserer Kultur." Im Herbst den Hirschen und Schwarzbären in den Appalachen nachzustellen ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung – und in vielen Familien ist Wildbret eine willkommene Abwechselung, die zudem die Haushaltskasse schont. Kein Wunder, dass man hier von einer Verschärfung des Waffenrechts nicht viel hält.

Die Familie Bohrer verkauft in Augusta alles: Milch, Benzin, Akkuschrauber und Jagdgewehre. Quelle: Matthew D'Agostino

Scherzhaft und mit einem breiten Lachen sagt Gregory, dass Demokraten in Augusta nicht geduldet werden. Als er davon hört, dass kürzlich eine Familie aus Illinois in die Nachbarschaft zog, die Hillary Clinton unterstützt, rudert der Geschäftsmann zurück: "Die Leute sind uns selbstverständlich willkommen. Wir sind ein freies Land, jeder kann hier wählen, wen er will."

Natürlich weiß auch Bohrer senior, dass sich die breite Mehrheit von Demokraten und Republikanern in vielen politischen Fragen letztlich einig ist. In beiden Parteien fordern die wenigsten, das Waffen- oder Jagdrecht ernsthaft einzuschränken, die Steuern spürbar zu erhöhen oder das Militär drastisch zu verkleinern. Gestritten wird eher über Feinheiten.

In etwas versöhnlicherem Ton versucht der Familienvater zu erklären, warum die Spaltung trotzdem so tief geht: Die Stimmung in West Virginia sei vor 20 Jahren wesentlich besser gewesen. Damals habe es deutlich mehr produzierende Betriebe gegeben, und die jungen Leute hätten nach dem Abschluss der High School in der näheren Umgebung einen Job gefunden.

Hoffen auf mehr Industriearbeitsplätze

Besonders der Kohlebergbau im Süden des Bundesstaates habe eine Menge Geld in die Region gespült. "Aber schauen Sie sich heute doch mal um. Gut bezahlte Jobs werden hier immer seltener. Wie sollen die Leute ihre Hauskredite abbezahlen?" Von Trump versprechen sich die Bohrers eine Kehrtwende. Er, glauben sie, wird die Industriearbeitsplätze wieder zurückbringen.

Die steigenden Kosten für die Krankenversicherung sind auch für Gregorys Schwester Debra ein wichtiger Aspekt bei der Wahlentscheidung: "Washington sollte nicht das Recht haben, uns eine Versicherung aufzuzwingen. Bevor sich Obama in die Angelegenheit einmischte, lagen meine Beiträge deutlich niedriger." Von einem Präsidenten Trump verspricht sich Debra die Rücknahme der neuen Versicherungsregeln, niedrigere Steuern und mehr Arbeitsplätze. Ohnehin sei es nicht die Aufgabe der Bundesregierung, sich in die Angelegenheiten der Staaten einzumischen: "Die sollen sich um die Außenpolitik kümmern, das reicht."

Die resolute Mittfünfzigerin steht seit Jahren in der Küche der Pizzeria und kennt die Vorlieben ihrer Gäste, sowohl beim Essen als auch in der Politik. Die Enttäuschung über acht Jahre Obama-Politik ist ihrer Meinung nach mit Händen zu greifen: "Unsere Leute müssen kämpfen, um im Alltag zu bestehen." Die Stundenlöhne seien miserabel, die Kosten für die Lebensmittel stiegen.

"Trump allein steht für den Aufbruch": Die Wirtschaftskrise hat West Virginia zugesetzt, doch es geht wieder bergauf. Trotzdem ärgern sich viele Einwohner über die Politik Barack Obamas. Quelle: Matthew D'Agostino

Keith hört seiner Tante mit nachdenklichem Blick zu. Der Geschäftsmann, der regelmäßig in Debras Pizzeria zu Mittag isst, sieht die wirtschaftliche Lage in seiner Heimat nicht ganz so düster: "Die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 traf alle schwer. Aber Stück für Stück geht es wieder bergauf." Eine positive Grundstimmung sei auch in Augusta zu spüren: "Das Weiße Haus liegt zwei Autostunden von uns entfernt. Die Verwaltung wirkt wie ein Jobmotor und lässt die Großraumregion Washington rasant wachsen."

Immer mehr Angestellte, die in Washington arbeiten, wohnten in Leesburg und Winchester. Die beiden aufstrebenden Städte im Norden des Nachbarbundesstaates Virginia seien wiederum schnell von Augusta aus zu erreichen. "Bei uns geht es langsam aufwärts, auch dank der Wochenendgäste aus der Hauptstadt, die immer häufiger zu uns kommen", meint Keith.

An diesem Vormittag bereitet er das jährliche Sommerfest vor. Es gibt Hotdogs und Softdrinks gratis, dazu eine kleine Hüpfburg für Kinder. Keith eilt ins Lager, schleppt kistenweise Getränke hinaus, rückt Tische, Bänke und Sonnenschirme zurecht und versucht gemeinsam mit drei Mitarbeitern, dem riesigen Parkplatz vor dem Baumarkt zumindest den Anstrich von Gemütlichkeit zu geben. Schon zur Mittagszeit stehen Dutzende Kunden Schlange vor dem Bratwurststand, holen sich Getränke aus den Tiefkühlboxen und begutachten die Sonderangebote. Die Leute kommen gern, wenn die Bohrers einladen.

"Immigranten müssen sich an unsere Regeln halten"

Senior Gregory schlägt einen Bogen von den hohen Zuzugszahlen an der Ostküste zur Einwanderung. Er wisse selbstverständlich, dass Zuwanderung und Wirtschaftswachstum eng miteinander verknüpft seien, sagt der 52-Jährige. Amerika sei immer ein Land gewesen, das fremde Menschen willkommen geheißen habe. "Aber die Immigranten müssen sich an unsere Regeln halten", hebt Gregory hervor.

Seine Vorfahren väterlicherseits seien vor knapp 200 Jahren aus Deutschland in die Neue Welt aufgebrochen, seine Mutter kam in den Nachkriegsjahren aus Stuttgart in die USA. "Sie alle", sagt Bohrer senior, "sind den offiziellen Weg gegangen." Das solle auch in Zukunft so bleiben.

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