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Olympia-News Geplatzte Olympia-Träume: Wie die Boykott-Generation litt
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11:41 27.03.2020
Waldemar Cierpinski konnte an den Olympischen Spielen 1984 nicht teilnehmen. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
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Frankfurt/Main

Bei Waldemar Cierpinski flossen die Tränen, als 1984 Olympia begann und er zuhause im Wohnzimmer saß.

"Am ersten Tag der Spiele in Los Angeles lief der Frauen-Marathon. Als ich diese Bilder sah, da musste ich den Fernseher ausmachen - und habe geheult. Das musste einfach raus", sagt der heute 69 Jahre alte Hallenser. Heike Drechsler schaute damals im Sportinternat in Jena Westfernsehen. "Das war natürlich verboten, deshalb musste immer einer Wache halten. Und wir hatten so ein Grieselbild." Marathonläufer Cierpinski und Weitspringerin Drechsler wären heute vielleicht sogar dreifache Olympiasieger - wenn die Boykotte nicht dazwischen gekommen wäre.

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Geplatzte Olympia-Träume von Gold-Kandidaten - die gab es 1980 auch in der Bundesrepublik. Wie zum Beispiel bei Heiner Brand, 1978 mit der Handball-Nationalmannschaft Weltmeister. Oder bei Zehnkämpfer Guido Kratschmer. Der Mainzer hatte 1976 in Montreal Silber gewonnen, 1980 war er in der Form seines Lebens. Und dann erfuhr er auf dem Weg zum Meeting nach Götzis, dass die Sportler aus der Bundesrepublik endgültig nicht in Moskau teilnehmen. "Das war anfangs schon schlimm. Ich war am Tiefpunkt, aber sportlich absolut auf der Höhe", sagt der 67-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Im Juli nahm Kratschmer all seine psychischen und physischen Kräfte zusammen: Im schwäbischen Bernhausen schaffte er mit 8649 Punkten einen Weltrekord. "Das war brutal. Ich wollte zeigen, dass ich Gold gewinnen hätte können." Bis heute nagt die Enttäuschung der verpassten Spiele an Kratschmer. In der Verschiebung von Olympia in Tokio sieht er "eine kleine Parallele. Diesmal sind alle betroffen. Aber es gibt ja die Aussicht auf 2021."

So saß Kratschmer 1980 in Moskau auf der Tribüne und schrieb Kolumnen für das Magazin "Stern" - naja, er hatte einen Ghostwriter. "Das war wirklich eine merkwürdige Situation." Die Supermächte des Kalten Krieges boykottierten 1980 und 1984 gegenseitig die Spiele im Land des Gegners. Die USA weigerten sich, 1980 Sportler nach Moskau zu schicken. Grund war die sowjetische Invasion in Afghanistan. Erst die Bundesrepublik und vier Jahre später die DDR hingen mit drin.

Für Cierpinski, der 1976 und 1980 Marathon-Gold erobert hatte, brach ebenfalls in einem Mai eine Welt zusammen. "Manfred Ewald (DDR-Sportchef) ist damals nach Kienbaum gekommen und hat vor allen Sportlern den Boykott verkündet. Ich bin - als Kapitän der Marathonläufer - als Einziger aufgestanden und habe gesagt: Herr Ewald, ich habe mich im Training mit über 40 000 Kilometern auf Los Angeles vorbereitet, und ich werde keinesfalls an irgendeinem Ersatzwettkampf teilnehmen", sagt er.

Cierpinskis Karriere war praktisch in wenigen Sekunden beendet: "Als Ewald sagte, wir fahren nicht nach Los Angeles, da war für mich der Hochleistungssport gestorben." Denn 1988 in Seoul wäre er 38 Jahre alt gewesen.

Auch für Marita Koch, bis heute die schnellste Frau über die Stadionrunde, platzte der Traum abrupt. Bei der WM 1983 in Helsinki war die Rostockerin mit dreimal Gold und einmal Silber noch die erfolgreichste Athletin. Dann kam der Olympia-Schock. "Nach der tollen WM 1983 sollte 1984 eigentlich unser Jahr werden - das war dann nix: puff, peng und weg! Da kam erst mal die Wut hoch, Trauer und Fassungslosigkeit", sagt die heute 63-Jährige. "Mit einem Schlag war die Motivation weg, alles, wofür man vier Jahre lang gerackert hat." Das werde den Athleten jetzt nicht anders gehen. Koch: "Nur heute kann man niemandem die Schuld geben."

Die Aussicht auf den Weltcup 1985 in Canberra kam dann wie eine Erlösung für viele um Olympia betrogenen DDR-Leichtathleten. "Ich konnte dann schnell in den Modus "nach vorne" umschalten! Das war eine neue Motivation, eine Art Versöhnung, eine tolle Reise obendrein", erklärte Koch, die 1980 bei den Boykott-Spielen in Moskau Gold über 400 Meter gewonnen hatte. "Und in Canberra bin ich dann zum ersten Mal die 400 Meter unter 48 Sekunden gelaufen." 47,60 - bis heute Weltrekord.

Auch Jürgen Schult ist als Weltrekordler in die Sportler-Rente gegangen. Der Diskuswerfer aus Schwerin erinnert sich noch gut an den Tag der Hiobsbotschaft. "Ich war enttäuscht, aber nicht am Boden zerstört. Also: Geheult hab‘ ich nicht. Als Norddeutscher ist man da nicht so schnell zu Tode betrübt, man ist da eher in ruhiger See", sagt der 59-Jährige, derzeit Leichtathletik-Trainer in der Bundespolizeisportschule Kienbaum.

"Als der Boykott im Mai 1984 kam, war ich überhaupt nicht überrascht! Ich habe mir da keine Illusionen gemacht, und wer 1 und 1 zusammenrechnen konnte, der wusste doch: Das ist die Retourkutsche, die Rache für den Boykott 1980 in Moskau", meint Schult, der 1988 in Seoul der letzte olympische Goldmedaillengewinner der DDR wurde.

Seine Karriere habe ja 1984 gerade erst begonnen - da war der Mecklenburger 24. "Die aber damals 30 waren - für diese Athleten ist damals ein Traum geplatzt! Und das kann auch den heute 30-Jährigen passieren, die sich vier Jahre auf Tokio vorbereitet haben." Die Situation für Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul, erst 22, sieht Kratschmer nicht so dramatisch: "Er hat noch alle Möglichkeiten."

Auch Heike Drechsler sagte sich 1984: "Ich bin noch jung, ich habe die Zukunft vor mir. Aber vier Jahre warten - das war damals trotzdem fürchterlich." Die Thüringerin war damals schon mit 18 Weltmeisterin - unter ihrem Mädchennamen Daute. Sie ahnte nicht, dass sie 1992 und 2000 für das geeinte Deutschland Olympia-Gold holen würde. Heute tut ihr Malaika Mihambo leid, die nach ihrem WM-Triumph 2019 in der Sandgrube von Doha Weltmeisterin wurde - und als Titelfavoritin für Tokio galt.

In der DDR gab es damals als schwachen Trost für die entgangenen Sommerspiele die "Wettkämpfe der Freundschaft". Als Belohnung lockten unter anderem Reisen nach Kuba. "Das muss ich nochmal in meinem Tagebuch nachlesen", sagt Drechsler.

In der Bundesrepublik gab es 1980 erst einen Boykottbeschluss des Bundestages, dann die Entscheidung des NOK-Präsidiums und das Votum der NOK-Mitgliederversammlung am 15. Mai. Heiner Brand kann es bis heute nicht leiden, wenn sich Politiker in den Sport einmischen. "Da bin ich ein bisschen allergisch. Im Nachhinein waren wir der einzige große betroffene Bereich", sagt der 67 Jahre alte langjährige Handball-Bundestrainer. Auch für ihn war der Boykott eine "riesige Enttäuschung. Ich war ohnehin sehr erschöpft, weil ich gerade mein Examen gemacht hatte."

dpa

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