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Fußball aus aller Welt 96 will Abstiegssorgen einfach davonrennen
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00:15 02.03.2015
Von Heiko Rehberg
Tempo, Tempo, die Punkte müssen her: Die 96-Profis Manuel Schmiedebach (links) und Leonardo Bittencourt beim Training. Gegen Stuttgart muss sein Sieg her. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Hannover 96 bittet seine Fans vor jedem Heimspiel in der Fußball-Bundesliga um ein Spieltags-Motto: Das ist eine nette Idee, auch wenn die Gefahr besteht, dass das manchmal etwas anders ausgeht als gewünscht und ein Anhänger wie vor dem wichtigen Duell am heutigen Sonnabend mit dem VfB Stuttgart reimt: „Korkut der alte Geier, nur mit einer Spitze gibt’s garantiert keinen Dreier.“

Manche Spieltagsreime sind unter der Gürtellinie, andere originell, schräg, lustig, die ganze Palette. Aber egal, wie man die Rubrik „Dein Spieltagsmotto“ findet, man kann an den Sprüchen der hannoverschen Fans einiges über die Gemütslage rund um den Verein ablesen. Nach nur einem Sieg in den vergangenen elf Spielen und keinem einzigen Sieg im Jahr 2015 ist auch viel von den Sorgen zu spüren, die sich die Menschen um den Verein machen, dessen Tabellenplatz 10 die kritische Situation beschönigt.

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Bis zum drittletzten Platz sind es nur noch vier Punkte Distanz. Wenn man mal halbwegs realistisch davon ausgeht, dass nach dem Stuttgart-Spiel im Monat März gegen Bayern München (7. März), bei Borussia Mönchengladbach (15. März) und gegen Borussia Dortmund (21. März) die Punkte nicht in Vielzahl auf das Tabellenkonto purzeln, dann kommt der Partie am Sonnabend eine enorme Bedeutung bei. Oder um es mit dem Spieltagsmotto eines 96-Anhängers zu sagen: „Kannste gegen Stuttgart nicht bestehen, kannst du Fußball in Zukunft auch montags sehen.“ Montags spielt die 2. Liga, dort dabei zu sein, ist für die Anhänger so anstrebenswert wie eine Fusion mit Eintracht Braunschweig.

Für Hannover 96 würden ungemütliche Wochen beginnen

„Wir wissen, worum es geht“, sagt 96-Profi Edgar Prib. In der Rückrundentabelle steht der Gegner Stuttgart mit einem Punkt auf dem letzten Platz, Hannover 96 liegt mit zwei Punkten auf dem vorletzten Rang. Würden beide Clubs nach dem Spiel die Plätze tauschen, würden in Hannover sehr ungemütliche Wochen beginnen, Spieler und Verantwortliche wollen sich das unbedingt ersparen. „Es ist für mich ganz klar, dass jetzt vor unserem heimischen Publikum Antworten kommen müssen“, sagt Clubchef Martin Kind. Einen Auftritt wie zuletzt in der HDI-Arena gegen den SC Paderborn (1:2) kann sich 96 aus vielerlei Gründen nicht leisten.

Kind spricht von einer „nicht unproblematischen Situation“, die alle seine Pläne gefährdet: Der 70-jährige würde in den kommenden Wochen gern den Vertrag mit Tayfun Korkut (der bisherige Kontrakt läuft im Juni 2016 aus) vorzeitig verlängern, aber dafür braucht er ein klares Signal, dass Trainer und Mannschaft wieder die Erfolgskurve kriegen.

Und dann ist da auch noch der Kampf um eine bessere Stimmung in der HDI-Arena, der ohne beherzte Heimauftritte, vor allem aber ohne Siege nicht zu gewinnen ist. Korkut und Sportdirektor Dirk Dufner sind in den vergangenen Tagen auf glaubwürdige Art und Weise auf die Fans zugegangen, deren Unterstützung die Mannschaft herbeisehnt. „Gerade in einer so schwierigen Situation ist es elementar wichtig, die volle Unterstützung der Anhänger zu haben“, sagt Dufner. Und Spieler Prib, der auf dem Rasen unbedingt helfen möchte, hat einen klugen Satz beigesteuert zur schwierigen Beziehung zwischen Verein und Fans: „Die Mannschaft entscheidet, wie das Publikum gestimmt ist.“

Im Grunde ist damit alles gesagt, das findet auch ein Anhänger, der für den 23. Spieltag folgendes Motto vorgeschlagen hat: „Gegen Stuttgart muss der Dreier her, mehr zu sagen gibt’s nicht mehr.“

Kommentar

Auch Sonnabendnachmittag in der HDI-Arena muss niemand enthusiastisch klatschen, falls die 96-Profis zu oft in den Quer- und Rückpassmodus schalten sollten. Und niemand muss vor Begeisterung ausflippen, wenn es nach 45 Minuten noch 0:0 stehen sollte. Hannover 96 will und braucht keine Zuschauer wie in den Nachmittagsshows im Fernsehen, die für gute Stimmung sorgen, wenn ihn jemand ein Schild „Bitte applaudieren!“ vor die Nase hält. Eine Leistung wie beim 1:2 gegen Paderborn kann niemand schönklatschen.

Fans – Zuschauer sowieso – dürfen kritisch sein und sich auch mal lautstark über die eigene Mannschaft ärgern. Beim Zusammenspiel vom Publikum mit den Profis muss der erste Pass immer von den Spielern kommen. Das sagen übrigens auch die 96-Spieler.

Worauf sie umgekehrt zählen dürfen sind Fans, die sie unterstützen und nicht mit Rufen den eigenen Präsidenten zum Teufel wünschen. Die Bitte von Trainer Tayfun Korkut, Sportdirektor Dirk Dufner und einigen Profis um Unterstützung war ein wichtiger Schritt, um die Beziehung zwischen Anhängern und Verein zu verbessern. Ihr seid uns wichtig – diese Botschaft kam glaubwürdig rüber und kommt noch nicht zu spät.

Jetzt sind diejenigen im Publikum dran, die sich von Hannover 96 – ob zu Recht oder zu Unrecht – verärgert fühlen. Auch sie können heute gegen Stuttgart ein Zeichen setzen. Auch diese Botschaft würde gewiss Gehör finden und vielleicht vieles entkrampfen.

Und mal ehrlich: Ob nun die sogenannten Ultras, die jungen Fans in der Nordkurve, die bunt gemischten Zuschauer im Familienblock, die kritischen Fans im Osten des Stadions oder das abwartende Publikum im Westen: Die Behauptung, dass in Hannover beim Fußball die schlechteste Stimmung in der Liga herrscht, sollte niemand auf sich sitzen lassen.

von Heiko Rehberg

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