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Fußball aus aller Welt BVB-Torwart Roman Weidenfeller – der gelernte Diplomat
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00:15 25.05.2013
Von Stefan Knopf
Plötzlich war da kein Geld mehr für Stars: Um zu verstehen, was das Champions-League-Finale für Roman Weidenfeller und Borussia Dortmund bedeutet, muss man auf eine kleine Zeitreise gehen. Quelle: dpa
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Dortmund

 Die Geschichte, die Roman Weidenfeller immer wieder erzählt hat, nachdem Borussia Dortmund den Einzug ins Finale der Champions League unter Dach und Fach gebracht hatte, geht ungefähr so: Als er auf dem Rasen des Bernabéu-Stadions von Real Madrid stand und sich mit Sportdirektor Michael Zorc und Mitspieler Sebastian Kehl in den Armen lag, da musste er noch einmal zurückdenken an den April 2007. Auch damals lagen sich Weidenfeller, Zorc und Kehl in den Armen, sie feierten einen 4:1-Sieg in der Bundesliga bei Alemannia Aachen. Drei Punkte, die den BVB in eine andere Art von Finale katapultierten; drei Punkte, mit denen der damalige Tabellenvorletzte Borussia Dortmund den entscheidenden Schwung holte im Abstiegskampf.

Diese kleine Episode verrät schon viel über Weidenfeller und die Borussia. Sechs Jahre liegt dieses Spiel in Aachen zurück, sechs Jahre, in denen die Dortmunder fast alle Höhen und Tiefen des Fußballs erlebt haben. Und Weidenfeller war immer mittendrin, das ist ein bemerkenswerter Aspekt dabei.

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Um zu verstehen, was es für Borussia Dortmund bedeutet, übermorgen im Wembley-Stadion im Endspiel der Champions League zu stehen, muss man mit dem Klub zu einer kleinen Zeitreise aufbrechen. Denn nach der Meisterschaft vor zwei Jahren und dem Double im vergangenen Jahr haben viele schon vergessen, welche wechselvolle Zeit die Schwarz-Gelben hinter sich haben.

Also dreht die Zeitmaschine die Uhr zurück, beinahe 20 Jahre. 1995 und 1996 feiert der BVB jeweils die Meisterschaft, 1997 gewinnt er die Champions League, und Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier erliegen dem Größenwahn, den FC Bayern München als Nummer 1 des deutschen Fußballs ablösen zu wollen. Der BVB investiert in den folgenden Jahren ein Vermögen in neue Spieler; der Transfer des Brasilianers Marcio Amoroso für 25 Millionen Euro steht bis heute für die Verschwendungssucht des BVB dieser Epoche.

2002 wird Borussia Dortmund noch einmal Meister und steht im Finale des UEFA-Pokals; viele Spieler, deren Namen mit den aktuellen Erfolgen verbunden sind, haben zu diesem Zeitpunkt nicht mal ihre ersten Pubertätspickel entdeckt. Ilkay Gündogan ist neun Jahre alt, Mario Götze neun, Marco Reus 13. Es ist das Jahr, in dem Weidenfeller zum Revierklub wechselt. Doch als er kommt, ist der Erfolg schon fort, da helfen alle verprassten Millionen nichts. Als Niebaum und Meier schließlich 2005 zurücktreten und den Blick freigeben auf das große Ganze, stockt nicht nur Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der Atem. Borussia Dortmund hatte sich verhoben wie der Gewichtheber Matthias Steiner bei den Olympischen Spielen in London, als ihm die Hantel mit voller Wucht in den Nacken krachte. So wie sich Steiner hätte das Genick brechen können, so hätte es auch die Borussia erwischen können: Den Klub drückten Schulden in dreistelliger Millionenhöhe, der BVB war nur einen Schritt von der Insolvenz entfernt.

Plötzlich war da kein Geld mehr für Stars, in Dortmund begann der Ausverkauf. Der Verein rutschte aus der Spitzengruppe der Bundesliga Richtung Bedeutungslosigkeit. Der BVB war ein gestürzter Neureicher, und so wie der Verein, so wurden auch seine Spieler vielfach belächelt. Allen voran der Torwart, Roman Weidenfeller.

2003 hatte Weidenfeller Jens Lehmann im Tor abgelöst, der zum FC Arsenal ging. Lehmann galt spätestens mit Beginn der Weltmeisterschaft 2006 als Inbegriff des modernen Torwarts, aber dieser Typ, der ihn nun in Dortmund ersetzt hatte, der blieb vielen suspekt. Ein Vertreter der Gerry-Ehrmann-Fußballschule in Kaiserslautern wie Tim Wiese, dem bunte Trikots und ein muskulöser Oberkörper wichtiger schienen als die Weiterentwicklung als Torwart und der mindestens so viel Haargel zu benötigen schien wie Cristiano Ronaldo. Weidenfeller wirkte wie aus der Zeit gefallen, ein Torwarttyp, den keiner mehr wollte. Auch die Dortmunder Fans gewann er erst allmählich für sich.

Wenn man sich Roman Weidenfeller heute betrachtet, im Sommer 2013, dann mag man kaum glauben, dass das noch immer derselbe Mann ist. An Selbstbewusstsein hat es ihm nie gemangelt, Diplomatie musste er erst mühsam lernen, vielleicht ist das auch der Grund, warum ihn Bundestrainer Joachim Löw beharrlich ignoriert hat. Weidenfeller war immer gut für ein paar markige Sätze, eine Eigenschaft, die bei Löw nicht besonders hoch im Kurs steht. Als für die Weltmeisterschaft 2010 ein dritter Torwart gesucht wurde, entschied sich der Bundestrainer für den blassen, aber braven Jörg Butt.

An der Leistung kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass für Weidenfeller das Kapitel Nationalmannschaft nie aufgeschlagen wurde. Ohne ihn, der mit 30 Jahren wie ein netter Onkel wirkte in Jürgen Klopps Meisterkindergarten von 2011, wären die Erfolge der vergangenen Jahre jedenfalls nicht möglich gewesen. Sein Ehrgeiz ist geblieben, aber er hat sich jetzt besser unter Kontrolle; Weidenfeller klopft immer seltener Sprüche, und mit einer ähnlichen Ruhe steht er zwischen den Pfosten, wenn die gegnerischen Angreifer sein Tor bestürmen.

Er sei „der beste Nicht-Nationaltorwart der Welt“, hat die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über Weidenfeller geschrieben. Würde er am Sonnabend mit dem BVB den Titel gewinnen, könnte Weidenfeller damit sicher gut leben.

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