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Regional Göttinger Hardy Grüne durchquert Südamerika mit dem Fahrrad
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18:37 25.07.2014
Erwartet die 40 Amateurfahrer in Bolivien: der Salar de Uyuni, die mit mehr als 10 000 Quadratkilometern größte Salzpfanne der Erde. Quelle: Bike-Dreams
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Göttingen

„The Andes Trail“ ist eines der längsten und verrücktesten Radrennen der Welt. Mit 51 Jahren bin ich einer der lausigsten Hobbyradler der westlichen Hemisphäre.

Wenn ich am 1. August am Äquator nahe Quito (Ecuador) auf den Sattel steig, warten neben rund 11 000 Kilometern auch mehr als 110 000 Höhenmeter auf mich – das ist die zwölfeinhalbfache Distanz zum Gipfel des Mount Everest. Am 14. Dezember will ich das Ziel in Ushuaia auf Feuerland erreichen – das Ende der Welt.

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Es ist nicht das Radrennen, das mich reizt. Um das zu gewinnen, fehlt mir die nötige Einstellung, bin ich zu gemütlich, zu wenig asketisch veranlagt. Ankommen genügt mir. Was mich lockt, ist die Abkehr von der heimischen Komfortzone und der Kitzel unvorhersehbarer Herausforderungen.

Tiefe Lust auf das Unbekannte

Eine tiefe Lust auf das Unbekannte, Unwägbare, vielleicht sogar Unmögliche. Mit dem Fahrrad über die längste Gebirgskette der Welt. Als Vegetarier den wohl fleischbesessensten Kontinent der Erde zu durchqueren und dabei auch noch Leistungssport zu betreiben.

Die Extremrad-Expedition „The Andes Trail“ findet 2014 zum vierten Mal seit 2008 statt. Rund 40 Amateurfahrer aus aller Welt nehmen daran teil und werden viereinhalb Monate lang nahezu jeden Morgen auf den Sattel steigen. Täglich stehen durchschnittlich 100 Kilometer an.

Von Quito geht es auf den Spuren Alexander von Humboldts zunächst auf der „Straße der Vulkane“ südwärts nach Peru und Bolivien, wobei ein Blick auf die Streckenführung den Eindruck vermittelt, dass jeder nur ansteuerbare Andengipfel auch angesteuert wird.

Erholungsurlaub sieht anders aus

Vorbei an Touristendestinationen wie Machu Pichu, Titicacasee und der Salzwüste Salar de Uyuni geht es nach Patagonien, wo wütende Winde auf die Marathonradler warten, die zudem mit extremen Wetterbedingungen rechnen müssen. Erholungsurlaub sieht wohl anders aus.

„The Andes Trail“ ist eine Selbstversorgerexpedition, bei der die Veranstalter nur für die Rahmenbedingungen sorgen. Streckenführung, Verpflegung, Unterkunft. Das war’s. Gefahren wird auf schnurrigen Asphaltstraßen ebenso wie auf rüden Schotter- oder Sandpisten.

Keine einzige Straße wird abgesperrt sein, und unsere schmale Fahrspur müssen wir im täglichen Kampf mit rücksichtslosen Lkw- und Bus-Fahrern selbst verteidigen. Übernachtet wird in windschiefen Pensionen oder Zeltcamps mitten in der Pampa. Zelt und Schlafsack muss jeder selber mitbringen und zu gewinnen gibt es nichts. Außer eine intensive Lebenserfahrung.

Extremradeln

2011 entdeckte ich den Reiz des Extremradelns. Auf der Tour d’Afrique galt es 12 000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zu überwinden. 573 Stunden und 23 Minuten habe ich damals bis zum Ziel gebraucht. Begleitet von diversen Momenten, in denen ich meine Abenteuerlust innigst verfluchte.

Als ich im Sudan auf einer rumpeligen Sandpiste von zwei aggressiven Hunden eingeklemmt wurde und alles aus mir herausholen musste, um ihnen davonzufahren. Oder in Äthiopien, wo die distanzlose Nähe der Einheimischen meine Nervenenden förmlich entzündete und mich intolerant sowohl den Menschen als auch mir selbst gegenüber machte.

In Kenia holperte ich stundenlang in gleißender Sonne durch eine schier unendliche Steinwüste. Im Schlepptau aggressive Lkw, deren Fahrer mich von der Piste zu drängeln drohten.

Der letzte erholsame Tag

Momente und Erinnerungen, die mich heute antreiben, erneut aufzubrechen und das Abenteuer zu suchen. Es beginnt sanft mit einem kurzen Ausflug von Quito zum nahegelegenen Äquator. Übersichtliche 54 Kilometer hin und zurück. Es wird der letzte erholsame Tag für lange Zeit sein.

Bis auf knapp 5000 Meter klettern wir anschließend die Andenberge hinauf. An meinem Crossrennrad habe ich extra einen 52:28-„Oma-Gang“ installiert, damit mir an den Steigungen nicht die Puste ausgeht. Tagsüber werden wir unter dem Einfluss von Inka-Sonnengott „Inti“ schwitzen, nachts werden wir in den andinen Höhen die Kältegrenzen unserer Schlafsäcke ausreizen.

Wenn wir Glück haben, gibt es im Camp Duschen. Wenn wir ganz viel Glück haben, führen sie warmes Wasser. Über die Toiletten wollen wir an dieser Stelle besser nicht sprechen. So eine Anden-Expedition ist keine gemütliche Ausfahrt mit Wohlfühlgarantie.

Von Massai mit Handy fotografiert

Auch wenn es nichts zu gewinnen gibt, fällt der Lohn reichhaltig aus. Denn das Fahrrad ist ein perfektes Verkehrsmittel, um Land und Leute im Wortsinne „hautnah“ zu erfahren. Das Reisetempo ist angenehm, der Kontakt zur Umwelt ungefiltert. Ob Geräusche, Gerüche, Wetter, Menschen, Tiere oder Straßenzustand – alles ist greifbar.

Auch man selbst, zumal wir mit unseren Hightech-Rädern und in der bunten Radsportkleidung für Aufsehen sorgen werden. So wie 2011 in Kenia, als ich während einer kleinen Pause einem Massai in klassischer Montur mitsamt Speer begegnete. Als er mich in meinem knallroten und hautengen Lycradress sah, zückte er sein Handy, machte ein Foto und marschierte grußlos weiter.

Hoffnungen auf den Gesamtsieg mache ich mir nicht. Mit meinen 51 Jahren und meinem hobbytrainierten Körper kann ich froh sein, wenn ich überhaupt im Ziel ankomme. Die eine oder andere Überraschungsattacke auf einer Tagesetappe mag zwar drin sein, doch im Vordergrund stehen das Erlebnis und die Ausweitung der eigenen Lebenswelt.

Und da wird es auf den 11 000 Kilometern von Quito nach Ushuaia sicher einiges zu tun geben. Grüne wird im Tageblatt regelmäßig über seine Erlebnisse berichten.

Von Hardy Grüne