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Regional Große Hitze, schnelle Läufer
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17:38 22.06.2017
Von Eduard Warda
Quelle: Bänsch
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Göttingen

An die eigene Leistung glauben: Die Teilnehmer am GT-Firmencup versammeln sich am frühen Mittwochabend auf dem Johanniskirchhof. Die Stimmung könnte ausgelassener nicht sein. Sätze wie „Ich denke, du läufst nicht“, sind zu hören. Es wird gelacht, Startnummern werden verteilt.

Altstadtlauf 2017

Vor dem Seitenportal haben sich 45 Läufer des Messtechnik-Unternehmens „Mahr“ zum Foto aufgestellt. „Nicht weglaufen“, sagt Fotograf Gerd Bode – eigentlich eine drollige Bemerkung. „Wir machen beim Firmencup auch ein wenig Teambuilding“, berichtet Bode, „es treffen sich Leute, die sich sonst nicht sehen“. Das Motto: „Ma(h)rathon – ein Team, ein Ziel“.

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Der GT-Firmencup boomt, „er drückt das Wir-Gefühl aus“, sagt Mitorganisator Rolf Geese von der LG Göttingen. Die 1600 Plätze sind schon lange ausgebucht. Um 18.20 Uhr geht an den Nachmelde-Zelten an der Johanniskirche auch über die Zehn-Kilometer-Distanz schon längst nichts mehr: 53 Nachmeldungen wurden verzeichnet, 17 Läufer stehen auf der Warteliste. Über die fünf Kilometer sind noch 15 Plätze frei. Noch...    

Eis-Esser haben es schwer

Alles beim Alten

Deja-vu für alle, die beim Frühjahrsvolkslauf zugeschaut haben: Jasper Cirkel und sein Freund Ahmad Mahmud wechseln sich beim Fünf-Kilometer-Lauf bei der Führungsarbeit ab. Cirkel und Mahmud gehen Kopf an Kopf auf die Zielgerade. Cirkel besiegt Mahmud um einen Wimpernschlag im Endspurt. So geschehen Mitte Mai, so geschehen Mittwochabend. Die beiden Athleten der LG Göttingen sind eine Klasse für sich. Vorjahressieger Cirkel rast in 17:29,1 Minuten durch die Göttinger Altstadt, der zweitplatzierte Sudanese benötigt 17:30,2 Minuten. Wobei der 27-Jährige mit einem gewaltigen Handicap ins Rennen gegangen ist: Mahmud hält Ramadan und hatte seit Sonnenaufgang weder gegessen noch getrunken. fab

Weitaus dichteres Gedränge herrscht auf dem Marktplatz – die Eis-Esser vor dem Colosseum müssen sich vorkommen wie bei einer Sitzblockade: Rot-weißes Flatterband schützt sie davor, in der schiebenden Masse unterzugehen. 27 Grad im Schatten, die Hitze steht. Allgegenwärtig: Slogans. „Dekra, mit Sicherheit ans Ziel“, steht auf dem wassergetränkten Trikot, das dem Hund umgelegt wird.

Um 18.30 Uhr steht der erste Startschuss bevor, jener zum Youngsterlauf der Kinder. Von Andreas Lindemeier, der zusammen mit Frank Neumann moderiert, kommen mahnende Worte: „600 Meter, das ist einmal um den Sportplatz und dazu noch eine halbe Runde!“ Es knallt, und kurze Zeit später klicken die Fotoapparate: Kinder ziehen sich gegenseitig ins Ziel oder haben, wie Tabea, eher Augen für die Zuschauer: „Da geht‘s lang“, sagt Lindemeier und zeigt aufs Ziel. Und Tabea gibt Gas...

Die Hitze macht zu schaffen

Bremen ist geil, Hamburg nicht“, steht auf dem Trikot des ehemaligen Teammanagers des SC Hainberg und früheren Fußballers Bruno Kassenbrock. Er hat seine gut zweieinhalbjährige Tochter Sarah begleitet und schwitzt jetzt aus allen Poren. „Wir haben uns kleine Ziele gesetzt und diese übertroffen“, sagt er.

Hier gibt es die Ergebnis-Listen

Zu diesem Zeitpunkt ist der Schnupperlauf mit den Teilnehmern des Schul-Cups bereits in vollem Gang. Ein Arzt eilt im Zielbereich einem gestürzten Schüler zur Hilfe, offenbar sind eine Platz- und eine Schnittwunde zu beklagen – glücklicherweise ein Einzelfall. Eher macht die Hitze zu schaffen. „Es war richtig heftig“, sagt Achim Keding, Lehrer der 6b des Hainberg-Gymnasiums, einer Unesco-Projektklasse. Keding war eine Zeit lang in Kenia – da sei es nicht wärmer! Und dann teilt er noch das Los der meisten Lehrer: „Fast alle meiner Schüler sind vor mir ins Ziel gekommen.“ Vielleicht sei die Strecke zu kurz gewesen, womöglich sei er übertrainiert, sagt er augenzwinkernd.

Auch die Teilnehmer am GT-Firmencup über fünf Kilometer berichten von „drückender Hitze“, so wie der ehemalige 05-Trainer Martin Wagenknecht, der für die Polizeidirektion Göttingen gelaufen ist. „Ich habe noch nie so viele aussteigen sehen.“ Axel Rümenap von der Sparkasse Göttingen hat es als „hammerheiß“ empfunden und lobt die Zuschauer. Die hätten Wasser gereicht, das im Nacken eine Wohltat gewesen sei. Immerhin weht im Ziel-Auslauf am Kornmarkt ein kühles Lüftchen.

Teilnehmerlimit fast ausgereizt

Die LGG schätzt, dass mehr als 4500 Läufer einen neuen Teilnehmerrekord aufgestellt haben. „Mehr kriegen wir nicht unter, dann wären Unfälle programmiert“, sagt Geese. Wegen Bauarbeiten sei es gut möglich, dass 2018 wieder auf dem Theaterplatz gestartet wird. Der Nachteil: die bis zu fünfprozentige Steigung. „Da sind uns im letzten Jahr genug zusammengeklappt“, sagt LGG-Pressewart Gerd Brunken.  
Der Johanniskirchhof hat sich unterdessen geleert. Eine Teilnehmerin des GT-Firmencups geht nach Hause. Auf ihrem T-Shirt ist über dem Unternehmens-Slogan „Wallstein läuft“ ein Zitat des Dichters Rainer Malkowski zu lesen: „Ab und zu ist eine Verrücktheit vernünftig.“ Na dann bis 2018!

Weizentag Geheimnis des Firmencup-Siegers

1660 Starter, dichtes Gedränge, zahlreiche Läufer in einheitlichen Shirts: Der 13. GT-Firmencup ist beim 29. Altstadtlauf mal wieder der stärkste Magnet gewesen, um Teilnehmer anzuziehen.
Tageblatt-Redakteur Mark Bambey gibt den Startschuss, lässt allerdings die Chance verstreichen, sich dabei ins eigene Knie zu schießen, um – wie vorab in der Redaktion abgesprochen – für eine gute Geschichte zu sorgen. Macht nichts. Die Stories liefern andere. Sebastian Hanelt zum Beispiel. Anstatt über die fünf oder zehn Kilometer um den Einzelsieg zu laufen, tritt der Top-Athlet der LG Göttingen für den Landkreis Northeim an, bei dem er als Integrationsfachkraft im Jobcenter beschäftigt ist. „Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren. Gemeinsam mit meinen tollen Arbeitskollegen und 1600 Aktiven auf der Strecke zu sein, ist eine andere Welt und macht Riesenspaß“, sagt Hanelt, der mit deutlichem Vorsprung als Erster ins Ziel einläuft. Aller Euphorie zum Trotz: sein Team besitzt keine Chance auf den Sieg.

Reichert nicht zu schlagen

Der Seriensieger hat wieder mal alles in Grund und Boden gelaufen: Der Göttinger Lehrer Florian Reichert, der für das Theodoro-Heuss-Gymnasium gestartet war, war auch am Dienstagabend über die lange Distanz, die 10-Kilometer-Strecke, nicht zu bezwingen. Er siegte in einer Zeit von 34:51,6 Minuten und fast 1,20 Minuten Vorsprung vor Andreas Gerrits von der LG Göttingen, der 36:19,9 Minuten benötigte. Dritter wurde Martin Knape aus Bleicherode in einer Zeit von 38:18,2 Minuten, der den LGGer Emil Sasse, der nach 38:44,4 Minuten ins Ziel kam, hinter sich ließ. Auf dem fünften Platz ein Fußballer: der SVGer Josu Vicuna, der für den ASC 46 antrat, in 38:55,4 Minuten – der Spanier bestätigte die Vermutung, dass Mittelfeldspieler die meiste Puste haben. war

Im Gegensatz zum zweitplatzierten Weender Krankenhaus um Alice Stieber, der schnellsten Frau auf der Strecke. Die operationstechnische Assistentin und Medizin-Studentin, die für den thüringischen SV Victoria Mechterstädt startet, gibt alles für ihren Arbeitgeber. Und was gibt es vom Arbeitgeber dafür? „Die Kollegen könnten mich zum Kaffee trinken einladen“, meint Stieber. Und um den öffentlichen Druck aufs Kollegium zu erhöhen: Die junge Dame geht gerne ins Café Botanik.

Nur für Ruhm und Ehre führen dagegen Thomas Müller, Julian Sinske, Martin Bruse und Andreas Grimme das DLR zum souveränen Gewinn der Mannschaftswertung. „Geschenke erwarten wir nicht, einer der wenigen Nachteile am Arbeiten im öffentlichen Dienst“, witzelt Radrennfahrer Sinske. „Wir waren schon öfters auf dem Treppchen, aber nie ganz oben“, verrät Bruse. Geheimnis des Teamerfolgs seien die gemeinsamen „Trainingseinheiten“ in der Kneipe Thanners. „Besonders mittwochs am Weizentag läuft das gut“, führt Sinske aus. Wo die Siegesfeier am Abend des Altstadtlaufs, einem Mittwoch, stattfindet, dürfte klar sein.

Eine La Ola gibt es für die Göttinger Berufsfeuerwehr, die die drei Runden in voller Montur in Angriff nimmt und geschlossen im Ziel eintrifft. Einige Minuten später, der Start zum „Fünfer“ sollte bereits erfolgt sein, müssen die wartenden Athleten ein Spalier für Nachzügler bilden: die Genussläufergruppe macht ihrem Namen alle Ehre. fab