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Regional „Das Niveau ist deutlich besser"
Sportbuzzer Sportmix Regional „Das Niveau ist deutlich besser"
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19:43 25.06.2017
Von Rupert Fabig
Jens Staudenmayer, Sportlicher Leiter der Basketball-Bundesliga, sieht die Nachwuchsarbeit in Deutschland auf gutem Weg. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Sind Sie mit der Entwicklung im Minibereich zufrieden?

Wir können ein deutschlandweites Wachstum verzeichnen. Dass die Bundesligisten seit einem Jahr einen hauptamtlichen Minitrainer beschäftigen müssen, hat sich ausgezahlt. Die Aktivitäten an Schulen wurden sehr systematisch ausgebaut, wir erreichen mehr Kinder. Selbst verhältnismäßig kleinen Klubs wie Rasta Vechta gelingt es, sämtliche Grundschulen im Landkreis abzudecken.

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Wie muss der nächste Schritt aussehen?

Nun gilt es, die Kinder früher systematisch zum Basketball zu bringen. Das Hauptthema hierbei ist die Einführung von niedrigeren Körben, was jüngeren Kindern ermöglicht, zeitiger mit dem Balltraining zu beginnen. Beim Fußball ist das Ziel, also das Tor, groß genug, bei uns hängt es aber zu hoch. Kinder auf einen 3,05 Meter-Korb werfen zu lassen, lässt sich damit vergleichen, einen Erwachsenen auf ein Ziel in 4,05 Meter Höhe werfen zu lassen. Ich hoffe, wir finden gemeinsam mit dem Verband eine Lösung. Das Problem ist eher baulicher als finanzieller Art, da eine Anlage pro Spielfeld nur ungefähr 1500 bis 2000 Euro kostet. Geld sollte kein Hinderungsgrund sein. Eine andere Möglichkeit wäre das Spiel mit einem noch kleineren Vierer-Ball, was die bessere Alternative zu Varianten wie Kastenball wäre.

Alba Berlin hat bereits Erfahrungen mit niedriger hängenden Körben gemacht. Wie sind die Rückmeldungen darauf?

Durchweg positiv. Alle Grundschul-Neubauten wurden bereits entsprechend eingerichtet. Es würde helfen, das einheitlich im Minibereich durchzusetzen, was allerdings nicht von heute auf morgen geschehen muss. Beim Fußball wird anfangs auch auf kleinere Tore gespielt, beim Tennis auf kleinere Felder. Durch die hohen Körbe kommen viele Kinder erst später zum Basketball als zu anderen Sportarten.

In den vergangenen Jahren wurden viele Reformen im Jugendbereich umgesetzt. Lässt sich inzwischen ein Ertrag erkennen?

Insgesamt haben wir viel mehr Kinder als früher, das Niveau ist deutlich besser. Was ich beim Top Four der JBBL und NBBL zuletzt gesehen habe, war schon beachtlich. Es war genau richtig, die Bundesligisten zu verpflichten, hauptamtliche Jugendtrainer anzustellen. Die Vereine investieren nun viel mehr in die Jugendarbeit. Die BG Göttingen hat beispielsweise ihr Trainingszentrum gebaut, ratiopharm Ulm den Orange Campus. Ehrenamtlich ist eine sehr gute Ausbildung vielleicht noch bis zur U12 möglich, anschließend wird es schwierig, das noch zu gewährleisten.

In Göttingen gibt es in diesem Bereich derzeit Schwierigkeiten. Der Kooperationsvertrag zwischen der BG Göttingen und dem ASC 46 Göttingen wurde aufgekündigt. Wie sollte eine sinnvolle Lösung aussehen?

Die BG sollte den ganzen Apparat ab der U16 selbst übernehmen. Alles andere wäre falsch verstandener Lokalpatriotismus. Auch zwei Regionalliga-Teams zu haben, macht wenig Sinn. Da sollte lieber eine Mannschaft in die Pro A oder Pro B. Ich hoffe, dass dies alle Beteiligten auf die Kette kriegen, sonst könnte es sein, dass gute Spieler zu Programmen wechseln, bei denen das besser funktioniert.

Die Deutschen-Quote ist ebenfalls ein Erfolgsmodell. Mit Schwennigen hat ein Pro-B-Aufsteiger, der die Lizenz nicht erhalten hat, dagegen geklagt.

Was natürlich überhaupt nicht sein kann, dass sich ein Verein gegen ein ganzes System stellt, zu dem er noch nicht einmal dazu gehört. So können wir nichts erreichen. Der Wert der Gemeinschaft muss auch etwas zählen. Wer es in der Regionalliga nicht schafft, mit dem eigenen Nachwuchs zu bestehen, bei dem läuft einiges schief. Durch die Quote haben viele Akteure den Sprung ins Profilager geschafft.

Zeigt sich dieser positive Trend auch in der Spitze?

Unsere Junioren-Nationalmannschaften schneiden regelmäßig stark ab. Dazu gibt es genug deutsche BBL-taugliche Spieler, die nur einen Klub finden müssen, in dem es genügend Spielzeit gibt. Die Fraport Skyliners Frankfurt sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Da sagt der Manager eben, dass nur mit vier oder fünf Ausländern gespielt wird, und der Trainer muss dann zwangsläufig den Deutschen eine Chance geben. Wenn dann jedes Jahr mindestens ein Spieler pro Verein bei den Profis anklopft, sind wir zufrieden.

Ausgerechnet die derzeit größten Talente Isaiah Hartenstein (Zalgiris Kaunas), Kostja Mushidi (Mega Leks) und Moritz Wagner (University of Michigan) spielen allerdings im Ausland. Womit hängt das zusammen?

Es gibt unterschiedliche Entwicklungswege. Das College im Mutterland des Basketballs besitzt nach wie vor eine große Anziehungskraft, was wir nicht verteufeln. Allerdings ist der Übergang vom Jugend- in den Profibereich sowie die individuelle Ausbildung in Deutschland und Europa mittlerweile wahrscheinlich besser. Das zeigt sich auch daran, dass viele Europäer in der NBA hoch gedraftet werden.

An welchen Aspekte des Spiels muss in der Ausbildung konkret noch stärker gearbeitet werden?

Unsere Spieler werden immer athletischer, was wichtig ist, aber nicht überbewertet werden darf. Spielintelligenz muss stärker gefördert werden. Zwei Beispiele: Das erste ist Ricky Rubio. Jemand wie er wäre in der U10 vermutlich aussortiert worden, weil er zu klein ist. Die Spanier schulen aber das taktische Verständnis. Rubio hat einen überragenden Basketball-IQ und spielt zurecht bei den Minnesota Timberwolves in der NBA. Das zweite ist Fabien Causeur. In Frankreich ist es mittlerweile Tradition, große Point Guards auszubilden. Causeur hat keine Sprungfedern eingebaut, glänzt aber durch sein herausragendes Entscheidungsverhalten und hat dadurch seinen Platz in Europas Elite gefunden.

Stichwort Europa: Wie beurteilen Sie den Streit zwischen der ULEB, die die Euroleague ausrichtet, und dem Weltverband FIBA?

Für beide Seiten wird es enorm schwierig, gesichtswahrend aus diesem Konflikt, der auf dem Rücken des Basketballs ausgetragen wird, herauszugehen. Das Geschäftsmodell der Euroleague bedroht auf Dauer die nationalen Ligen. Es sollte hinterfragt werden, wie sinnvoll es ist, mehr als 70 Spiele in einer Saison zu absolvieren.

Die Euroleague erkennt die Nationalmannschaftsfenster der FIBA während der Saison nicht an, ebenso wenig die NBA. Der Wettbewerb wird dadurch stark verzerrt und gleicht einer Farce, wenn die besten Spieler einer Nation nicht mitspielen. Gerade die Nationalmannschaft ist im öffentlichen-medialen Interesse aber das größte Zugpferd. Machen Sie sich Sorgen?

Für den Deutschen Basketball Bund wird es schwierig, sich für die großen Turniere zu qualifizieren. Mit Dennis Schröder und Paul Zipser spielen bereits zwei Nationalspieler in der NBA, künftig werden es mehr. Dazu sind zahlreiche Leistungsträger bei Euroleague-Teams aktiv. Ich hoffe, dass die Truppe im Sommer bei der EM abliefert. Gut genug ist sie auf jeden Fall. Letztlich funktioniert auch die Liga durch eine starke Nationalmannschaft besser.

Interview: Rupert Fabig