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Sportbuzzer BG Göttingen BG Göttingen fehlt das Geld für die erste Liga
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14:16 27.03.2014
Von Mark Bambey
Düsterer Ausblick? BG-Trainer Johan Roijakkers und seinem erfolgreiches Team der BG Göttingen droht die Gefahr, an der finanziellen Realität zu scheitern.
Düsterer Ausblick? BG-Trainer Johan Roijakkers und seinem erfolgreiches Team der BG Göttingen droht die Gefahr, an der finanziellen Realität zu scheitern. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Der Mittelkreis und die Zone unter den Körben sind die attraktivsten Werbeflächen. Hier finden sich die Partner wieder, die maßgeblichen Anteil daran haben, in welchen sportlichen Sphären sich ein Team bewegen kann.

Die Vision des BG-Managements ist deckungsgleich mit dem innigen Wunsch der Veilchen-Zuschauer: die Rückkehr in die 1. Basketball-Bundesliga. Doch diese ist in finanzieller Hinsicht stark gefährdet.

Während das Team in der Pro A von Sieg zu Sieg eilt – wie am vergangenen Sonnabend bei der 99:73-Gala in Gießen gegen die bisher stärkste Verteidigung der Liga –, muss das Management schmerzliche Rückschläge hinnehmen. Wirtschaftlich ist Zweitliga-Lizenz-Inhaber „Pro Basketball GmbH“ (PBG) gesund.

Plus erwirtschaftet

Im Geschäftsjahr 2012/2013 wurde trotz der herausfordernden Ausgangssituation ein Plus erwirtschaftet. Und dennoch läuft das Projekt, das ein erstligareifes und bezogen auf den Göttinger Sport so nicht noch einmal vorhandenes Event auf die Beine gestellt hat, anscheinend Gefahr, zu früh seine Grenzen zu erreichen, um Visionen wahr werden zu lassen.

„Wir haben mit allen potenziellen Großsponsoren in der Region mindestens zweimal Kontakt gehabt und gute Gespräche geführt. Es ist uns aber nicht gelungen, weitere Unterstützer zu gewinnen“, sagt BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen.

Bedeutet dies also das vorzeitige Aus der Visionen im Basketball-Traditionsstandort? „Nein“, betont Gesellschafter Steffen Lütjen. Der Geschäftsführer der Frankfurter Unternehmensberatung Goldpark will aber auf ein noch immer nicht gelöstes Problem des Göttinger Basketball-Projekts aufmerksam machen. „Uns fehlen die Großsponsoren.

Partner fehlen

Ohne zwei bis drei über die Maßen starke Partner wird es enorm schwer, im Falle der sportlichen Qualifikation für die 1. Liga zu melden.“ Zur Verdeutlichung beschreibt der 43-Jährige die Situation mit einem Management-Konzept: „Es gibt das Pareto-Prinzip. Häufig werden 80 Prozent des Umsatzes mit 20 Prozent der Kunden erwirtschaftet.

Davon sind wir allerdings Lichtjahre entfernt. Der Vorteil ist, dass wir keine einzelnen Abhängigkeiten haben. Der Nachteil, dass so unser Wachstum begrenzt ist.“ Bisher ist es dem Management nicht gelungen, Partner zu finden, die das Projekt mit höheren sechsstelligen Summen fördern. Im 1,2-Millionen-Euro-Budget der BG gibt es mit der Sparkasse Göttingen, Trikotsponsor Sartorius und dem Medienpartner Göttinger Tageblatt gerade einmal drei Sponsoren, die jährlich 50 000 Euro oder mehr investieren.

Sechs weitere Partner steuern Beträge zwischen 20 000 und 40 000 Euro bei. Dabei ist der Kostendruck enorm, wie Lütjen an einem Beispiel verdeutlicht: „Die Sponsoringleistung unserer drei Top-Förderer reicht nicht aus, um die etwa 200 000 Euro Hallenmiete und Auf- und Abbaukosten zu bezahlen.“

Business-Club stößt an seine Grenzen

Das für seine akribische Arbeit viel gelobte BG-Management ist zu Recht stolz auf das entstandene Netzwerk aus klein- und mittelständischen Förderern. Doch gerade hier, im Business-Club, sind die Grenzen des Wachstums körperlich zu spüren. Es entspricht fast einer logistischen Meisterleistung, jedem Gast und Förderer im VIP-Raum einen Platz zu bieten.

„Unsere kleinen und mittelgroßen Sponsoren engagieren sich über die Maßen, und es ist ein Netzwerk entstanden, um das uns zahlreiche Erstligisten beneiden. Und doch erreichen wir mit der derzeitigen Situation zu früh unsere Grenzen“, sagt Meinertshagen.

Eine Summe, ab der ein Start in der BBL für ihn infrage käme, will der Ex-Profi nicht beziffern. Das BBL-Durchschnittsbudget sei zwar enorm angewachsen, das resultiere aber besonders daraus, dass die Großen sich stark verbessert haben. „Ich denke, dass die unteren sechs Klubs einen Etat zwischen 1,6 und 2,3 Millionen Euro haben. Unser Minimal-Ziel muss es also sein, unseren aus Sponsorengeldern akquirierten Teilhaushalt um mindestens 50 Prozent zu steigern“, sagt Meinertshagen.

Sartorius ist größter Sponor

Ernüchternd ist auch, dass der Appell von Sartorius-Geschäftsführer Joachim Kreuzburg, zurzeit größter Sponsor der BG, nach langfristigem Sponsoren-Engagement fast ungehört verhallt ist. Kreuzburg wollte mit seinem langjährigen Engagement als einer der BG-Top-Sponsoren ein Zeichen setzen, doch bis auf das Tageblatt und die Krombacher Brauerei fördert kein Unternehmen das Projekt langfristig.

Zudem teilen andere große Unternehmen in der Region anscheinend nicht Kreuzburgs Meinung, das Sponsoring zur Aufwertung des Standorts zu betreiben. Dabei gibt es gute Vorbilder: Der Autoteile-Zulieferer Brose setzt seine Unterstützung in Bamberg in erster Linie als Instrument der Mitarbeiter-Akquise ein. Und auch die Firma Walter in Tübingen berichtet von einer erheblich besseren Wahrnehmung des Unternehmens und einem Anstieg der Bewerberzahlen, seit es sich für die Basketballer engagiert.

Bedeutet Stagnation nun also eine einsetzende Abwärtstendenz? „Wir befürchten das“, sagt Lütjen trocken. Die PBG habe nicht nur eine Saison vor Augen, sondern einen längeren Zeitraum. Beispiele aus anderen Standorten zeigten, dass der Verzicht auf höhere Ambitionen ein nachlassendes Interesse von Sponsoren und Zuschauern nach sich zöge, in dessen Folge zunächst der wirtschaftliche Erfolg und dann der sportliche Erfolg nachließen.

Hat Göttinger Basketball eine langfristige Chance?

„Wir haben Spitzenbasketball, professionelle Jugendarbeit und ein einzigartiges Event für die Region auf die Schiene gesetzt beziehungsweise gehalten“, sagt Lütjen und betont: „Wir machen das Angebot, mit auf eine Reise zu gehen. Aber die entsprechenden Unternehmen und die Politik müssen schon auch einsteigen.

Bevor wir als Gesellschafter eine mit der 1. Liga verbundene Kapitalerhöhung beschließen, möchten wir wissen, ob der Göttinger Basketball eine langfristige Chance hat. Vom Bestaunen, Loben und Zugucken alleine fährt das Projekt nicht weiter.“

►Kommentar: Taten statt Worte

Politik und Arbeitgeber sollten ein großes Interesse daran haben, dass Göttingen ein attraktiver Standort ist. Eine bessere Förderung des Sports würde dabei helfen. Aufgrund des demografischen Wandels hat der Kampf um Fachkräfte gerade erst begonnen.

Als Stadt der Wissenschaft und Kultur hat Göttingen ein scharfes Profil, und die Region ist mit Firmen wie zum Beispiel KWS, Ottobock, Carl Zeiss und der Uni als größtem Arbeitgeber attraktiv. Doch reicht das, um auch künftig junge, gut ausgebildete Menschen zu überzeugen, sich in Südniedersachsen und nicht in anderen entstehenden Metropolregionen niederzulassen?

Sport übt auf junge Menschen eine immense Faszination aus und ist ein wesentlicher Freizeit-Faktor. Göttingen hat also viel Potenzial, ein ausgewogenes, attraktives Bild der Lebensqualität von sich zu geben.

In Sachen Kultur-Politik herrscht partei- und fraktionsübergreifender Konsens. In den Leitlinien der Stadt ist festgeschrieben, dass nicht nur die kulturelle Basis von der Gemeinschaft mit Steuermitteln aus dem städtischen Haushalt mitfinanziert wird, sondern auch die professionelle Spitze.

Als Werbeträger für die Stadt genießen besonders die Schlaglichter wie Deutsches Theater, Symphonie-Orchester, Junges Theater oder die Händel-Festspiele eine kommunale Förderung. Warum trifft das auf den Sport nicht zu?

Göttingen hat ein hervorragendes Breitensport-Konzept inklusive Sportförder-Richtlinien. Doch wie sieht es mit dem Profi- und Leistungssport aus? Ein Konzept wurde nie erarbeitet und ist auch nicht in Planung. Dabei ist es unabdingbar, die Grundfrage zu beantworten: Soll Profi- und Leistungssport in der Region finanziell durch die Gemeinschaft unterstützt werden?

Wie wichtig der Faktor Sport für ein Stadtmarketing sein kann, zeigt ein kleiner Selbsttest: Womit verbinden Sie die Städte Meppen, Gummersbach, Quakenbrück, Vechta oder Kaiserslautern?

Lokhallen-Betreiber GWG hat in einer Untersuchung erarbeitet, dass die überregionale Beachtung der BG und ihrer Spiele in der Lokhalle einen immensen Werbe-Effekt hatte. Gut für die Stadt, die so ein beträchtliches Stadtmarketing-Instrument hatte.

Schlecht für die BG, denn mit den auf die Lokhalle aufmerksam gewordenen finanzkräftigen Unternehmen und dem Willen der Stadt, die Halle kostendeckend zu vermieten, hat sie sich sozusagen selbst aus der Lokhalle gespielt.

In erster Linie bleibt das BG-Management gefordert, weitere Überzeugungsarbeit zu leisten. Die BG kann eine Vorreiterrolle einnehmen, denn sportliches Potenzial hat nicht nur der Basketball. Als Reaktion sind Taten gefragt und keine warmen Worte.

Mark Bambey