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Regional Perfekte Harmonie beschreibt den Weg des Bogens
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06:18 16.03.2012
Mischung aus Meditation und Sport: Kyudoka Horst Neubauer.
Mischung aus Meditation und Sport: Kyudoka Horst Neubauer. Quelle: SPF
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Göttingen

„Man muss seine Mitte finden, die Seele muss ausgeglichen sein“, erklärt Horst Neubauer (67). Erst wenn es einem Kyudoka nicht mehr darauf ankomme zu treffen, treffe er. „Das klingt paradox, aber um eine perfekte Harmonie, einen Gleichklang von innerer und äußerer Ruhe zu erreichen, darf es den Schützen nicht tangieren, ob der Pfeil sein Ziel findet.“

Kyudo (Kyu: Bogen, Do: Weg) ist ursprünglich eine Technik der Samurai, die im 6. Jahrhundert entwickelt und im Krieg eingesetzt wurde. Mit der Einführung von Feuerwaffen im 16. Jahrhundert verlor sie die militärische Bedeutung. Heute wird Kyudo zur Jagd, zum Sport und für Zeremonien verwendet.

Ohne Zielvorrichtung, ohne Auflage

„Bei einem Kyudo-Bogen gibt es keine Zieleinrichtung und keine Pfeilauflage“, erläutert Ralf Frickemeier (51). Er schießt seit 28 Jahren mit dem rund 2,30 Meter großen Bogen und verbessere sich stetig. „Man ist beim Kyudo nie fertig, sondern lernt immer weiter dazu“, sagt er. Neubauer ergänzt: „Jeder Schuss ist eine neue Herausforderung.“

Ihn reize am Kyudo die Mischung aus meditativen Elementen und sportlichen Komponenten. „Um mit einem Kyudo-Bogen zu schießen, muss man seine psychische und physische Mitte finden.“ Kyudoka spannen den Bogen mit beiden Armen symmetrisch. Anders als beim westlichen Bogenschießen, wo ein Schütze mit einem Arm das Schussgerät taxiert und mit dem anderen Arm zieht. „Beim Kyudo zieht der linke Arme nach vorn, der rechte nach hinten. Auf dem Daumen der linken Hand liegt der Pfeil rechts des Bogens auf“, sagt der 67-Jährige, der seit 1978 Kyudo betreibt. Mit dem rechten Arm ziehe der Kyudoka den Pfeil etwa in Höhe des Wangenknochens zurück. „Schon beim Abschießen merke ich, ob der Schuss trifft.“ Daran könne er feststellen, wie seine mentale Verfassung ist.

Kyudo wird auch von älteren Schützen betrieben. „Die Zugkraft lässt etwas nach, die Präzision steigt“, sagt Frickemeier. „Der Weg der technischen Vervollkommnung“ mache einen wichtigen Teil des Kyudo aus. „Besinnlichkeit, Konzentration und der dauerhafte Kampf gegen sich selbst sind für mich Motivation“, sagt der 51-Jährige, der über andere Budo-Sportarten wie Jiu Jitsu und Aikido Kyudo entdeckt hat. Neubauer fand über Literatur den Weg zum Kyudo: „Ich habe in den 70ern Eugen Herrigels Buch über die Kunst des japanischen Bogenschießens gelesen.“ Das habe ihn sofort fasziniert.

Training in Wörth-Sporthalle

Die Mitglieder des Leine Dojo Göttingen trainieren einmal in der Woche, vor Wettkämpfen zweimal. Wie vor den Niedersachsenmeisterschaften am Sonntag in der Wörth-Sporthalle. Dort erreichten die Göttinger den dritten Platz. „Wir haben uns schon etwas mehr ausgerechnet, aber durch den Druck des Treffen-Müssens konnten wir unser Trainings-Niveau nicht erreichen“, erklärt Neubauer. Die Balance beim Kyudo sei sehr wichtig, die Schützen verspannten jedoch.

Die Kyudoka trainieren dienstags von 20 bis 22 Uhr in der Wörth-Sporthalle, Leibnizstraße 2. Ausstattung für Interessierte ist vorhanden. Weitere Information bei Ralf Frickemeier unter Telefon: 05 51 / 764 26.

Kyudo

Ein Kyudo-Bogen ist circa 2,30 Meter lang und besteht  traditionell aus mehreren Schichten Holz und Bambus. Heute werden häufig Karbon und Fieberglas verwendet. 300 bis 500 Euro kostet ein Einsteigerbogen.  Dazu benötigt ein Kyudoka einen Schießhandschuh (rund 250 Euro) und Pfeile.  Die Zugkraft, die ein Schütze aufwenden muss, beträgt je nach Bogen 9 bis 20 Kilogramm. Die Samurai schossen mit bis zu 30 Kilogramm, um gegnerische Panzerungen zu durchschlagen. In Deutschland betreiben über 1000 Schützen in Vereinen Kyudo. Das Leine Dojo Göttingen, eine Abteilung der Tuspo 1861, hat rund 15 bis 20 aktive Mitglieder.