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WM 2010 Eine Reise durch die Vergangenheit
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10:25 07.07.2010
2006: Sommermärchen ohne Happy End. Quelle: Handout
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Joachim Löw ist kein großer Freund von Vergleichen. Als er damit konfrontiert wird, dass die aktuelle Nationalelf in Südafrika an jene legendäre Elf erinnert, die 1972 Europameister wurde, damals mit Günter Netzer, Franz Beckenbauer und Gerd Müller, sagt der Bundestrainer: „Das war ein anderer Fußball, die Athletik spielt heute eine andere Rolle.“ Doch Löw sagt auch, dass „es einigermaßen lange her ist, dass eine Nationalmannschaft spielerisch über 90 Minuten dominant sein konnte“. So dominant wie die „Generation Schweinsteiger“ im Jahr 2010.

Ein Blick auf die unterschiedlichen Nationalteams und ihre Charakteristika zeigt, dass es eine Mannschaft wie die, die heute im WM-Halbfinale gegen Spanien steht, noch nicht gegeben hat. Ein kleiner Streifzug durch die vergangenen 40 Jahre WM-Geschichte.

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1970: Der Generationenkonflikt

Die Mannschaft mit dem Generationenkonflikt: Bereits vor dem Turnier hat Bundestrainer Helmut Schön ein Problem. Er hat den 24-jährigen Gerd Müller, der im Angriff nicht zu dem 33-jährigen Uwe Seeler passt. Und er hat in der Abwehr Franz Beckenbauer, 24 Jahre jung, und Willi Schulz, den „World-Cup-Willi“ vom Turnier vor vier Jahren in England, bereits 31 Jahre alt. Doch Schön schafft es, diese Mannschaft im Umbruch, in der Sepp Maier erstmals die Nummer 1 ist, zu einer Einheit zu formen. Im Viertelfinale gegen England (3:2 nach Verlängerung) treffen Beckenbauer, Seeler und Müller. Im Halbfinale gegen Italien (3:4 n.V.) zeigt die Mannschaft ein Spiel, dessen Dramatik bis heute unübertroffen ist.

Platzierung: 3. Platz, 1:0 gegen Uruguay.

1974: Der Spielerputsch

Nach dem 0:1 in der Vorrunde gegen die DDR übernimmt Franz Beckenbauer das Kommando – und schafft es auf wundersame Art, dass Bundestrainer Helmut Schön dabei nicht sein Gesicht verliert. Auf Beckenbauers Drängen ändert Schön die Aufstellung, danach gibt es nur noch Siege. Den Konflikt im Mittelfeld zwischen Günter Netzer und Wolfgang Overath löst Schön, indem er Netzer nur ein einziges Mal einsetzt, im Spiel gegen die DDR. Eine Parallele zum Team 2010 ist auffällig: Schön setzt auf Blockbildung mit sechs Bayern-Profis – und fünf Mönchengladbachern.

Platzierung: Weltmeister, 2:1-Finalsieg gegen die Niederlande.

1978: Ende einer Ära

Beim Turnier in Argentinien gelingt Helmut Schön die schwierigste Aufgabe eines Trainers nicht – der Neuaufbau nach einem großen Erfolg. Beckenbauer und Müller sind nicht mehr dabei, der neue Kapitän Berti Vogts ist überfordert. Das 2:3 gegen Österreich ist das Symbolbild einer nicht nur spielerisch unharmonischen Mannschaft.

Platzierung: Aus in der 2. Finalrunde.

1982: Die Streittruppe

Es ist die vielleicht unsympathischste Nationalmannschaft der vergangenen Jahrzehnte. Bereits nach dem Trainingslager am Schluchsee im Schwarzwald sprechen die Medien vom „Schlucksee“. In der Vorrunde verspielt die Mannschaft mit dem skandalösen 75-minütigen Nicht-Angriffspakt gegen Österreich (1:0) den letzten Bonus; die Spieler werfen aus ihren Hotelzimmern Wasserbomben auf die Fans. Harald „Toni“ Schumachers brutales Foul an Patrick Battiston im Halbfinalkrimi gegen Frankreich (5:4 im Elfmeterschießen) und seine Sprüche danach prägen das Bild vom arroganten deutschen Fußballprofi.

Platzierung: 1:3-Finalniederlage gegen Italien.

1986: Die Manndeckerelf

Franz Beckenbauer schickt als Teamchef eine Mannschaft nach Mexiko, in der nicht nur ungewöhnlich viele Verteidiger stehen mit Karl-Heinz-Briegel, Karlheinz Förster, Ditmar Jakobs, Klaus Augenthaler, Norbert Eder, Matthias Herget, Andreas Brehme und Thomas Berthold, sondern die vom „Kaiser“ auch noch alle meistens in einem Spiel eingesetzt werden. Mit Torwart Uli Stein, der sich mit seiner Rolle als Nummer 2 hinter Schumacher nicht abfinden will, muss erstmals ein deutscher Nationalspieler vorzeitig nach Hause fahren, weil er Beckenbauer als „Suppenkasper“ beschimpft. Die 86er-Mannschaft hat wenig spielerische Klasse, aber sie zeigt Moral.

Platzierung: 2:3-Finalniederlage gegen Argentinien.

1990: Die Legionärsmannschaft

Deutsche Fußballprofis sind zu der Zeit im Ausland gefragt, mit Kapitän Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann spielen gleich drei Leistungsträger in Italien. Beckenbauer findet eine gute Mischung, mit Olaf Thon, Pierre Littbarski, Andreas Möller oder Thomas Häßler sind technisch gute Spieler dabei, dazu kommen mit Jürgen Kohler und Guido Buchwald Typen, die die deutschen Fußballtugenden Kampf und Leidenschaft verkörpern.

Platzierung: Weltmeister, 1:0-Finalsieg gegen Argentinien.

1994: Die erste gesamtdeutsche WM-Elf

Obwohl noch zahlreiche Weltmeister von vor vier Jahren dabei sind, fehlt der Mannschaft von Berti Vogts die Klasse, eine Gemeinsamkeit mit dem Bundestrainer. Die Integration der Spieler aus der ehemaligen DDR ist nicht gelungen, lediglich Matthias Sammer gehört zur Stammelf, Ulf Kirsten bleibt ohne Einsatz. Und dann ist da noch Stefan Effenberg, der deutschen Fans den „Stinkefinger“ zeigt und die Heimreise antreten darf.

Platzierung: Aus im Viertelfinale, 1:2 gegen Bulgarien.

1998: Die „Rentnerband“

Berti Vogts fährt mit einem Kader, dessen Altersdurchschnitt über 30 Jahre liegt, nach Frankreich. Und er schleppt ein Problem mit. Lothar Matthäus und Kapitän Jürgen Klinsmann haben zwar vor der WM einen „Friedensgipfel“ veranstaltet, doch der Konflikt zwischen beiden belastet die Mannschaft, deren Außenverteidiger Jörg Heinrich und Michael Tarnat ein neues Stilmittel einführen, an das sich 2010 in Südafrika zum Glück keiner mehr erinnert: die Flanke von der Mittellinie.

Platzierung: Aus im Viertelfinale, 0:3 gegen Kroatien

2002: Die Zwei-Mann-Show

Hinten hält Torwart Oliver Kahn furios und erlaubt sich erst im Finale eine Ausnahme, vorne trifft Michael Ballack regelmäßig. Rudi Völlers Team steckt voller Gegensätze mit Entdeckungen wie Torsten Frings und Christoph Metzelder und einem Techniker wie Bernd Schneider, aber auch mit Spielern wie Carsten Jancker, Carsten Ramelow oder Marko Rehmer, für die die Fans zu Hause wenig übrighaben.

Platzierung: 0:2-Finalniederlage gegen Brasilien.

2006: Sommermärchen-Projektgruppe

Der Deutsche Fußball-Bund hat sich vor der Heim-WM Jürgen Klinsmann anvertraut, der krempelt das Nationalteam gemeinsam mit Joachim Löw um und zerschlägt Hierarchien. Kahn, der Held von 2002, bekommt im Tor Jens Lehmann vor die Nase gesetzt, amerikanische Fitnesstrainer bringen die Spieler in Form, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger sind noch „Basti und Poldi“. Und in der Abwehr ist bei Per Mertesacker aus Pattensen meistens Endstation für gegnerische Stürmer.

Platzierung: Platz 3, 3:1 gegen Portugal.

2010: Die junge Multi-Kulti-Kombinationsmannschaft

„Ihr seid jünger, schneller, ausdauernder“, sagt Bundestrainer Joachim Löw vor dem Viertelfinale gegen Argentinien zu seinen Spielern. Diese gewinnen mit 4:0 und stehen heute im Halbfinale. Unabhängig vom Ausgang der WM hat Löw bereits Großes geschafft: Deutschland hat eine Mannschaft mit Zukunft, die in der Gegenwart begeistert.

Aus Pretoria berichtet Heiko Rehberg

Dirk Schmaler 07.07.2010
06.07.2010