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Regional Nach Weltrekorden: Europäische Auszeichnung für Rolf Geese
Sportbuzzer Sportmix Regional Nach Weltrekorden: Europäische Auszeichnung für Rolf Geese
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15:00 29.01.2020
Rolf Geese (vorn) hat gemeinsam mit Felix Magath (l.) die Bundesliga-Fußballer des VfB Stuttgart, Rui Marques und Imre Szabics, im Jahr 2003 auf Sylt fit gemacht. Quelle: imago sportfotodienst
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Göttingen

„Natürlich habe ich mich darüber sehr gefreut“, sagt der 75-Jährige, der diese Auszeichnung besonders schätzt, weil ein Experten-Gremium ihm diese verliehen hat. Seine Leistungen seien nicht planbar, erzählt der Göttinger, der dreimal pro Woche zwei Stunden trainiert. „Mehr muss nicht sein. Gestern bin ich gelaufen, da merke ich meine Beine heute beim Treppensteigen schon“, setzt der Mehrkämpfer auf dosierte Trainingseinheiten.

Training vor der Haustür

Im Sommer hat er das Gelände des Hochschulsports quasi vor seiner Haustür, im Winter gestaltet sich die Trainingsplanung dagegen etwas schwieriger. „Da muss ich für das Stabhochsprung-Training nach Bad Sooden-Allendorf fahren. Dort sind ehemalige Studenten von mir Lehrer am Sportgymnasium. Über sie komme ich an Trainingszeiten.“ Sprints, Hürdenläufe und in begrenztem Maße Weit- und Hochsprung sind in der kalten Jahreszeit auch im sogenannten „Laufschlauch“ im Jahnstadion möglich. Der befindet sich unter den Stehplatz-Tribünen und dem Stadion-Restaurant.

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Schon in seiner Kindheit hat sich Geese für die Leichtathletik entschieden, er studierte in Mainz Sportwissenschaften und Physik und wechselte nach dem Diplom dort als Dozent an die Universität Göttingen – natürlich mit dem Schwerpunkt Leichtathletik. Im Bereich Biomechanik hat er promoviert, sein Schwerpunkt in der Sport-Theorie waren die Trainingwissenschaften. „Ich habe aber nie nur daneben gestanden, ich hatte immer Studenten-Gruppen, die ich betreut und mit denen ich aktiv gearbeitet habe.“

Training mit Wentz im Pool

Auch namhafte Zehnkämpfer profitierten von seinem Wissen. Jürgen Hingsen (Olympia-Silber 1984 in Los Angeles), Siegfried Wentz (Olympia-Bronze 1984) oder Guido Kretschmer (Olympia-Silber 1976 in Montreal) gehörten in ihrer aktiven Zeit zur Weltspitze. Regelmäßig war Geese mit ihnen im Trainingslager – vorzugsweise auf Lanzarote. Dort dokumentierte das ZDF eine spezielle Stabhochsprung-Trainingseinheit mit Wentz im Hotel-Swimmingpool, nach denen der Athlet seine Bestleistung um 30 Zentimeter verbesserte. Diesen Bericht hatte auch Günter Netzer gesehen. Der damalige Manager des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV rief bei Rolf Geese in Göttingen an. Man traf sich und vereinbarte eine Zusammenarbeit. „Jahrelang bin ich einmal wöchentlich nach Hamburg gependelt und habe systematisch einen Trainingsplan für die Spieler entwickelt – auch mit Felix Magath als Trainer.“

Mit Magath machte er später auch die Spieler des VfB Stuttgart und des VfL Wolfsburg fit. „Die sind dann sogar Deutscher Meister geworden. Es ging vor allem darum, die konditionellen Voraussetzungen zu verbessern – die Spieler schneller und ausdauernder zu machen.“ Noch heute haben Geese und Felix Magath immer einmal wieder Kontakt. Vor drei Jahren hat der Fußballtrainer den Leichtathleten in Göttingen besucht. Gemeinsam waren sie im Landgasthaus Lockemann in Herberhausen zum Essen. „Da haben die anderen Restaurant-Gäste ganz schön geguckt.“

15 Jahre Wettkampfpause

Nicht durchgehend war Geese so aktiv als Mehrkämpfer wie jetzt. „So zwischen 35 und 50 Jahren war ich Freizeitsportler, habe nicht so zielstrebig trainiert. Als mir meine Kinder aber davon gerannt sind, wollte ich das nicht auf mir sitzen lassen und bin wieder eingestiegen“, erzählt der Vater von zwei Söhnen (42 und 37 Jahre) und einer Tochter (34) und Großvater von zwei Enkelkindern.

Mit dem Wiedereinstieg ins Wettkampfgeschehen kamen auch die Teilnahmen an den Senioren-Meisterschaften weltweit. Gleich bei seinem ersten WM-Start im US-amerikanischen Buffalo holte er sich 1995 den Titel – und den Respekt der Konkurrenz für den „Neuling“ unter den Masters-Leichtathleten. Es folgten Starts weltweit: Südafrika, Südamerika, Kanada, Australien. „Ich habe diese Wettkämpfe immer mit tollen, mehrwöchigen Reisen mit meiner Frau verbunden. Beispielsweise sind wir am Great Barrier Reef getaucht. Wir sind viel herum gekommen.“

Auszeichnung für zwei Weltrekorde

Rolf Geese erhält von der European Masters Athletics (EMA) in der Kategorie Mehrkampf den „EMA Best Masters Awards 2019“. Die Auszeichnung wird anlässlich der Hallen-Europameisterschaften im portugiesischen Braga (15. bis 22. März 2020) überreicht, an der Geese auch als Aktiver dabei sein wird.

Der LG-Leichtathlet fügte seiner langen Erfolgsliste 2019 gleich zwei Weltrekorde hinzu. Neu in der Altersklasse M75, wurde er in Göttingens Partnerstadt Torun Hallen-Weltmeister mit neuem Weltrekord von 4443 Punkten im Fünfkampf. Auch über 60 Meter Hürden gewann er den WM-Titel. In 10,54 Sekunden rannte er Europarekord.

Im Sommer holte Geese sich auch den Weltrekord im Zehnkampf. Anfang Juni beim Stendaler Hansecup erzielte er bärenstarke 8538 Punkte. Drei Jahre nach seinem Zehnkampf-Weltrekord in der M70 an gleicher Stelle nutzte der Neu-75er die optimalen Bedingungen in Stendal für einen Fabel-Weltrekord. Der Niedersachse verbesserte die alte Bestmarke des US-Amerikaners Robert Hewitt (7910 Pkte.) aus dem Juni 2008 um sage und schreibe 628 Punkte. Den Europarekord des Tschechen Pavel Tosnar (7508 Pkt.) steigerte Geese gar um über 1000 Punkte.

Von Kathrin Lienig

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