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Göttingerin Adele Schacke erhielt als erste Frau das Sportabzeichen

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19:30 26.04.2021
Erfolgreiche Sportler, wie der Zehnkämpfer Frank Busemann, werben heute auf Großveranstaltungen für das Sportabzeichen. 2018 war der Silbermedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele in Atlanta zu Gast bei der Sportabzeichen-Tour im Jahnstadion.
Erfolgreiche Sportler, wie der Zehnkämpfer Frank Busemann, werben heute auf Großveranstaltungen für das Sportabzeichen. 2018 war der Silbermedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele in Atlanta zu Gast bei der Sportabzeichen-Tour im Jahnstadion. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Acht Jahre, nachdem die Männer erstmals ihr Sportabzeichen abgelegt haben, erhielten auch die Frauen die Möglichkeit, ihre sportliche Vielfalt unter Beweis zu stellen. Hundert Jahre ist es jetzt her, dass die erste erfolgreiche Frau die Sportabzeichen-Prüfung abgelegt hat. Und diese Frau war eine Göttingerin.

Im ersten Jahr des Sportabzeichens 1913 wurden insgesamt gerade einmal 22 Prüfungen abgenommen, im Rekordjahr 2008 waren es mehr als eine Million (1.004.341). Zunächst waren Frauen ausgeschlossen, erst im April 1921 wurde in einer kleinen Randnotiz des Deutschen Reichsausschuss‘ für Leibesübungen (dem Vorläufer des heutigen Deutschen Olympischen Sportbundes/DOSB) im Mitteilungsblatt „Turnen-Sport-Spiel“ veröffentlicht, dass das erste Frauen-Turn- und Sportabzeichen an „Fräulein Adele Schacke vom Schwimmverein Göttingen“ verliehen wurde. Der Historiker Bernd Wedemeyer vom Niedersächsischen Institut für Sportgeschichte hat sich mit diesem Thema befasst und dazu einen Beitrag für das Magazin des Landessportbundes verfasst.

Lange Beine und durchtrainiert

1919 war ein Gremium aus Wettkampf- und Frauenausschuss gebildet worden, in dem die Bedingungen für das Frauenabzeichen ausgearbeitet worden waren. Am 29. Januar 1921 wurde das Frauenabzeichen schließlich genehmigt. In diesem Jahr stellten sich lediglich 189 Frauen dieser Herausforderung, dagegen waren es 4443 Männer, die die Prüfung ablegten.

Adele Schacke wurde 1898 geboren, war also 22 Jahre alt, als sie ihre erste Sportabzeichen-Prüfung ablegte. Ihre turnerische Heimat war über Generationen hinweg die Göttinger Turngemeinde TG von 1846. Turnen und Sport gehörten für die aus einer einflussreichen und bekannten Göttinger Familie stammende Frau zum Alltag. Deshalb fiel es ihr auch leicht, die Bedingungen für das Sportabzeichen zu erfüllen: 6,75 Meter erreichte sie im Kugelstoßen, 1,40 Meter im Hochsprung, 14,5 Sekunden im 100-Meter-Lauf und 26 Minuten benötigte sie für die 1000-Meter-Schwimmstrecke. Für die Sportlerin waren die Anforderungen kein Problem: „Ich war ja groß, gut durchtrainiert und hatte außerdem meine langen Beine“, wird sie in einer nicht näher genannten Quelle zitiert.

Schwimmerin oder Turnerin?

In zwei Punkten gibt es – so Wedemeyer – allerdings historische Unstimmigkeiten. Während im Mitteilungsblatt der Schwimmverein Göttingen als Stammverein von Adele Schacke genannt worden war, war die junge Frau damals in der TG von 1846 aktiv. Außerdem gab sie selbst später immer wieder an, dass sie die Prüfungen bereits im Herbst 1920 mit „ihren Kameraden“ im Akademischen Sport Club Göttingen abgelegt habe, obwohl das Abzeichen erst einige Monate später eingeführt wurde. Zumindest für das Wirrwar um die Vereine könnte es eine Erklärung geben, die in der komplexen Fusionsgeschichte Göttinger Vereine begründet liegt: Teile des Göttinger Schwimmvereins fusionierten nach 1945 mit der TG von 1846 zum heutigen Allgemeinen Sport Club (ASC) von 1846, in dem die gesamte Familie Schacke beheimatet war. Der Akademische Sport-Club trug die gleichen Namenskürzel

Die Eltern von Adele Schacke waren Inhaber einer Färberei und Reinigung in der Geiststraße, später wurde sie Mitinhaberin dieses Unternehmens. Ihr Vater Bernhard war Senator in Göttingen und in vielen anderen Ehrenämtern tätig, unter anderem 30 Jahre als Leiter des Fremdenverkehrsvereins. Bei einer Schwimmsportveranstaltung in Kassel erhielt die vielseitige Sportlerin den ersten Schwimmpreis für Frauen. In den 1920er Jahren war sie außerdem Mitglied der Damen-Hockeymannschaft, spielte Tennis und trieb Wintersport. Die Frauen des Akademischen Sportclubs gehörten zu den ersten, die in Göttingen einen Kurzhaarschnitt – den Bubikopf – trugen.

Reisen auf mehrere Kontinente

Aber nicht nur sportlich probierte Adele Schacke viel aus, auch sprachlich war sie vielseitig, beherrschte sieben Sprachen. Als junge Frau bereiste sie die Welt, besuchte Kanada und Mexiko, lebte sieben Jahre in Südafrika und arbeitete dort in der deutschen Botschaft. Danach verbrachte sie längere Zeit bei Lepra-Forschern im indischen Kalkutta und besuchte, den Lebensstationen ihres Vaters folgend, die indonesische Insel Java. Nach Kriegsende arbeitete sie 1945 als erste Göttingerin bei der englischen Militärregierung und engagierte sich später als Präsidentin des „Cercle Francais“ vor allem um den kulturellen Austausch mit Frankreich. Sie hätte gern als Senatorin das Amt ihres Vaters im Stadtrat weitergeführt, um als Kennerin verantwortlich beim Wiederaufbau Göttingens mitzuwirken. 1974 starb Adele Schacke im Alter von 76 Jahren.

von Kathrin Lienig