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Fußball aus aller Welt Was ist los im 96-Talentschuppen?
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00:15 29.03.2015
Nicht nur an der Standorttafel des NLZ am Eilenriede-Stadion nagt der Zahn der Zeit. 2017 soll hier alles neu und modern sein.
Nicht nur an der Standorttafel des NLZ am Eilenriede-Stadion nagt der Zahn der Zeit. 2017 soll hier alles neu und modern sein. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Einzelfälle. Eine Kampagne überspannter Eltern. Alte Geschichten. Klagen frustrierter Väter oder Mütter, deren Kinder sportlich gescheitert sind.

In diesem Spektrum bewegten sich Reaktionen der Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, nachdem die HAZ vor fast genau einem Monat über Zustände im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des Vereins in der Eilenriede berichtet hatte.

Eine kleine Rückblende: Ein Nachwuchstrainer von 96 hatte nach einem Hallenturnier im Januar 2013 ein Foto von seinem Handy verschickt, das fünf Jungen mit nackten Hintern zeigt, versehen mit einer höhnischen Bemerkung über Bayern München. Das Foto ging an die Eltern, als der Fall mit zwei Jahren Verspätung öffentlich wurde, stritt der Trainer ab, das Bild selbst gemacht zu haben. Zudem ging im Februar bei der Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige wegen Verleumdung gegen denselben Trainer ein. Vorwurf: Er soll einen Jugendspieler bezichtigt haben, einem Mannschaftskameraden Geld gestohlen zu haben.

Das alles hat in den vergangenen Wochen zu Turbulenzen im NLZ geführt und zu zahlreichen Gesprächsrunden von Clubchef Martin Kind mit den beiden Leitern des NLZ, Jens Rehhagel und Nicolas Michaty. Aber was ist danach passiert?

Kind hat Überlegungen, den Übungsleiter abzumahnen, wieder verworfen. Der Trainer ist trotz offenkundigen Mangels an pädagogischen Fähigkeiten weiterhin auf seinem Posten. Ehrenamtlich. Auch der Vorsitzende des Aufsichtsrates von Hannover 96, Valentin Schmidt, ein allseits respektierter Mann und lange Jahre Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands, wiegelt ab: „Das sind Geschichten, die zwei Jahre zurückliegen. Ich habe den Eindruck, dass es jetzt hervorragend läuft im Leistungszentrum.“ Er wolle die Vorfälle aber noch einmal ansprechen.

Rehhagel sagt, dass „wir alles ausführlich geprüft haben“ und bleibt bei seiner Meinung, „dass hier vor allem eine Person versucht, einem Trainer etwas anzuhängen“. Deshalb habe es keinen Grund gegeben, sich von dem kritisierten Trainer zu trennen. Bei den Clubverantwortlichen sollen nach dem Bericht in der HAZ rund 20 Mails eingegangen sein, alle voll des Lobes über den Trainer, der in der kommenden Saison mit neuen Jugendlichen arbeiten wird: „Wir wollen nicht, dass ein Trainer langfristig den gleichen Jahrgang trainiert“, sagt Rehhagel. Kind nennt es „Rotationsprinzip“, es soll verhindern, dass Konflikte mit Eltern oder Spielern über Jahre weitergetragen werden.

Im NLZ ist in der jüngsten Vergangenheit viel schiefgelaufen. 2014 sorgte der Streit um Slaven Skeledzic für Ärger, der zum neuen Sportlichen Leiter des NLZ ernannt worden war und drei Monate später nach internen Querelen und Protesten der Trainer wieder entlassen wurde. Außerdem wandten sich Eltern der U 14-Junioren an Kind. Ihr Vorwurf vor einem Jahr: Es gibt weder ein Konzept für die Zukunft, noch den Willen, etwas an den bestehenden Strukturen zu ändern. Einige der Eltern haben ihre Söhne bei 96 daraufhin abgemeldet.

Auch aktuell läuft es nicht für alle gut in der Nachwuchsorganisation von Hannover 96. Rehhagel bestätigt, dass sich der Verein vom Trainer der U11 getrennt hat, über die Gründe möchte er nichts sagen. „Es war keine Vertrauensbasis mehr vorhanden. Mit der anderen Thematik hat das aber nichts zu tun.“

Ein weiterer Trainer wird von einigen Eltern sehr kritisch betrachtet. Ein Vater berichtet, dass dieser seine Mannschaft, 13-Jährige, stark in Lieblinge und den Rest der Truppe einteile. Lob für die einen, Kenntnisnahme der anderen. „Die Mannschaft ist geteilt in Ausländer und Deutsche“, erzählt er. Beschweren sich Eltern, treffe es deren Kinder noch ärger. Als ein Junge all seinen Mut zusammennahm und beim Sportlichen Leiter auf die Situation von sich und einigen Mitspielern aufmerksam machte, habe es geheißen, es handle sich um ein Problem von Eltern und Spielern. „Nach dem Gespräch wurde mein Sohn aus dem Kader für das nächste Turnier geworfen.“ Auch nur ein Einzelfall?

Ein Muster ist von Kritikern immer wieder zu hören: Wer aufmuckt, riskiert, dass sein Kind darunter leiden wird. Andererseits - auch das gehört zur Nachwuchsarbeit in einem Bundesligaclub - müssen sich die Trainer manchmal mit Eltern auseinandersetzen, die ihre Söhne besser einschätzen, als sie tatsächlich sind. Trainer können da schnell mal ungerechtfertigt zur Zielscheibe werden, wenn der erhoffte Profitraum platzt.

Es ist deshalb ein schwieriges Spannungsfeld, in dem sich Rehhagel, Michaty und die Trainer bewegen, vor allem bei der Leistungsbeurteilung der jungen Kicker. „Deshalb trifft kein Trainer eine Entscheidung alleine“, sagt Rehhagel. Mögliche persönliche Vorbehalte sollen auf diese Art und Weise minimiert werden.

Clubchef Kind wünscht sich, dass endlich Ruhe im NLZ einkehrt. Und eine Aufbruchstimmung entsteht. „Wir müssen mehr dafür tun, dass bei uns Spieler so an die Bundesligamannschaft herangeführt werden, dass sie dort zum Stamm gehören“, sagt er. Das bislang letzte Talent, das nach der Ausbildung in der 96-Jugendabteilung zu einer festen Größe bei den Profis wurde, war 2008 Konstantin Rausch (heute VfB Stuttgart) - lange ist es her.

Die 2,5 Millionen Euro, die sich 96 die Talentförderung bis hin zur U23-Mannschaft kosten lässt, zahlen sich bisher nicht wie erhofft aus. Mit dem neuen, 15 Millionen Euro teuren NLZ, mit dessen Bau demnächst begonnen wird und das 2017 fertig sein soll, will der Verein endlich auch in diesem wichtigen Bereich erstklassig werden. Spätestens dann sollen ausschließlich professionelle Trainer bis in die untersten Jahrgänge hinein arbeiten.

Sportlich sorgt der rote Talentschuppen derzeit für Ergebnisse, von denen die Profis um Lars Stindl nur träumen können: Die A-Junioren sind Bundesliga-Tabellenführer, die B-Junioren stehen in der Bundesliga hinter RB Leipzig auf dem zweiten Platz.

Von Gunnar Menkes und Heiko Rehberg

96 hat noch Nachholbedarf

Zertifizierte Nachwuchsleistungs-
zentren: Die Jugendarbeit in den deutschen Fußballclubs wird nicht nur nach Siegen und Titeln beurteilt. Seit 2001 sind die 18 Bundesligisten verpflichtet, ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zu unterhalten. Entsprechendes gilt mit etwas abgeschwächten Kriterien auch seit 2002 für die Zweitligisten. Auslöser für diesen Schritt war das desaströse Vorrunden-Aus der Nationalelf bei der Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien.

Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB)und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) als Profidachverband ging es aber nicht nur um Infrastruktur, sondern auch um Qualität. Deshalb werden die NLZ der Vereine seit 2007 von der unabhängigen Agentur Double Pass in einem Dreijahresturnus besucht, geprüft und zertifiziert. Dabei gibt es ein Sternesystem von null bis drei. Bewertet wird in erster Linie die Fußballausbildung, eine Rolle spielen aber auch Effektivität, Infrastruktur, Unterstützung und Bildung, Kommunikation und Kooperation, Personal, Strategie und Finanzen sowie 
 Organisation.

Die Veröffentlichung des Ergebnisses hält die DFL unter Verschluss. Die Begründung: Es sei nicht das Interesse des Dachverbandes, eine Hitliste der Clubs auf diesem Gebiet zu präsentieren. Dennoch ist bekannt, dass Hannover 96 in dieser Rangliste noch Nachholbedarf hat. Das NLZ der „Roten“ wurde zuletzt 2013 besucht und bewertet, dabei gab es einen Stern. Auf dieses Level aufschließen will Eintracht Braunschweig bei der anstehenden Prüfung im August. 2013 verfehlte die Eintracht den Stern. Damals befand sich das dortige NLZ noch im Aufbau, der Club musste sich aber wegen des überraschenden Erstligaaufstiegs der Profis der Zertifizierung stellen.

Es gibt auch Clubs, die mit den Sternen offensiv werben, wenn sie die Höchstzahl drei erhalten haben. Das sind der FC Bayern München, aber auch Zweitliga-Spitzenreiter FC Ingolstadt, der im Nachwuchsbereich bisher kaum aufgefallen ist. Im Norden war die Verblüffung groß, als der FC St. Pauli im Juli 2012 drei Sterne erhielt. Schon seit Längerem einen guten Ruf genießt die Jugendarbeit von Werder Bremen, die 2007, 2011 und 2015 mit drei Sternen bedacht wurde. Der VfL Wolfsburg erhielt 2014 erstmals die Höchstbewertung, der Hamburger SV wurde 2013 mit drei Sternen für sein NLZ bewertet.

cas

Christian Purbs 26.03.2015
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