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Fußball aus aller Welt Netzer und die Tiefe des Raumes
Sportbuzzer Fußball Fußball aus aller Welt Netzer und die Tiefe des Raumes
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12:08 28.04.2012
Von Carsten Schmidt
Günter Netzer überwindet Gordon Banks per Elfmeter und stellt mit dem 2:1 die Weichen für den ersten Sieg einer deutschen Fußballelf im Wembleystadion. Quelle: Archiv
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Hannover

Man kennt die älteren Herren aus dem Fernsehen: Uli Hoeneß ohnehin, den Präsidenten des FC Bayern München, der auf jeder Ehrentribüne mit hochrotem Kopf auszumachen ist. Franz Beckenbauer und Paul Breitner als Greenkeeper, die sich um ein perfektes Champions-League-Ambiente in der Münchener Arena bemühen, Gerd Müller als Schwejkschen Werbepartner von Thomas, dem neuen Bayern-Stürmerstar mit demselben Nachnamen. Etwas stiller ist es um Günter Netzer geworden, der jahrelang dem ARD-Moderator Gerhard Delling grätschend in die Wortparaden gefahren ist.

Dieses „graue Fußball-Quintett“ hat sich seine Popularität redlich verdient. Beckenbauer, Breitner, Hoeneß, Müller und Netzer haben geschwitzt, geackert - und mit sechs Fußballerkollegen auf diese Weise dem deutschen Sport eine Sternstunde beschert hat. Vor vierzig Jahren, am 29. April 1972, gewann die deutsche Nationalelf mit 3:1 gegen England - im Wembley-Stadion, der Fußballfestung jener Zeit, die auf vergleichbare Weise zuvor nur 1953 die Ungarn bei ihrem legendären 6:3-Triumph geschliffen hatten. Es war der erste Sieg einer Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes im Mutterland des „runden Leders“.

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Und es war eine besondere Stunde, weil deutscher Kampfgeist und brasilianische Leichtigkeit eine perfekte Symbiose bildeten - bei englischem Regenwetter. Niemand hatte dieser deutschen Elf in der Besetzung Sepp Maier, Horst-Dieter Höttges, Beckenbauer, Hans-Georg Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß, Netzer, Herbert Wimmer, Jürgen Grabowski, Müller und Siegfried Held eine Chance gegeben. Vielmehr erwarteten die Experten im Viertelfinal-Hinspiel um die Europameisterschaft 1972 eine böse Schlappe, weil mit Wolfgang Weber, Klaus Fichtel, Wolfgang Overath und Berti Vogts wichtige Stammkräfte fehlten.

Doch dem damaligen Bundestrainer Helmut Schön gelang ein taktischer Geniezug: Er kreierte den Doppel-Libero mit Netzer und Beckenbauer, die aus der Tiefe des Raumes das deutsche Angriffsspiel in Fahrt brachten. Der damals pfeilschnelle Hoeneß auf der Außenbahn schoss den Führungstreffer in der 26. Minute. Netzer beherrschte mit raumgreifendem Schritt und unnachahmlicher Zuspielpräzision das Feld und verwandelte auch noch mit viel Glück einen Strafstoß zum 2:1 sechs Minuten vor dem Abpfiff. Englands Torwart Gordon Banks hatte die Fingerspitzen am Ball, konnte aber nicht abwehren. Den Schlusspunkt setzte vier Minuten später Müller, bester deutscher Stürmer aller Zeiten.

Dieses Spiel lieferte die Vorgeschichte zum EM-Titelgewinn gegen die Sowjetunion (3:0) sieben Wochen später. Danach indes zerfiel diese Elf, auch weil Netzer nie wieder Wembley-Form erreichte. Auch deshalb dominierten beim WM-Sieg 1974 wieder die deutschen Tugenden.