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Regional Ausnahmezustand in „Klein Monaco“
Sportbuzzer Sportmix Regional Ausnahmezustand in „Klein Monaco“
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19:35 25.06.2017
Von Rupert Fabig
Für die Zuschauer nur wenige Sekunden zu sehen: Star-Rennfahrer Reto Meisel rast in seinem wunderschönen Mercedes SLK den Heiligenstädter Iberg hinauf.Foto: Schneemann Quelle: Helge Schneemann
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Heiligenstadt

Der Motorenlärm ist mitunter gewaltig. Das Prädikat ohrenbetäubend ist eher Unter- als Übertreibung. Etwas mehr als 3000 Rennsport-Fans pilgern an beiden Tagen zur Strecke, die noch in Heiligenstadt beginnt und den 2050 Meter langen Iberg hinauf führt. Das Fahrerlager ist mitten im Ort, wer aber etwas vom Renngeschehen sehen möchte, muss zumindest den Fuß des Hügels selbst erklimmen. Die Zuschauertribüne ist am Startpunkt aufgebaut. Von da aus können die kraftstrotzenden Boliden der 120 Fahrer noch einige Sekunden dabei verfolgt werden, wie sie die acht bis zehnprozentige Steigerung hoch preschen, ehe sie geräuschvoll hinter der ersten Kurve verschwinden und fortan nur noch auf einem Monitor zu sehen sind.

Die Rennklassen sind vielfältig: Tourenwagen, historische Rennautos, dazu zahlreiche Formel-Fahrzeuge mit bis zu 700 PS, die es im Kampf gegen die Uhr am Berg so richtig krachen lassen - und E-Autos, die das komplette Gegenteil davon machen. Einen Trend bezüglich der Elektro-Fahrzeuge können die Organisatoren erkennen: einen negativen. „Es gab schon mal deutlich mehr. Aber bei einer Motorsportveranstaltung muss es eben laut sein“, erklärt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Thomas Kruse.

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Spitzenfahrer Meisel am Start

Einer, der den Qualitätskriterien Lautstärke und Fahrzeug-Ästhetik in vollem Maß gerecht wird, ist der Schweizer Reto Meisel. Der 47-Jährige, der auch locker als Mittdreißiger durchgehen würde, ist dreifacher Deutscher Bergmeister, einer der Spitzenfahrer der Rennserie und absoluter Publikumsliebling in Heiligenstadt. Er und sein traumhaft schöner Mercedes SLK 340. Wobei vom schwäbischen Premium-Vehikel abgesehen von der Karosse, den Türgriffen und dem Stern nichts mehr original ist. „Der Rest ist alles Eigenbau“, sagt Meisel. Den Wert seines Flitzers schätzt er auf rund 400000 Euro. „Zum Glück zahlen meine Sponsoren den Großteil“, bemerkt Meisel, der im 2000-Einwohner-Grenzdorf Leuggern Geschäftsführer des Mercedes-Autohauses seines Vaters ist.

Keine Minute dauert es, bis Meisel am Iberg-Gipfel angekommen ist. Nur drei Rennläufe sind zu absolvieren. Ein viel kürzeres Vergnügen als bei Rundenrennen, das ihn dennoch fasziniert: „Nur ich im Kampf gegen die Uhr, die Zeit ist dein größter Gegner. Außerdem habe ich keine Lust, dass mir jemand in meine Karre fährt.“

Das Leben eines Bergfahrers ist unkomfortabel. Die Nächte verbringen die Piloten und ihre Crew zumeist in Wohnwagen und Anhängern. „Das macht mir nichts aus, ich brauche kein Hotel“, betont Meisel. Zwischen den Rennläufen wird im Fahrerlager getüftelt und entspannt. „Mein Mechaniker und ich prüfen alle Schrauben, lesen Daten zur Kurvengeschwindigkeit, Drehzahl sowie Temperatur aus, analysieren Fehlerquellen und machen dann auch einfach mal die Augen zu“, so Meisel. Allem Stress zum Trotz geben sich die Fahrer volksnah und nehmen sich Zeit, den Motorsport-Enthusiasten deren Fragen zu beantworten. In Heiligenstadt haben die Zuschauer unmittelbaren Zugang zu ihren Idolen. Auch ein Grund, weswegen Meisel fast jedes Jahr die 600 Kilometer-Tour ins Eichsfeld unternimmt. „Eigentlich konzentriere ich mich diese Saison auf die Schweizer Meisterschaft. Aber aufgrund von Problemen mit der Elektronik wollte ich testen, und das natürlich am liebsten bei meinen vielen Bekannten am Iberg.“ Unter anderem verbindet ihn mit dem Bäcker, bei dem er immer frühstückt, eine tiefe Freundschaft.

„Heiligenstadt ist nicht umsonst als Klein Monaco bekannt. Bäcker, Tankstelle, Restaurants, alles direkt am Fahrerlager“, berichtet Max Sobeck. Der ehemalige Bergfahrer hat seit 19 Jahren den VIP-Zuschauerplatz, da sein Haus unmittelbar am Start steht. „Wenn du selber motorsportverrückt bist, stört dich der Lärm nicht. Wir laden jedes Jahr unsere Freunde ein, haben Spaß und merken, dass es auch den Aktiven hier richtig gut gefällt.“

Dass dem tatsächlich so ist, darauf lässt das Starterfeld mit Fahrern aus ganz Deutschland, Luxemburg, Österreich, der Schweiz und Großbritannien schließen. Immerhin drei Frauen steuern ihren Rennwagen den Iberg hoch, darunter Steffi Deutsch aus Gleichen.

Nach zwei Tagen zieht der Veranstalter ein positives Fazit. Der Rennzirkus zieht weiter. Um 18 Uhr schallt ein klarer Glockenklang durch Heiligenstadt.

Oberste Priorität

Sicherheit hat oberste Priorität beim Ibergrennen. Die Zahl schwerer und tödlicher Unfälle sinkt zwar beständig, die Gefahr ist jedoch stets präsent. Streckenkenntnis sei dabei das wichtigste Kriterium, sagt MC-Pressesprecher Jörg Hübsch. Die komplette Piste ist mit doppelten Leitplanken umhüllt, dazu sind Reifenstapel in den Gefahrenbereichen aufgebaut. So kommt es lediglich zu einigen leichten Blechschäden, verletzt wird niemand.
1976 war dies anders. Beim damals zweiten Ibergrennen verunglückte ein Motorradfahrer tödlich. „Der DDR-Regierung waren die Menschenmassen von bis zu 14000 Zuschauern in Grenznähe ein Dorn im Auge. Unter dem Vorwand des Todesfalls wurde das Rennen in Folge abgesetzt“, informiert Hübsch. Erst nach der Wiedervereinigung kam es zur Neuauflage. fab