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Fußball aus aller Welt Fußballdeutschland verneigt sich
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23:04 15.11.2009
Von Tatjana Riegler
Eng zusammengerückt: Die Spieler der Nationalmannschaft in stiller Trauer. Quelle: lni
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Es ist ihr schwerster Gang. So schwer, wie ihn kaum ein Nationalspieler in seinem jungen Leben je erlebt hat. Und es steht ihnen tief in die Gesichter geschrieben. Um 10.45 Uhr betritt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Stadion, um sich von Robert Enke zu verabschieden. Von ihrem Torwart, Kollegen, von ihrem Freund. Per Mertesacker und Kapitän Michael Ballack führen die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an, legen einen Kranz mit roten und apricotfarbenen Rosen vor dem Sarg Enkes ab. Beifall brandet auf, kurz und warm; wie ein Zeichen des Respekts und Dankes dafür, hier Verbundenheit auszudrücken.

Mertesacker und Ballack verharren im Schweigen, das sich mit dem so erhabenen Schweigen im Stadion fühlbar vereint. Mit gesenkten Köpfen treten sie vor zum stummen Lebewohl: DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ligapräsident Reinhard Rauball, Franz Beckenbauer und Steffi Jones, die WM-Chefs 2006 und 2011, aktuelle wie ehemalige Nationalspieler, zuletzt die Trainer: Joachim Löw, sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, Teammanager Oliver Bierhoff. Unvergessen seine Tränen, als er bei der Pressekonferenz am Mittwoch versuchte, die Gefühle im Team zu beschreiben.

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An diesem Tag versucht dies erst gar niemand. Die Mienen, die verweinten Augen, die Körperhaltung erzählen genug. Besonders Mertesacker, dem Freund aus hannoverschen Tagen, ist die Schwere der Stunde anzumerken. Nicht anders ergeht es dem Bundestrainer, tief in sich gekehrt ringt Löw auf der Osttribüne um Fassung. Die Mannschaft hinter ihm, seine Mannschaft, ist in ihrer Trauer verbunden. Anders lassen sich die kleinen Gesten nicht deuten. Die Gespräche, die Überlegung, wie es weitergeht: Wenn diese Tage eine Chance zum Zusammenrücken boten, die Nationalelf hat sie genutzt. „Jungs, ich bin stolz auf euch“, ruft ihnen Zwanziger zu.

Es sind nicht die einzigen Worte, mit denen der DFB-Präsident bewegt. Fußball sei nicht alles, sagt ausgerechnet er – der oberste Fußballfunktionär im Lande. Und doch klingt es glaubwürdig. Beispielsweise als er fordert, dass Fußball nicht alles sein dürfe, „wenn ihr daran denkt, ob eure Kinder einmal Nationalspieler werden könnten“. Und nicht nur die Nationalspieler, die Woche um Woche im Blitzlichtgewitter unter Leistungsdruck stehen, horchen auf bei dem Satz, nicht nur den Schein zu sehen, sondern auch den Menschen dahinter mit all seinen Zweifeln und Schwächen.

Zwanziger mahnt Menschlichkeit an, Würde. Seine Worte berühren die Gäste tief, Beifall und Tränen beweisen es. Auch bei Hannover 96, denn diese Mannschaft ist ebenso eng zusammengerückt, seit sie ihren Torwart, Kapitän, ihren Freund verloren hat. Früh haben sich die Spieler versammelt, darunter Ehemalige wie Thomas Brdaric und Christoph Dabrowski. Gemeinsam nehmen sie auf der Tribüne Platz, gemeinsam bilden sie am Ende ein Spalier, als Steve Cherundolo, Altin Lala, Hanno Balitsch, Jiri Stajner, Arnold Bruggink und Teammanager Thomas Westphal den Sarg aus der Arena tragen.

Vereint in Stille, denn reden mag heute niemand, der nicht auf der Rednerliste steht. Der DFB-Tross zieht sich leise im Reisebus zum Flughafen zurück, und kaum ein Spieler scheint wahrzunehmen, was um ihn herum passiert. Weil er viel zu sehr mit seinen Gefühlen beschäftigt ist. Arne Friedrich ergreift die Hand seiner Freundin Linn, wie auch Kerstin Hecking später, beim Abschied aus dem Stadion, den Arm ihres Mannes Dieter drückt. Franz Beckenbauer mag „heute nichts“ sagen; Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler, Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge, Werder-Coach Thomas Schaaf, all die Vertreter aller Bundesligisten mögen dies ebenso wenig. Selbst die Politik – Thomas de Mazière (CDU), Philipp Rösler (FDP), Gerhard Schröder (SPD) und Claudia Roth (Grüne) – koaliert in stiller Kondolenz.

„Wir werden Dich nicht vergessen“ hat die Nationalmannschaft auf ihre Trauerschleife geschrieben. Wer ihren Auftritt, diesen „würdigen Auftritt von ganz Fußball-Deutschland“, erlebt hat, wie NFV-Ehrenpräsident Engelbert Nelle sagt, hegt daran keine Zweifel.