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Regional Für die Klitschko-Brüder reicht es noch nicht ganz
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18:30 25.08.2011
Links-rechts-Kombination: Tageblatt-Mitarbeiter Christian Roeben (l.) beim Schlagtraining mit Gegham Hakobyan.
Links-rechts-Kombination: Tageblatt-Mitarbeiter Christian Roeben (l.) beim Schlagtraining mit Gegham Hakobyan. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Irgendwas stimmt hier nicht. Hier riecht es nicht nach Blut und Schweiß, und es gibt auch keine muskelbepackten Hünen, die schnaubend mit nacktem Oberkörper auf Sandsäcke eindreschen. Stattdessen halten die Boxerinnen Fanny und Claudia ein entspanntes Pläuschen, während sich die jüngeren Aktiven gegenseitig beim Bandagieren der Hände helfen. Ich schaue mir das Ganze erst einmal an, während ich versuche, die Klischeegedanken, die mir vor meinem Besuch des Boxtrainings beim ASC 46 Göttingen gekommen sind, geistig in die Schublade zu verbannen, in die sie gehören.

Boxen, das klingt nach Adrenalin und Testosteron und erfordert doch soviel Gewandheit, Koordination und Schnelligkeit. „Kondition kann man nirgendwo so gut trainieren wie beim Boxen“, erklärt Trainer Gegham Hakobyan. Das wird mir schon beim Aufwärmen klar. Bevor Runden gedreht werden – erst langsamer, dann immer schneller – reihen sich die ASCer wie von selbst zu einer Kette hintereinander auf. Die Älteren vorneweg, die Jüngeren hinterher - ich schließe mich schnell am Ende an. Laufen, Arme kreisen, dann das obligatorische Seilspringen – schnell wird mir warm, Hakobyan hat nicht zu viel versprochen. „Okay, jetzt geht’s los“, ruft der 33-jährige ehemalige armenische Boxjugendmeister anschließend – ich dachte, wir wären schon mittendrin.

Mit meinem Trainingspartner Vardan teste ich erste boxspezifischere Übungen. Um die Beinarbeit zu schulen, tänzeln wir voreinander hin und her und versuchen, dem anderen auf den Fuß zu treten. Das kenne ich so ähnlich noch vom Schulhof, kann es aber trotzdem nicht. Danach ist „Schultertippen“ angesagt - möglichst viele Treffer auf eben jene Stelle mit der flachen Hand sind das Ziel. Vardan hat schnell ein Einsehen. „Jetzt greif du an“, sagt der 15-Jährige, der fast jeden Tag trainiert, ganz gönnerhaft, nachdem ich gefühlte 20 Treffer eingesteckt, aber keinen gelandet habe. Immer wenn eine Hand auf mich zukommt, drehe ich mich instinktiv weg, was keine gute Entscheidung ist, denn so sehe ich die Folgeschläge erst gar nicht.

Echte Männer machen so etwas nicht – ich leider schon. Um die Wirkung eines Treffers zu simulieren, müssen wir uns von Zeit zu Zeit zehnmal um die eigene Achse drehen, und anschließend sofort mit dem „Sparring“ weitermachen. „Man muss den inneren Schweinehund überwinden, nur dann kommt man weiter“, sagt Trainer Eduard Homtschenko, als er mir beim Anziehen der Handschuhe behilflich ist.

Jetzt steht Pratzentraining an: Ich versuche, möglichst schwungvoll eine links-rechts-Kombination zu schlagen. „Nicht so weit mit dem Oberkörper nach vorne fallen“, rät mir Coach Hakobyan, während ich alle Kraft in die Schläge lege. „Sieht’s schon aus wie bei Klitschko?“, frage ich den Trainer. Hakobyan grinst.

Neben mir bearbeiten der zweifache deutsche Jugendmeister Walentin Wirt und Claudia Förster, die seit sechs Jahren boxt, die Weichbodenmatte mit schnellen und präzisen Schlägen. „Ich habe schon vieles ausprobiert, aber Boxen ist am vielfältigsten“, sagt die 27-Jährige. Kurz überlege ich, ob ich Claudia aus Spaß zu einem Kampf herausfordern soll, lasse es dann aber doch lieber sein. Erstens kann ich meine Arme kaum noch heben, und zweitens kommt mir die Weichbodenmatte als Trainingspartner gerade recht – die schlägt wenigstens nicht zurück und bietet einem gleichzeitig ein sanftes Ruhekissen, wenn man nicht mehr kann.

Eine letzte Gerade noch, dann langt’s auch meinem inneren Schweinehund. Ich ziehe die Boxhandschuhe aus und gönne mir eine dringend nötige Pause, während Valentin Wirt & Co. gerade erst warm werden. „Für die Kondition gibt es nichts besseres als Boxtraining“ – spätestens jetzt weiß ich, was Coach Hakobyan gemeint hat.