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Regional Deutscher Meister? „Das muss nicht sofort klappen“
Sportbuzzer Sportmix Regional Deutscher Meister? „Das muss nicht sofort klappen“
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17:43 10.11.2010
Ambitioniert: Felix Aufgebauer, Thomas Pechstein, Stefan Kroker, Carsten Lintz (vorn v. l.), Mario Klaffert und Niels Köwing (hinten v. l.).
Ambitioniert: Felix Aufgebauer, Thomas Pechstein, Stefan Kroker, Carsten Lintz (vorn v. l.), Mario Klaffert und Niels Köwing (hinten v. l.). Quelle: CH
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Dreimal in der Woche trainieren im Gebäude am Schützenanger die Tischfußballfreunde des ASC 46, und die meinen es durchaus ernst: In diesem Jahr sind sie in die Bundesliga aufgestiegen und spielen damit 2011 in Berlin als eines von 24 Teams um die Deutsche Meisterschaft. Zwar kommen auch Hilfsmittel wie einer Klammer, die zwei nebeneinander liegende Stangen fixiert, zum Einsatz und werden zur Übung hin und wieder ein paar Dutzend Schüsse aus derselben Position aufs Tor abgegeben.

Doch das spielerische Training steht bei den Göttinger Tischfußballfreunden im Vordergrund. „Manchmal hält man das Spiel an und gibt dem anderen Spieler einen Tipp“, sagt Stefan Kroker, Initiator des Projekts. Ganz wichtig sei zudem, mit unterschiedlichen Trainingspartner zu spielen – routinierte Abläufe können beim Leistungskickern in eine Niederlage münden.

Die Stärke der ASCer bekamen die Gegner der 2. Bundesliga in diesem Jahr eindrucksvoll zu spüren. Ohne Niederlage stiegen die Göttinger an den zwei Wettkampf-Wochenende in die Beletage des deutschen Tischfußballs auf. Besonders stolz ist man darauf, dass sich das Team ausschließlich aus Spielern aus der Region zusammensetzt. Konkurrenzteams rekrutieren ihre Akteure aus ganz Deutschland. So gelang in der Kern-Besetzung Bernd Kensy, Richard Röbbert, Branko Vrbic, Felix von Denkowski, Rainer Müller und Christian Heber der Aufstieg. Das 18-jährige Talent Röbbert wurde zudem in diesem Jahr Amateur-Weltmeister im Einzel und setzte sich dabei gegen mehr als 400 Gegner durch.

„Der Nachwuchs drängt und drängt. Bei Turnieren steht man mittlerweile Kindern gegenüber, die man aber nicht auf die leichte Schulter nehmen darf“, sagt Kroker, mit dem für die Tischfußballfreunde alles anfing. Als Göttinger Student kickerte der heute 40-Jährige in der Kneipe und brachte sich seine Schüsse autodidaktisch bei. Die Szene versammelte sich damals im Castro, später mittwochs im Thanners. „Irgendwann haben wir überlegt, einen Verein aufzubauen“, erinnert sich Kroker. Also fragte man beim ASC nach, unter dessen Dach die Tischfußballer seit 2008 spielen, erst im Waldweg, heute im Schützenanger. Der beste Kneipen-Tisch stehe heute in Wolkes Kreuzberg.

Die ASC-Tischfußballer zählen mittlerweile fast 40 Mitglieder, jedoch – dem Trend gegenläufig – nur eine Frau. Seit 2008 ist auch Felix Aufgebauer, 27-jähriger Student der Sozialwissenschaften dabei. Sein gefährlichster Schuss ist ein „Jam“, bei dem die Kurbel mit dem Unterarm angedreht wird. Zusammen mit dem „Pinshot“, bei dem der Ball zunächst eingeklemmt wird, ist er der beliebteste Schuss in Göttingen. Zu den klassischen Schüssen zählt dann noch der „Pullshot“, bei dem die Kurbel gezogen wird. „Pinshot rechts lang“ ist Krokers Spezialität: Bevor der Ball geschossen wird, beschreibt die Kurbel von der rechten Seite des Tisches aus einen langen Weg. Ganz wichtig: Die Kurbel darf nicht losgelassen werden, sonst zählt ein Tor nicht – zur besseren Haftung trägt man einen fingerfreien Handschuh.

So viele unterschiedliche Schüsse es gibt, auf so vielen unterschiedlichen Tischen wird gespielt. Die Tischfußballfreunde kickern momentan auf zwei für den Ligabetrieb des nationalen Verbands DTFB geeigneten und einem, der dem Standard der „Players-4-Players“-Serie entspricht – einer internationalen Turnierserie außerhalb der Verbandswettkämpfe.

Auf diesen gibt es Regeln, deren Einhaltung auf Anforderung hin von einem Schiedsrichter überwacht wird. Denn bei Spielen geht es bisweilen hoch her, mitunter sind Beleidigungen zu hören. Doch die Regeln treiben auch skurrile Blüten: Grundsätzlich sollte es am Tisch still sein, den Gegner leise zu loben, ist aber ausdrücklich erlaubt. Kroker macht das nie. „Man hat viel zu viel mit seinem eigenen Spiel zu tun“, sagt er.

Und mit den Gebrechen: Tischfußball geht durchaus auf die Konstitution. An einem Wettkampf-Wochenende verliere man rund zwei Kilogramm, berichtet Kroker, der momentan seine Griffhaltung ändert, weil sein Daumen seit einiger Zeit schmerzt. Da hilft auch der Handschuh nichts. Außerdem sind Sehnenscheiden- und Knochenhautentzündungen an der Tagesordnung. Und schließlich bereitet der Rücken irgendwann Probleme, wie Aufgebauer ergänzt.
Sitzen die Schüsse, führen eine gute Mittelreihe, aus der die entscheidenden Pässe in die Spitze kommen, die richtige Taktik und vor allem eine stabile Psyche zum Erfolg – egal ob im Doppel oder im Einzel. „Nervosität ist wirklich entscheidend“, sagt Aufgebauer. Immerhin darf der Ball in der Defensive und der Offensive nur zehn Sekunden lang gehalten werden, in der Mittelreihe 15 Sekunden lang.

Auf eine gute Psyche hoffen die Göttinger im nächsten Jahr in Berlin. Ein Leitbild, das von den Tischfußballfreunden aufgestellt wurde, enthält als oberstes Ziel die Deutsche Meisterschaft. „Das muss nicht sofort klappen“, sagt Kroker, und Aufgebauer hält das Ziel auch nicht für „zwingend realistisch“. Doch auch wenn am FC Bayern des Tischfußballs, dem Meister der vergangenen drei Jahre Wild-Card Wiesbaden, kaum ein Vorbeikommen sein dürfte, tippen beide darauf, dass man mit den drei Abstiegsplätzen nichts zu tun haben wird. Bis dahin heißt es Üben – und Schwärmen für den anerkannt weltbesten Kickerer und Youtube-Star Frédéric Collignon aus Belgien. Der Maradona des Tischfußballs? „Viel besser“, sagt Kroker. „Man tritt gegen ihn an, um zu verlieren.“ Klick, klack – pock.

Am kommenden Sonntag bestreiten die Tischfußballfreunde des ASC im Vereinsraum am Schützenanger von 14 Uhr an zwei Landesligaspiele und ein Verbandsligaspiel. Am Sonnabend, 20. November, beginnen hier um 10 Uhr die 2. ASC-Open, an denen auch Anfänger teilnehmen können.

Von Eduard Warda