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Fußball vor Ort 2. Fußball-Kreisklasse B: Spielabbruch auf dem Leineberg nach Schlägerei
Sportbuzzer Fußball Fußball vor Ort 2. Fußball-Kreisklasse B: Spielabbruch auf dem Leineberg nach Schlägerei
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17:59 08.10.2013
Wenn Unparteiische nicht nur pfeifen, sondern auch winken: Schiedsrichter Michael Markov bei einem GSC-Spiel. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Der GSC erhebt jetzt gegen die gegnerischen Spieler und Fans schwere Vorwürfe – vor allem aber gegen den Unparteiischen: Dieser habe untätig zugesehen, wie sieben Leineberger auf einen GSC-Akteur einschlugen und -traten.

Der Vorfall wirft ein neues Licht auf die Rolle des Gehörlosen SC im gemeinsamen Spielbetrieb der Hörenden, der seit der vergangenen Saison praktiziert wird.

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Im Spiel zwischen Leineberg und dem GSC sei es eine Viertelstunde vor Schluss zur Eskalation gekommen, berichtet der GSC-Akteur Fabian Richter. Es habe eine „harte Tätlichkeit“ gegen einen Gehörlosen-Akteur gegeben: „Insgesamt sieben Zuschauer und Spieler haben auf diesen Spieler eingeschlagen und getreten, selbst als dieser schon am Boden lag“, so Richter.

Schiedsrichter war überfordert

„Der Schiedsrichter war mit der Situation anscheinend überfordert und sah untätig zu.“ Erst als der Unparteiische auf die Situation angesprochen worden sei, habe er das Spiel abgebrochen. Eine Entschuldigung der Sportfreunde habe es nicht gegeben.

Eine Vorgeschichte habe es nicht gegeben, zumal die Sportfreunde als Absteiger noch in der vergangenen Saison eine Liga höher in der 1. Kreisklasse B spielten. „Aber es wurden abfällige Gesten getätigt, welche unsere Behinderung darstellen sollten, als ob wir geistig behindert wären“, erläutert Richter. Schließlich sei eine dauerhafte Auseinandersetzung zweier Spieler „vollkommen aus dem Ruder gelaufen“, und der GSC-Akteur, der sich längst umgedreht habe, sei von Leinberger Spielern zu Boden geschubst worden.

Schiedsrichter Lacic vom Tuspo Mengershausen bestätigte auf Tageblatt-Nachfrage, dass der Grund für den Spielabbruch eine Schlägerei war. Ein entsprechender Bericht sei von ihm verfasst und an den Staffelleiter geschickt worden. Dieser gibt die Schiedsrichterberichte an den Spielausschuss weiter. In nächster Zeit wird sich das Kreissportgericht mit dem Vorfall beschäftigen. Lacic wollte sich aufgrund des schwebenden Verfahrens nicht weiter dazu äußern. Ein Leineberger Verantwortlicher war telefonisch weder am Montag noch am Dienstag zu erreichen.

Zweifelhafter Ruf

Der GSC spielt erst seit der vergangenen Saison in der 2. Kreisklasse B – und hat sich bereits einen zweifelhaften Ruf erworben. So brandmarkte der heutige stellvertretende Spielausschussvorsitzende Carsten Jahns den Klub auf dem Staffeltag im vergangenen Sommer als schwarzes Schaf in Sachen Fairplay:

Mit sieben roten, acht gelb-roten und 41 gelben Karten sowie einem Sportgerichtsverfahren sei der GSC in der vergangenen Saison das mit Abstand unfairste Team im Kreis gewesen. GSC-Spieler Richter lastet diese verheerende Bilanz vor allem den Unparteiischen an, die voreingenommen seien. Die Referees winken bei Spielen der Gehörlosen zusätzlich zu den Pfiffen mit einer Fahne, um beispielsweise ein Foul anzuzeigen.

„Vor jedem Spiel wird unsere Problematik mit dem Schiedsrichter kommuniziert. Im Spielverlauf kommt es jedoch sehr häufig zu Situationen, in denen der Schiedsrichter eine Verzögerung unserer Reaktionen auf seine Pfiffe und sein Fahnenschwenken mit einer gelben Karte ahndet“, klagt Richter. Es komme häufig vor, dass die hörende Mannschaft „verbal mit dem Schiedsrichter interagiert und ihn so manipuliert“. So erhielten GSC-Akteure regelmäßig bereits bei kleinen Fouls ohne vorherige Ermahnung eine gelbe Karte.

Blickkontakt zu Spieler notwendig

Halte sich der Schiedsrichter zudem im Rücken eines gehörlosen Spielers auf, könne dieser das Winken des Unparteiischen überhaupt nicht wahrnehmen. Während bei Partien der 2. Kreisklasse nur ein Schiedsrichter auf dem Platz steht, zeigen in Gehörlosen-Ligen zusätzlich Linienrichter die Entscheidung an. „Darum gibt es bei diesen Spielen kaum Probleme, auch weil man sich respektiert“, so Richter.

Ebenfalls der Spielausschuss-Vorsitzende Klaus Henkel will sich vorerst nicht äußern. Allerdings, sagt er, gebe es „sehr unterschiedliche Sichtweisen“ – eine davon gehört dem Spielausschuss-Mitglied Stephan Kanbach, der vor Ort war und voraussichtlich vom Kreissportgericht gehört werden wird. Im Übrigen müssten erst mal „die Fakten auf den Tisch“. Gravierende Klagen des GSC seien ihm bisher nicht zu Ohren gekommen. Für die Schiedsrichter, sagt er, sei die Situation nicht ganz einfach.

 ►Kommentar

Projekt auf der Kippe

Eduard Warda

Nach einer Saison gemeinsamen Spielbetriebs von Hörenden und Gehörlosen in der 2. Fußball-Kreisklasse muss das Projekt schon fast für gescheitert erklärt werden.

Die Fronten sind verhärtet: Dem Vernehmen nach gibt es Klubs, die wegen der harten Gangart der Gehörlosen gar nicht mehr gegen den GSC antreten wollen, die Gehörlosen beschweren sich ihrerseits über Diskriminierung und Probleme mit den Schiedsrichtern.

Von diesen fühlen sich die GSC-Akteure auch im Hinblick auf gelbe Karten ungerecht behandelt. Die Prügelei auf dem Leineberg, wahrscheinlich aus dem Frust des Nicht-Verstehens heraus entstanden, ist der vorläufige Höhepunkt der Fehlentwicklung.

Vor allem die nun von einem GSC-Spieler geäußerte Kritik an den Schiedsrichtern bringt das Projekt ins Wanken: Weil die gehörlosen Sportler Entscheidungen der Unparteiischen nicht registrieren, werden sie bestraft – ohne, dass sie sich etwas zu Schulden kommen ließen.

Aus personellen Gründen können in der 2. Kreisklasse keine Assistenten aufgeboten werden. Diese sind jedoch offenbar dringend nötig, um Schiedsrichter-Entscheidung zusätzlich kenntlich zu machen.

Die Folge: Die GSCer fühlen sich ungerecht behandelt, es kommt Frust auf, und am Ende steht ein Eklat.

Es ist höchste Zeit, dass sich der Kreisspielausschuss des Problems annimmt. Dabei genügt es nicht, an das Fairplay der Gehörlosen zu appellieren, nur um weiterhin die Missstände zu ignorieren.

Es muss einen runden Tisch geben. Die Alternative ist, das Projekt zu begraben.

Von Eduard Warda