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Fußball aus aller Welt Die alte Masche
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00:15 23.10.2013
Von Stefan Knopf
„Niemand hat mir gesagt, dass es kein Tor war“: Hoffenheims Platzwart hat das kaputte Tornetz notdürftig zusammengeknotet – da war es aber schon zu spät. Quelle: Uwe Anspach
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Hannover

Die „Bild am Sonntag“ schrieb von der „Loch-Nummer des Jahres“, und in der Tat ist in Deutschland lange nicht mehr so viel über ein Fußballspiel gesprochen worden wie über den 2:1-Sieg von Bayer Leverkusen bei 1899 Hoffenheim am Freitagabend. Kurze Rückblende: Stefan Kießling köpft in der 70. Minute den Ball ans Außennetz des Hoffenheimer Tores. Der Leverkusener Stürmer schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und dreht sich vom Tor weg. Durch ein Loch im Netz fliegt der Ball ins Hoffenheimer Tor und liegt plötzlich hinter der Linie. Schiedsrichter Felix Brych entscheidet auf 2:0 für Leverkusen und setzt das Spiel mit Anstoß für Hoffenheim fort. Einige Minuten später weisen ihn die Hoffenheimer Reservisten, die sich hinter dem Tor aufwärmen, auf das Loch im Netz hin. Brych ahnt, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hat, die auch nach diesem Bundesligawochenende viele Fragen aufwirft.

Was sagt der Schiedsrichter?

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Felix Brych räumt ein, dass er im ersten Moment leichte Zweifel gehabt habe, „aber die Reaktionen der Spieler waren eindeutig. Es gab kein Anzeichen, dass es ein irreguläres Tor sein könnte. Ich habe mich mit Stefan Kießling ausgetauscht, aber niemand, auch er nicht, hat mir gesagt, dass es kein Tor war.“

Hätte Brych seine Entscheidung nicht korrigieren können, als ihn Hoffenheims Ersatzspieler auf das Loch im Netz aufmerksam machten?

Nein, der Hinweis der Reservisten kam zu spät. Eine Korrektur wäre laut Reglement nur bis zum Wiederbeginn des Spiels möglich gewesen. Mit dem Anstoß stand die Tatsachenentscheidung fest.

Was sagt Stefan Kießling?

Weil sich Kießling nach seinem Kopfball vom Tor abwendete wie nach einer vergebenen Torchance, sind sich vor allem Hoffenheims Fans sicher: Er hat gesehen, was passiert ist. Das aber weist der Leverkusener Stürmer zurück: „Ich habe im ersten Moment gedacht, der Ball geht nicht rein, aber dann kommen alle auf mich zu, und ich sehe den Ball im Netz. Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, dass ich überrascht war, es aber nicht genau gesehen habe.“

Was will 1899 Hoffenheim?

Hoffenheim hat Einspruch gegen die Spielwertung eingelegt und fordert, dass die Partie wiederholt wird.

Was will Bayer Leverkusen?

Die Reaktionen aus Leverkusen sind verständnisvoll - die Fakten sind ja auch eindeutig. „Uns ist das natürlich auch unangenehm“, sagt Bayer-Sportdirektor Rudi Völler, „denn so wollen wir nicht gewinnen.“ Der Verein werde das Urteil des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) akzeptieren, auch ein Wiederholungsspiel, allerdings macht sich Völler für eine andere Lösung stark: eine Wiederholung ab der 70. Minute, weil bis zu Kießlings vermeintlichem 2:0 regulär gespielt worden sei. Problem: Eine Teil-Wiederholung, wie es sie in Spanien oder Italien gibt, sehen die Statuten des DFB nicht vor.

Gibt es Präzedenzfälle für den Hoffenheimer Protest?

In der Geschichte des deutschen Profifußballs gibt es zwei Phantomtore, nach denen es jeweils ein Wiederholungsspiel gab. Beim Zweitligaspiel zwischen Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers (4:3) am 21. Oktober 1978 rutschte der Ball ebenfalls durchs Seitennetz hinter die Linie. Stuttgart gewann das Wiederholungsspiel mit 1:0. Im Erstligaspiel zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg (2:1) am 23. April 1994 stocherte Münchens Thomas Helmer den Ball am Pfosten vorbei ins Toraus, trotzdem erkannte Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers auf Treffer zum 1:0. Das Wiederholungsspiel gewannen die Bayern mit 5:0.

Also wird das Spiel wiederholt?

Nicht unbedingt. Ein Einspruch gegen die Spielwertung ist laut DFB-Spielordnung unter anderem möglich nach einem Regelverstoß durch den Schiedsrichter, wenn dies die Spielwertung mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat. Weil die Schiedsrichter-Assistenten vor der 1. und der 2. Halbzeit die Tornetze überprüfen und ihnen das Loch dabei nicht aufgefallen war, könnten sich die Hoffenheimer auf eine mangelnde Kontrolle beziehen. Andererseits ist der gastgebende Verein für die korrekte Ausstattung zuständig. Aber selbst wenn der DFB das Spiel neu ansetzen möchte, geschieht das nur in Abstimmung mit dem Weltverband FIFA. Und das ist die nächste Hürde, denn der Weltverband will an der Tatsachenentscheidung nicht rütteln. Auch die Neuansetzung der Partie Bayern gegen Nürnberg nach Helmers Phantomtor kam dort seinerzeit nicht gut an.

Wie verhält sich der DFB?

Zurückhaltend. „Entscheidend ist für uns, welche Möglichkeiten uns die sportrechtlichen Statuten und Vorgaben überhaupt geben, denn letztlich ist die FIFA bei einer solchen Entscheidung maßgeblich“, sagt der für Rechts- und Satzungsfragen zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch. Er erinnert an die Partie zwischen 1860 München und dem Karlsruher SC (2:2) aus dem Jahr 1997, als der DFB das Spiel wegen eines Fehlers von Schiedsrichter Michael Malbranc wiederholen lassen wollte und am Weltverband scheiterte: „Die FIFA hat den Fall einkassiert und auf die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters hingewiesen.“

Hätte die Torlinientechnik, die bei der WM in Brasilien eingesetzt werden soll, die Fehlentscheidung verhindert?

Wenn man dem Hersteller glauben darf: ja. Demnach überwacht das System den Raum zwischen Torpfosten und Latte wie mit einem unsichtbaren Vorhang und sendet dem Schiedsrichter nur dann ein Signal, wenn der Ball in diesem Bereich die Torlinie überschreitet. Besonders peinlich für den DFB: Der Verband sträubt sich gegen die Einführung der Technik; frühestens 2015 sollen die deutschen Stadien damit ausgerüstet werden, während das System beispielsweise in England schon seit dieser Saison läuft. Hoffenheim leidet übrigens schon zum zweiten Mal unter dem Schneckentempo des DFB. Am 1. Spieltag verweigerte Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer Kevin Volland im Spiel gegen Nürnberg einen Treffer, obwohl der Ball die Linie deutlich überschritten hatte. Das Spiel endete 2:2.

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