Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Fußball aus aller Welt Schweinsteiger hofft auf ersten internationalen Titel
Sportbuzzer Fußball Fußball aus aller Welt Schweinsteiger hofft auf ersten internationalen Titel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
00:52 26.05.2013
Von Stefan Knopf
Die große Sehnsucht: Bastian Schweinsteiger hofft darauf, am Sonnabend endlich den Pokal mit den großen Henkeln zu gewinnen. Quelle: dpa
Anzeige
London

Die Meisterschaft war ja längst entschieden, und es standen noch ein paar wichtigere Spiele an, das größte davon kommt morgen Abend mit dem Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund. Da kann es nicht schaden, ein paar Kräfte zu sammeln.

Es ist viel geschrieben worden von der Wandlung des Bastian Schweinsteiger; vom jungen Mann, der sich die Fingernägel lackierte und den die Sicherheitskräfte des FC Bayern einst zu fortgeschrittener Stunde im Trainingszentrum der Münchener mit einer jungen Dame im Whirlpool erwischten, hin zu einer Leitfigur des deutschen Fußballs, der bei der Weltmeisterschaft 2010 zu einem Weltklassespieler reifte. Doch noch verblüffender ist Schweinsteigers Entwicklung in den zurückliegenden zwölf Monaten, und wer das besser nachvollziehen will, der muss Schweinsteiger in die Allianz-Arena begleiten, hin zu dem Pfosten, an dem im Mai 2012 ein Traum zerschellte.

Anzeige

Als letzter Münchener Schütze war Schweinsteiger ins Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea gegangen, alles war ausgerichtet auf den emotionalen Champions-League-Triumph im eigenen Stadion, doch der Ball nahm eine andere Richtung, als es das Bayern-Drehbuch vorgesehen hatte, und landete am Pfosten. Wie ein Häufchen Elend saß Schweinsteiger anschließend auf dem Rasen, der einsamste Mann im Stadion, und wer ihn so dahocken sah, der fragte sich: Wie lange wird es dauern, bis er das wegsteckt?

Dann kam die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, Schweinsteiger war aufgrund einer Knöchelverletzung angeschlagen, aber es war nicht die einzige Wunde. Seine Körpersprache auf dem Platz, im Hotel, bei den Pressekonferenzen legte schonungslos offen, wie sehr das verlorene Finale an ihm nagte.

Kann so ein Spieler noch ein Anführer sein? Kritiker bemerkten bereits, dass der Dortmunder Ilkay Gündogan der bessere Schweinsteiger sei, und übersahen, wie sich das Original in dieser Saison Schritt für Schritt wieder seiner Bestform näherte. Wie auch immer Heynckes das hinbekommen hat in noch nicht einmal einem Jahr: Diesem verflixten Pfosten, dem Symbol seines Scheiterns, begegnet Schweinsteiger in München mindestens jede zweite Woche, aber er hat eine Saison gespielt, als wäre nie etwas geschehen.

Die Bayern können einen Schweinsteiger in Bestform ganz gut gebrauchen. Der ganze Verein schleppte schwer an der Demütigung, zwei Jahre lang keinen Titel gewonnen zu haben. Im vergangenen Jahr kassierten die Münchener die Höchststrafe, als sie dreimal Zweiter wurden: in der Bundesliga, in der Champions League und im DFB-Pokal. Das war eine Bilanz, wie man sie bislang nur von Bayer Leverkusen kannte. Umso größer ist in München nun die Genugtuung darüber, die Meisterschale zurück an die Isar geholt zu haben, und das nebenbei auch noch garniert mit ein paar Bundesligarekorden. Und jetzt soll die Krönung in der Champions League folgen, nein, sie muss sogar folgen: Eine Niederlage ausgerechnet gegen den Ligakonkurrenten aus Dortmund würde die ganze Saison mit all ihren Superlativen nebensächlich machen.

Offiziell beschäftigen sich die Bayern nicht mit einem möglichen Scheitern, es würde zu viele schlechte Erinnerung wecken – vor allem für die Generation Schweinsteiger, die ja noch immer auf den ersten internationalen Titel wartet. Sechs Anläufe haben Schweinsteiger und die Vertreter seiner Fußballergeneration, zu der auch Lukas Podolski und sein Münchener Kollege Philipp Lahm zählen, bislang unternommen, sechsmal hat immer irgendetwas zum großen Triumph gefehlt: 2010 und 2012 die Niederlagen mit den Bayern im Champions-League-Finale, 2006 und 2010 das Aus mit der Nationalelf im WM-Halbfinale, 2008 die Niederlage im EM-Finale und 2012 im EM-Halbfinale. Die Frage, die immer unausgesprochen dahintersteht, lautet: Wie viele Gelegenheiten sollen noch verstreichen?

Bei alldem wird gerne übersehen, dass Schweinsteiger erst 28 Jahre alt ist und abseits der Fußballmaßstäbe noch immer ein junger Mann. Als der FC Bayern im Jahr 2001 zum bislang letzten Mal Europas Fußballthron erklomm, da kickte Schweinsteger noch für die Münchener B-Junioren und hat das Brimborium aus sicherer Entfernung beobachten können. An diesem Wochenende in London will er eine Hauptrolle spielen, eine strahlende. Genug Kraft gesammelt hat er ja.

Anzeige