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Fußball aus aller Welt Der HSV steht am Abgrund
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00:16 24.04.2014
Frust bei den Fans: Der Bundesliga-Dino könnte zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte aus der Bundesliga absteigen. Quelle: dpa
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Hamburg

Hamburg. Es gibt Leute, die behaupten, Mirko Slomka habe dieses Richard-Gere-Lächeln. Und es gibt Menschen, die ihn überdies für einen blendenden Schauspieler halten. Dieses Lächeln ist zwar inzwischen häufiger gefroren, wie zum Beispiel nach Slomkas erster Heimniederlage als Coach des Hamburger SV mit 1:3 gegen den VfL Wolfsburg. Doch ansonsten hat er sich seine Begabung als Darsteller erhalten – auch in jenen Momenten, in denen der HSV dem ersten Abstieg seiner Geschichte entgegentaumelt.

So hat er dem an allen drei Gegentreffern beteiligten Heiko Westermann „eine gute Leistung bescheinigt“. Vermutlich, um den mit Schmerzspritzen aufgelaufenen Verteidiger nicht noch mehr herunterzuziehen. Und dass das Team nach dem 0:3 in der 49. Minute durch Ivica Olic (die anderen Tore erzielten Ivan Perisic nach knapp zwei Minuten und Kevin de Bruyne kurz vor der Pause) eine gute Viertelstunde so ähnlich spielte wie ein Erstligist, hat er als positives Zeichen für den Charakter seiner Mannschaft gesehen.

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In Wirklichkeit weiß auch Slomka längst, dass dieses falsch zusammenstellte Team, das gegen Wolfsburg auch noch sieben verletzte Stammspieler ersetzen musste (der letzte kam mit Johan Djourou beim Aufwärmen mit einer Adduktoren-Zerrung dazu), nur noch ein kleines Wunder zumindest auf dem Relegationsplatz 16 halten wird.

Den möglichen Gegner dieser Ausscheidungspartien am 15. und 18. Mai hat man am Sonntag schon einmal live studiert beim Spiel des Zweitligadritten SC Paderborn gegen den Zweiten SpVgg Greuther Fürth (2:2). Umgekehrt war auch Paderborns Manager Michael Born am Sonnabend in Hamburg, um sich Notizen über die Schwächen des möglichen Gegners zu machen. Er hätte eine komplette Kladde vollschreiben können. Über Unzulänglichkeiten, die Westermann mit den Worten „Wahnsinn, Wahnsinn“ beschrieb.

Als Slomka plötzlich doch einmal auch öffentlich das in Hamburg Undenkbare ansprach, sagte er: „Wenn ich als erster HSV-Trainer in die Geschichtsbücher eingehe, der absteigt, werde ich vielleicht auch der erste sein, der mit dem HSV aufsteigt.“ Dabei gibt es inzwischen auch eine Debatte über den Beitrag des aus Hannover gekommenen Übungsleiters an der jüngsten Misere.

Nur elf Punkte sind in zehn Spielen unter seiner Regie hinzugekommen zur schlechtesten HSV-Punktebilanz in 51 Jahren. Und es fällt auf, dass die Muskelverletzungen im Team derart überhandnehmen, dass man einen Zusammenhang mit der Trainingsarbeit sehen könnte.

Die einen spekulieren, unter seinen Vorgängern Thorsten Fink und Bert van Marwijk sei derart wenig für die Fitness getan worden, dass unter Slomkas deutlich härterer Arbeit Sehnen, Muskeln und Glieder überfordert sein könnten. Slomka hingegen sagt, er habe „eher das Gefühl, dass wir zu wenig getan haben“. Es seien vielleicht die „Schmerzen der Niederlagen“, die sich ihren Weg in die Körper bahnen würden.

Auch die Schmerzen der Fans werden immer massiver. Gestandene Männer weinten am Sonnabendabend auf der Tribüne. Etwa 70 vermummte „Problemfans“, so die Polizei, versuchten, die Geschäftsstelle zu stürmen. Sie wurden aber von den Ordnungshütern abgedrängt. Was den HSV-Fan so quält, wurde auch am Beifall für den ausgewechselten Wolfsburger Torschützen Olic deutlich.

Der Applaus galt jemandem aus einer besseren Zeit. Olic war zwischen 2007 und 2009 ein HSV-Stürmer, der nicht nur mit Toren, sondern mit seiner überbordenden Kampfkraft alle mitriss. Einen solchen Spieler gibt es dort heute nicht mehr. Der mit Sprechchören gefeierte Olic machte seinem alten Klub wenig Mut: Es tue ihm zwar leid für den HSV, aber er habe „nicht viel Optimismus“.

Dass Hamburgs Sportdirektor Oliver Kreuzer die jüngste Pleite zu einer Niederlage gegen eine „Weltklassemannschaft“ aus Wolfsburg veredelte, wirkte dann trotz der ordentlichen Leistung der Niedersachsen so, als habe das HSV-Team nur verloren, weil es gegen eine Art Welt-Champion gespielt habe. Wie wird Kreuzer dann den letzten Heimspielgegner FC Bayern titulieren?

Als Meister des gesamten Universums? Dabei sind auch die letzten beiden Auswärtsgegner, der FC Augsburg und Mainz 05, für den heruntergekommenen HSV vielleicht schon Konkurrenten aus einem anderen Orbit.

Die Wolfsburger werden nun, nachdem zumindest die Europa-League-Teilnahme feststeht, „nicht mehr tiefstapeln“, wie Geschäftsführer Klaus Allofs wohlgemut verkündete. Trainer Dieter Hecking hat sich sogar schon mit der großen Garderobe beschäftigt. Ob er schon einen Anzug für die Champions-League-Spiele habe, wurde er gefragt. Seine Antwort: „Ich soll darin ganz gut aussehen, sagen viele.“

Von Jörg Marwedel

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