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Regional Bei der Tour lernt man vor allem das Autofahren
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18:08 17.07.2009
Warten auf die Tour: An den Straßen, hier in Andorra, vertreiben sich junge Fans die Zeit zum Beispiel mit Straßenmalerei.
Warten auf die Tour: An den Straßen, hier in Andorra, vertreiben sich junge Fans die Zeit zum Beispiel mit Straßenmalerei. Quelle: Hoppe
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War nicht gerade erst der pompöse Start der Tour de France in Monaco? Wenn man Teil der Tour ist, dann hat alles seinen eigenen Takt. Man vergisst die Wochentage, rechnet nur in Etappen und das restliche Leben geht einfach an einem vorbei.

Die Teamvorstellung in Monaco ist noch nicht lange her, aber schon Schnee von gestern. Der Auftakt war gelungen, das Bühnenbild nahezu perfekt. Und der Star war Lance Armstrong. Zumindest vor den Kulissen. Dahinter war es fröhliches Wiedersehen hunderter Menschen, die Teil der Tour sind und die die heimlichen Stars des Rennens sind. Die Frankreichrundfahrt wirkt nicht nur familiär, sie ist tatsächlich. Händeschütteln hier und Küsschen dort, bevor es auf die erste Etappe geht.

Jetzt ist dafür noch Zeit, ist das Rennen erst mal in Gange, dann sieht man sich zwar täglich, aber für einen Plausch bleibt da nicht mehr Platz. Die Tour reist täglich mit bis zu 5000 Autos und noch mehr Menschen durch die Landschaft, dennoch kennt man sich untereinander und es ist überschaubar. Am Ziel stehen jeden Tag dieselben Ordner, ebenso am Eingang des Tour-Villages im Startort. Ist man als Neuling bei der Tour de France im Einsatz, so stellt sich innerhalb weniger Tage ein heimeliges Gefühle in. Es ist so, als wenn man sein Haus jeden Tag wo anders platziert.

Als Mitglied des Rennens hat man sich nach kurzer Zeit daran gewöhnt, den Tour de France Größen täglich gegenüberzustehen. Bernard Hinault, Bernard Thévenet, Christian Prudhomme oder auch Lance Armstrong begegnet man irgendwie immer mal wieder. Ist man beim ersten Mal noch ganz aus dem Häuschen vor lauter Aufregung, relativiert sich das bei jedem weiteren Wiedersehen und irgendwann schafft man es, an Bernard Hinault vorbeizugehen, ohne sich sein 17. Autogramm zu holen.

Winken, kreischen, klatschen

Ein echtes Erlebnis ist jeden Tag die Fahrt zum Zielort. Hat man eine Akkreditierung auf seinem Fahrzeug, darf man bis eine Stunde vor der Werbekarawane auf die Strecke. Das ist im Flachland ebenso grandios wie in den Bergen. Menschen, die seit Stunden am Straßenrand sitzen, sind glücklich über die Ablenkung eines offiziellen Fahrzeugs. Es wird gewunken, gekreischt und geklatscht. Der Fahrer fühlt sich bisweilen wie der König von England.

Tagesjournalisten haben es bei der Tour allerdings nicht leicht. Keinen Blick für Dinge am Straßenrand, nur Augen für das nächste Pressezentrum, das wieder in irgendeiner Turnhalle aufgebaut ist. Mit manchmal 600 anderen Journalisten sitzt man dort vor einer Leinwand, auf der das Rennen läuft und schreibt seinen Artikel. Das ist alles. Viel schöner ist es, sich unter das Volk zu mischen, Kontakt zu bekommen zu den Menschen am Straßenrand. Wenn Landwirte gerade ihr Feld schmücken und man seinen akkreditierten Wagen stoppt, wird man von der Gastfreundlichkeit fast erschlagen.

Wildes Parken

Was man bei der Tour de France wirklich lernt ist Autofahren. Legt man täglich einen Weg zwischen 200 bis 400 Kilometer zurück, meistens bei hohen Temperaturen, so wartet die eigentlich Überraschung am Zielort: Der Presseparkplatz. Eine Straße, ausgewiesen als Abstellfläche für die Journalistenfahrzeuge. Geparkt wird, wie es einem gefällt. Ausfahrten werden missachtet und ansonsten steht man fast Stossstange an Stosstange. Aber das Chaos ist organisiert und befürchtet man obwohl es nicht so aussieht, man wird irgendwie nach dem Rennen auch wieder wegkommen.

Halbzeit bei der Tour. Man ist abgetaucht in einem Vagabundenleben, man hat einen festen Tagesablauf, der so viel anders ist, als der zu Hause. Am ersten Ruhetag geht noch alles gemütlich zu. Man sucht die Teamhotels auf, hat vielleicht Interviews mit Fahrern, trinkt ein Kaffe hier, eine Cola dort. Es bleibt ein wenig mehr Zeit sich mal auszutauschen. Über das Rennen? Auch. Aber das war die erste Hälfte ja fast langweilig. Immer wieder gewinnt Cavendish. Die Franzosen sind allerdings glücklich. Drei Etappensiege haben sie bislang. Ihre Fahrer feiern sie schon jetzt wie Helden. Und dann wäre da noch Lance Armstrong. Ohne ihn wäre die Tour langweiliger und farbloser. Sein interner Kampf mit Alberto Contador gibt täglich neue Schlagzeilen.

Nun kommt die Tour erst mal ins Elsass und somit in die Nähe Deutschlands. Man darf gespannt sein, ob und wie viele deutsche Radsportfans an die Strecke pilgern, denn irgendwie ist es auch eine „Ullrich-Revival-Tour“. Erst Andorra, nun die Vogesen…

Bürte Hoppe