Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Fußball aus aller Welt „Es ist kein Treffen unter Freunden“
Sportbuzzer Fußball Fußball aus aller Welt „Es ist kein Treffen unter Freunden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:30 14.04.2014
Hannover? Das liegt hinter ihm. Mirko Slomka ist jetzt Hamburger.dpa Quelle: Christian Charisius
Anzeige
Hamburg

Zwischen den Autos mit tschechischen, englischen oder niederländischen Kennzeichen auf dem Spielerparkplatz am Hamburger Fußballstadion steht Tag für Tag auch ein Porsche mit dem Kennzeichen „H“ für Hannover. Seine Herkunft hat Mirko Slomka also noch nicht vergessen, auch wenn er gerade dabei ist, sich als Hanseat neu zu erfinden. Er hat eine Wohnung in der Parkallee im noblen Stadtteil Harvestehude gemietet.

Wenn er sagt, „die ganze Stadt“ unterstütze den Hamburger SV im Abstiegskampf, fehlt nur noch der Zusatz: Und ich bin der Anführer der Bewegung. Am heutigen Sonnabend beim Spiel gegen seinen alten Klub Hannover 96 wird Slomka wieder das elegante Jackett mit der HSV-Raute tragen. Seine Abschiedsworte auf seiner Homepage an die „liebe 96-Familie“ nach seiner Entlassung am 27. Dezember, mit denen er sich für die „grandiose Unterstützung in fast vier Jahren“ bedankte, sind erst dreieinhalb Monate her, aber längst Geschichte. Slomkas Auftrag ist jetzt, den HSV vor der erstmaligen Zweitklassigkeit zu bewahren - und sei es, dass er damit den Verein seiner Heimatstadt in den Abgrund stürzt.

Anzeige

Es wird, wie er selbst sagt, „kein Treffen unter Freunden“. Man werde sich keineswegs „mit Bierchen und Rotwein zum Quatschen zusammensetzen“, auch wenn er sich gewünscht hätte, dass beide Teams schon gerettet wären. Und natürlich wird er versuchen, einen Vorteil daraus zu ziehen, dass er das von ihm zusammengestellte 96-Team „in- und auswendig kennt“, wie er anmerkt. Im Frühjahr 2010 hat er die vom Tod Robert Enkes schockierten Hannoveraner noch vor dem Abstieg gerettet, nun könnte er mit dem angeblich großen HSV auf ähnlichem Weg sein - jedenfalls, wenn er bei 96 gewinnt.

Elf Punkte hat Slomka in seinen bisher acht Spielen gesammelt, ein etwas besserer Schnitt als seine Vorgänger Thorsten Fink und Bert van Marwijk. Der begeisterungswillige Hamburger Boulevard hatte ihn nach seinem Einstandspräsent, einem 3:0 über Borussia Dortmund, sogar schon zum „Magic Mirko“ ausgerufen. Auch sein Vater Karl-Heinz kam dort gerade zu Wort: „Mirko war schon sein ganzes Leben ein toller Motivator“, schwärmte er von seinem Sohn. Nur eines hat Slomka immer noch nicht abgelegt - die Auswärtsschwäche. Zusammen mit 96 und dem HSV hat er in der Bundesliga zuletzt zwölf Niederlagen hintereinander erlitten. Sportchef Oliver Kreuzer hat deshalb das Nordderby einfach zum „Heimspiel“ erklärt. Schließlich kennt der HSV-Coach ja jeden Winkel in seinem einstigen Wohnzimmer.

Ansonsten hat Slomka, der „nichts ohne Kalkül macht“, wie der „kicker“ schrieb, bisher meist die richtigen Entscheidungen getroffen und diese auch öffentlichkeitswirksam verkauft. Auf das symbolische kurze Trainingsshirt, mit dem er bei seiner Vorstellung auflief, folgte - auch ohne den in Hannover umstrittenen Fitness-Professor Jürgen Freiwald - ein deutlich verschärftes Trainingsprogramm. Johann Djourou, schon bei 96 einer von Slomkas Lieblingsspielern, sagt: „Jetzt laufen wir mehr. Die ganze Mannschaft ist fitter.“ Zudem schafft Slomka es, mit seinem „psychologischen Halbwissen“, wie er selber gern sagt, die Profis zu kitzeln. In der Kabine wird keine Unordnung mehr geduldet. Mittelfeldspieler Tolgay Arslan ging sogar so weit, der neue Trainer würde den Profis „Disziplin bis in den Tod“ vermitteln.

Slomka hat die von seinen Vorgängern abgeschobenen Profis Slobodan Rajkovic, Michael Mancienne, Robert Tesche und Petr Jiracek zurückgeholt und sie als kampfstarke Spieler eingebaut. Selbst Kritik verbindet er mit einem Lob, weil ja bei einer verunsicherten Mannschaft Lob ein gutes Heilmittel sein kann. Sogar den formschwachen Kapitän Rafael van der Vaart nahm er in Schutz. Es sei ungerecht, den Fokus nur auf ihn zu legen, sagte der Coach. Er sei noch immer ein „Schlüsselspieler“ und werde noch sehr wertvoll werden. Was er über den Schlüsselspieler van der Vaart wirklich denkt, wurde dagegen indirekt bei der Interviewfrage des „Abendblattes“ nach den Chefs im Team deutlich. Die Chefs, offenbarte Slomka, seien René Adler und Heiko Westermann. Die würden - ob in der Kabine oder auf dem Platz - jeden Tag zeigen, dass sie gestandene Profis seien. Von van der Vaart keine Rede.

Van der Vaart könnte bald weg sein. Nicht nur, weil die Hamburger sich sein Gehalt von 3,5 Millionen Euro nicht mehr leisten können, sondern durchaus mit Zustimmung des Trainers. Allerdings ist auch noch nicht sicher, ob Slomka bei einem Abstieg bleiben würde. Er sagt zwar: „Es passt gut zwischen dem HSV und mir.“ Er werde notfalls in der 2. Liga den Neuaufbau betreiben. Sollte der kriselnde Klub aber auch seinen Lohn bis 2016 nicht mehr zahlen können, gibt es natürlich eine Ausstiegsklausel. Dann wäre Slomka um 300 000 Euro reicher und wäre ein Ex-Hanseat.

Von Jörg Marwedel

11.04.2014
Fußball aus aller Welt Suche nach Ex-Bundesliga-Stars - Von Polizisten und Paketboten
08.04.2014