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WM 2010 Trainervergleich: Löw gegen Maradona
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20:23 29.06.2010
Von Heiko Rehberg
Treffen am Sonnabend aufeinander: Joachim Löw (l.) und Diego Armando Maradona. Quelle: dpa
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Zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Autominuten braucht man von einem Stadion zum anderen. Wenn man Glück hat mit dem Verkehr und den Terminen, dann kann man theoretisch innerhalb von einer Stunde in Südafrika erst Joachim Löw und danach Diego Armando Maradona auf dem Trainingsplatz beobachten – oder umgekehrt. Deutschland und Argentinien, am kommenden Sonnabend um 16 Uhr im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft Gegner in Kapstadt, trainieren beide in der Hauptstadt Pretoria, nur in unterschiedlichen Stadtteilen.

Bei der deutschen Nationalmannschaft ist es üblich, dass Fotografen und Reporter im „Super Stadium“, gelegen mitten im Township Atteridgeville, die erste Viertelstunde beim Training zuschauen dürfen, aus diesen 15 Minuten stammen immer die lustigen Bilder, die die Nationalspieler beim Dehnen oder Rumalbern zeigen. Wenn es richtig losgeht, gibt Bundestrainer Löw ein Zeichen, dann müssen Fotografen und Reporter gehen.

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Bei der argentinischen Mannschaft ist es genau umgekehrt. Dort signalisiert Trainer Maradona im „High Performance Center“ im besseren Stadtteil Hatfield vor einem verschlossenen Tor wartenden Medienvertretern in der letzten Viertelstunde vor Trainingsende, dass sie jetzt rein dürfen. Zu sehen gibt es dann meist ein kleines Spielchen, und die Fotografen freuen sich, dass es auch mal eine Grätsche oder ein satter Schuss auf die Speicherchips ihrer Digitalkameras schafft.

Löw ist immer am Ball

Wer die Trainer Löw und Maradona vergleichen will, die auf den ersten Blick so viele Gemeinsamkeiten haben wie Sonne und Mond, Tag und Nacht, stößt bei der Trainingsbeobachtung auf die erste Überraschung. Maradona, als Spieler Weltmeister von 1986, Weltfußballer, Legende, Superstar des FC Barcelona und SSC Neapel, für viele noch besser als Franz Beckenbauer oder Pele, rührt den Ball nicht an. Während des Spiels trabt er immer etwas mit, eine Pfeife in der Hand, aber sein Laufstil wirkt unrund, als schmerzten ihn die Hüften. Beim Namen Maradona denkt man ja immer, dass er beim Training ein kurzes Zauberstückchen vorführt, den Ball auf dem Fuß kreisen lässt oder dem Kopf, doch Maradona ignoriert seinen alten Freund.

Wer Löw bei den wenigen längeren Gelegenheiten auf dem Trainingsplatz beobachten darf, der sieht bei ihm fast immer den Ball am Fuß. Löw, ein guter Zweitligakicker beim SC Freiburg und Spielertrainer beim FC Frauenfeld, leitet taktische Übungen mit Pässen ein, er dribbelt mit dem Ball am Fuß auf seine Spieler in der Viererkette zu, er stellt seinen Körper bei Zweikämpfen vor den Ball, um Verteidiger Arne Friedrich zu zeigen, wie er angreifen soll. „Begleiten“, ruft er, das soll heißen, dass Friedrich eng dabei sein, aber ein Foul vermeiden soll. Viele Fouls führen zu vielen Freistößen und stoppen den Spielfluss. Löw aber will, dass alles fließt im Spiel seiner Mannschaft, vor allem der Ball.

Löw ist drahtig, schlank, das Gegenteil von Maradona, auch wenn der Argentinier längst nicht mehr so dicklich wirkt, wie er schon einmal war, als ihn Drogen aufgepumpt hatten wie einen Medizinball. Maradona und Löw sind 1960 geboren, wer sieht, wie sie sich bewegen als Trainer, der würde tippen, dass Löw früher in Neapel gespielt hat und Maradona in Frauenfeld.

Ein Maskottchen wirbelt Staub auf

Bei der WM trug Maradona bislang während der Spiele an der Seitenlinie einen feinen Zwirn und zwei Armbanduhren, modisch hat er sich Löw angenähert, der in Südafrika seine Varianten schwarzer Rollkragenpullover oder weißes Hemd um einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt erweitert hat, den auch sein Assistent Hansi Flick trägt. Bei Argentinien würde keiner auf die Idee kommen, das zu tragen, was Maradona gerade anhat. Beim Testspiel in München im März, das Argentinien mit 1:0 gewann, trug Maradona noch einen dunkelblauen Trainingsanzug, in dem er aussah wie das berühmte Michelin-Männchen. Jetzt sieht er aus wie ein richtiger Trainer, auch wenn nur die wenigsten glauben, dass er ein richtiger Trainer ist. Sportdirektor Carlos Bilardo, Maradonas Trainer im Weltmeisterteam von 1986, soll der Stratege sein, Maradona dagegen Maskottchen, Frontmann und Motivator, der so viel Staub aufwirbelt, dass die Spieler kaum zu sehen sind und in Ruhe arbeiten können.

Von Löw würde keiner behaupten, dass er ein Maskottchen ist. Er ist ein akribischer Trainer, das war er schon beim VfB Stuttgart, bei Austria Wien oder in Istanbul bei Fenerbahce. Doch erst bei der Nationalelf hat er einen Job gefunden, in dem seine Art, als Trainer zu arbeiten, zur Geltung kommt. Löw kann in Pressekonferenzen minutenlang über Raumaufteilung („Das ist bei mir eine grundlegende Sache“) oder vertikales Spiel reden, er versprüht dann eine ansteckende Energie. Maradona redet in Pressekonferenzen selten über Taktik, sondern über die großen Themen Stolz, Ehre, Vaterland, Familie (damit meint er seine Spieler) und Verräter – womit er in der Regel die Journalisten meint.

Wenn Löw eine Frage nicht behagt, dann verändert er bei der Antwort die Tonlage. Er hat in den vergangenen Wochen auf Sizilien, in Südtirol und jetzt beim Turnier in Südafrika dämliche Fragen nach Leguanen im Mannschaftsquartier oder Wetten mit seinem Kotrainer gestellt bekommen, nicht einmal hat er unwirsch reagiert oder den Fragesteller angeraunzt, was er denn da für einen Quatsch wissen wolle.

Respekt genießen beide

Maradona wartet die Fragen meist gar nicht ab, sondern beschimpft die Journalisten lieber gleich. „Ihr könnt mir einen blasen“, hat er sie nach der mit viel Mühsal geschafften WM-Qualifikation beschimpft – und wurde vom Weltverband FIFA gesperrt. Löw musste bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren das Viertelfinale gegen Portugal von der Tribüne aus verfolgen, weil er sich im Spiel zuvor über einige Schiedsrichterentscheidungen zu energisch beschwert hatte. Maradona hat in Südafrika nach dem 2:0-Sieg gegen Griechenland verlangt, dass sich die Journalisten seines Heimatlandes bei den argentinischen Nationalspielern entschuldigen. „Viele von euch haben falsche Sachen gesagt“, sagte er, „ihr lagt falsch, sehr falsch.“

So verschieden die Trainer Löw und Maradona sind, so groß ist der Respekt ihrer Spieler vor ihnen. „Joachim Löw ist ein sehr guter Trainer“, sagt zum Beispiel Torwart Manuel Neuer, „er ist immer positiv, er vermittelt immer das Gute in einem, deshalb glauben auch so viele Spieler an sich.“ Die deutschen Profis schätzen den Fachmann und den Menschen Löw, der ihnen Vertrauen schenkt und von dessen Trainingsarbeit sie auf dem Platz sehen können, dass sie dadurch besser werden. Es handelt sich um die sicherste Art für einen Trainer, eine Mannschaft hinter sich zu bringen und sie für seine Vorhaben begeistern zu können.

Argentiniens Profis werden vielleicht über den Taktiker Maradona den Kopf schütteln, aber der Spieler Maradona, der war für sie ein Gott, und das wiederum ist der Schild, der den Trainer schützt. „Ich habe lange mit Micho über Maradona gesprochen“, sagt der deutsche Stürmer Miroslav Klose. „Micho“ ist Martin Demichelis, argentinischer Innenverteidiger; er spielt wie Klose bei Bayern München, Sonnabend in Kapstadt im WM-Viertelfinale werden Micho und Miro Gegenspieler sein. „Micho erzählt, dass sie Maradona alle phantastisch finden“, sagt Klose, „so einen Mann auf der Bank zu haben, ist immer ein Vorteil.“ Doch ein Vorteil ist es auch, einen Löw auf der Bank zu haben.