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Top-Thema Die neuen Diener
Sonntag Top-Thema Die neuen Diener
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20:06 07.10.2016
Von Daniel Behrendt
Wer kann, lässt putzen, liefern und organisieren: Was einst dem Adel vorbehalten war, leistet sich heute auch die Mittelschicht. Anonyme, lautlose Heinzelmännchenjobs ohne Perspektive sind die Folge. Quelle: RND / iStock
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Die meditative Kraft des Putzens hat sich offenbar noch nicht genug herumgesprochen. Zwar mangelt es nicht an einschlägigen Publikationen, die Titel tragen wie "Die Kunst des achtsamen Putzens". Doch den Drang, selbst zum Wischmopp zu greifen, können auch pseudophilosophische Ratgeber zur häuslichen Reinlichkeit nicht wirklich entfachen. Eine Forsa-Umfrage brachte kürzlich ans Licht, dass die eigentlich als sauberkeitsversessen geltenden Deutschen doch eher ein Volk von Putzmuffeln sind.

Womöglich auch, weil immer mehr Menschen kaum noch Zeit zum Putzen haben. Vor allem nicht im Mittelschichtsmilieu, das zunehmend von Doppelverdienerhaushalten geprägt ist. Mehr als zwei Drittel der Deutschen finden es inzwischen erstrebenswert, wenn beide Partner arbeiten. So stehen immer mehr Paare vor der Herausforderung, unterschiedliche Lebenssphären unter einen Hut zu bekommen: die Karriere, die Kinder, den Sport und nebenbei noch das Alltagseinerlei wie Einkaufen, Kochen, Wäschewaschen und Müllentsorgen.

Ganz zum Schluss, irgendwann zwischen Mitternacht und Erschöpfungskollaps, ist womöglich noch Luft für ein Glas Wein, ein Buch oder eine Serienfolge. Kein Wunder, dass Zeitnot von berufstätigen Eltern laut einer AOK-Studie als größter Stressfaktor empfunden wird.

Die neue Klassengesellschaft

Kein Wunder auch, dass sich die Gestressten Freiraum erkaufen, indem sie sich einen Teil ihrer Verpflichtungen von Haushaltshilfen, Babysittern, Lieferanten und anderen Dienstleistern abnehmen lassen. Die meisten von ihnen sind geringfügig beschäftigt, viele schwarz.

Rund 250 000 Haushaltshilfen sind bei der Minijob-Zentrale angemeldet, doch Arbeitsmarktexperten schätzen ihre tatsächliche Zahl auf rund vier Millionen. Was nicht nur erahnen lässt, welche Blüten die Schattenwirtschaft treibt, sondern auch zeigt, wie viele Mittelschichtsvertreter angesichts ihres strammen Aufgabenpensums nach Entlastung suchen.

Ist es angemessen, von einer neuen Klassengesellschaft zu sprechen, von einer Rückkehr der Diener? Das jedenfalls tut Christoph Bartmann in seinem jüngsten Essay, das genau so heißt: "Die Rückkehr der Diener" (Carl Hanser Verlag). Kaum ein Sachbuch hat in den vergangenen Wochen derart viel Aufmerksamkeit bekommen. "Ich bin davon selbst überrascht. Offenbar habe ich einen Nerv getroffen", meint Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in New York.

"Mit Dienstleistern zu tun zu haben, ist anstrengend"

Was umso erstaunlicher ist, weil sein Buch auf Eindrücken fußt, die er nicht in Deutschland, sondern an seinem derzeitigen Wohnort in der US-Metropole gesammelt hat. In einer Stadt also, in der vieles grandioser, extremer, maßloser ist als hierzulande. Dort, wo Bartmann wohnt, auf Manhattans Upper West Side, leben viele gut situierte Menschen. Die meisten von ihnen sind nicht wirklich reich, aber doch wohlhabend genug, um sich ein rundum betreutes Leben leisten zu können.

Bartmann beschreibt die vielen Dienstleister, denen er in seinem Apartmentblock am Broadway täglich begegnet: dem Portier und den Hausmeister, Putzhilfen, Kindermädchen und Personal Trainern, Lieferanten, die im Internet Bestelltes, frische Wäsche oder Lebensmittel in die Wohnungen tragen, und den Mann, der die Hunde ausführt.

Kennzeichnend für die neuen Diener sei, so Bartmann, dass sie ihre Arbeit zunehmend anonym und geräuschlos, nach dem "Prinzip Heinzelmännchen", verrichteten: "Schließlich ist es anstrengend, direkt mit seinen Dienstleistern zu tun zu haben, sich womöglich mit ihnen beschäftigen zu müssen. Viele wollen dieses Verhältnis so umstandslos wie möglich geregelt wissen."

Wischen, putzen, staubsaugen: Viele der Haushaltshilfen in Deutschland werden schwarz beschäftigt. Quelle: RND / Daten: Forsa / Minijobzentrale

Also bestellen sie den Mietbutler, den Lebensmittellieferanten, das "Girl" von der Reinigungskräfteagentur per Wischgeste auf ihrem Smartphone – und finden nach Feierabend eine wie von Geisterhand in Schuss gebrachte Wohnung vor. Viele dieser Angebote gibt es inzwischen als Flatratemodell: Für einen Wochentarif von 58 Dollar rückt etwa "Butler Alfred" an zwei Tagen an, um in Abwesenheit seiner Auftraggeber bereitliegende To-do-Listen abzuarbeiten.

Solch kühler Pragmatismus steht in krassem Gegensatz zu den warmherzigen, viktorianisch kultivierten Dienstverhältnissen, die in der britischen Erfolgsserie "Downton Abbey" herrschen. Dort begegnen die adeligen Herrschaften ihren Bediensteten mit ausgesuchter Freundlichkeit und ermöglichen ihnen gar den Aufstieg zur Sekretärin oder Dorfschullehrerin. Das Personal gehört praktisch zur Familie. Derartige Anstellungsverhältnisse finden sich bis heute, aber sie sind längst nicht so romantisch.

Neudeutsch heißen sie "Live-in-Servants", Vollzeitbedienstete wie Kindermädchen oder Haushälterinnen, die im Haus ihrer Arbeitgeber leben. "In den USA sind diese Angestellten vor allem Frauen aus Mexiko, Lateinamerika oder von den Philippinen – Frauen aus dem globalen Süden, die oft keine anderen Jobs finden", sagt Bartmann. Der Preis des sicheren Arbeitsplatzes ist häufig eine Entfremdung vom eigenen Lebensumfeld: Die Familie des Arbeitgebers wird zum alltäglichen Bezugsrahmen, die eigene Familie zum Wochenendprojekt.

Jobs, die keine Lebensgrundlage bieten

In Deutschland sind wir noch nicht so weit. Allein schon, weil es viele noch immer als unangenehm empfinden, andere für sich arbeiten oder aber in ihre Wohnung zu lassen. Das preußische Erbe und das protestantische Leistungsethos, unser Selbstanspruch an Disziplin und Fleiß, sitzen womöglich noch zu tief. Ein- bis zweimal pro Woche eine Putzkraft zu beschäftigen ist noch gerade so okay.

Bei den anonymen Dienstleistungen, dort, wo wir nicht unmittelbar mitbekommen, wie sehr andere für uns schuften, ist hingegen vieles in Bewegung geraten. Lebensmittellieferdienste und Online-Putzagenturen schießen wie Pilze aus dem Boden, Logistikpersonal haut im Akkord Amazon-Pakete raus und Saisonarbeiter aus Polen und der Ukraine stechen den Spargel.

Das alles ist nicht per se verwerflich, zumal dann nicht, wenn die eher karg entlohnten Jobs Schülern, Studenten, Rentnern und Zuverdienern als Taschengeldquelle oder der Aufstockung des regulären Einkommens dienen. Als Grundlage für ein Leben, das belastbare Perspektiven bis ins Rentenalter bietet, taugen die meisten dieser Heinzelmännchentätigkeiten hingegen nicht. "Viele Dienstleistungsnehmer machen sich nicht bewusst, dass sie durch ihr Verhalten die Gerechtigkeitsfrage weiter forcieren", sagt Christoph Bartmann.

Vorbild Skandinavien

Ein Blick auf die egalitären Gesellschaften Skandinaviens zeige, was getan werden könne, um billige Dienstleistungen zurückzudrängen: "Dort sind weitreichendere Gesetze zur Geschlechtergerechtigkeit und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gemacht worden als bei uns. Mit der Folge, dass mehr Menschen gute Jobs haben und die verschiedenen Lebensbereiche besser unter einen Hut bekommen", sagt Bartmann. Auch deshalb habe Schweden im internationalen Vergleich mit am wenigsten Hausangestellte.

Jenseits der politischen und gesellschaftlichen Dimensionen macht noch etwas anderes unser wachsendes Bedürfnis nach Dienstleistungen zum Problem: Wir werden zu Randfiguren in unserem eigenen Leben. Wer sich nicht mehr selbst um seinen Haushalt kümmert, fühlt sich in den eigenen vier Wänden womöglich irgendwann wie ein Hotelgast. Und er bringt sich um manche beruhigend bodenständige Facette des eigenen Lebens.

Etwa um das tief befriedigende Gefühl, dass das Bad nach zwei Stunden harten körperlichen Einsatzes aussieht wie frisch renoviert. Auch Christoph Bartmann lebt inzwischen ohne Putzhilfe – und erfreut sich am Lustgewinn des allsonnabendlichen Hausputzes: "Klar, es war eine Umstellung. Aber inzwischen würde ich mich durchaus als glücklichen Selbstreiniger bezeichnen."

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